Kölner Stadtschreiber

Streifzüge im Schatten des Doms

Kunst in der Kölner Südstadt – Von Sankt Pantaleon zum Chlodwigplatz

„Kunst ist das, was der Künstler dafür hält“ (Rudolf Intat)

An einem sonnigen Samstag beginne ich meinen Kunst-Spaziergang an der KVB-Haltestelle „Eifelstraße“.

Auf dem Grünstreifen in der Mitte des Sachsenrings finde ich die Statue „Diana mit springender Antilope“ (1916) des zu seiner Zeit sehr angesehenen nationalsozialistischen Bildhauers Fritz Behn.

Kunst: Diana Statue von Fritz Behn in Köln

Diana mit der Antilope

Zurzeit ist die Skulptur in einem ansehnlichen Zustand, doch das war nicht immer so. Im Laufe ihrer Standdauer hatte sie zunehmend unter Rostfraß zu leiden, Farbschmierereien kamen nach und nach hinzu. Als dann Anfang 2015 bis heute Unbekannte den rechten Vorderlauf der Antilope beschädigt hatten, sprang die „Britta und Ulrich Findeisen Stiftung für Baukultur“ in die Bresche und investierte 13.000 Euro in die Restaurierung des Kunstwerks.

Bleibt zu hoffen, dass ab jetzt der Rost als Einziger Hand an das Kunstwerk legt. Denn auch wenn man die faschistisch-rassistische Gesinnung des Künstlers verabscheut, ist die „Diana mit springender Antilope“ doch eine schöne Skulptur. Schlechte Menschen können Gutes erschaffen, wie auch gute Menschen durchaus Schlechtes bewirken können.

Übrigens finden sich in Köln noch weitere von Fritz Behn geschaffene Exponate: im Südpark, im Kölner Zoo sowie im Rheinpark. 

Kunst: Marienskulptur an Sankt Pantaleon in Köln

Marienskulptur an der Mauer von Sankt Pantaleon

Nachdem ich ein kurzes Stück zurück in Richtung Norden gegangen bin, biege ich rheinwärts in die Waisenhausgasse ein und folge ihr, bis ich an der Kreuzung Am Pantaleonsberg/Vor den Siebenburgen ankomme. Schräg links vor mir an der Außenmauer des ehemaligen Benediktinerklosters Sankt Pantaleon entdecke ich eine gut gepflegte Marienskulptur. 

Kunst: Gedenktafel mit Anrufung Marias an Sankt Pantaleon in Köln

„Maria, breit den Mantel aus …“

Darunter eine Gedenktafel, auf deren oberem, simsartigem Rand sich ein Arrangement aus welkenden Schnittblumen befindet. Ich trete näher und lese einige Zeilen, die zwar leider jegliche Metrik vermissen lassen, deren Inhalt mich aber dennoch, wenn nicht vielleicht sogar deswegen sehr anrührt:

„Maria, breit den Mantel aus / Behüte unser Land und jedes Haus / Krieg, Flucht, Vertreibung, der  Menschheit Schand /
Durch Deine Hilfe für immer gebannt /
Aller Opfer gedenken wir / Suchen Trost und Hilfe bei Dir / 
O Maria“

Die Kunst, Fassaden zu gestalten

Kunst: Stromkasten als Bücherregal bemalt, Pantaleonsviertel in Köln

Einfach zu reinigen

Bei dem Meisterwerk auf der anderen Seite der Kreuzung hat der Künstler auf eine Beschriftung verzichtet, denn es geht ja sowieso schon im Ganzen um das geschriebene Wort. Das auf einen Stromkasten gemalte Bücherregal ist eine hübsche Idee, deren Umsetzung in diesem Fall handwerklich sehr gelungen ist.

Noch bevor ich das „Bücherregal“ im „Kasten“ habe, sehe ich schon das nächste Streetart-Werk, nur 20 Meter weiter in südlicher Richtung, und ich denke: „In dieser Gegend muss es vor Bücherliebhabern nur so wimmeln.“

Kunst: Street Art in Köln: Frau mit pfeildurchbohrtem Buch

„Killing me softly …“

Vielleicht lässt sich diese junge Dame soeben von der Lektüre eines Liebesromans inspirieren – vielleicht hat sich aber auch gerade der Pfeil eines Heckenschützen durch das Buch hindurch in ihr Herz gebohrt und gleich sinkt sie tödlich getroffen zu Boden. Der Ausdruck von Lust ist dem von Leid oft zum Verwechseln ähnlich. Vielleicht habe ich aber auch nicht alle Tassen im Schrank und es ist ganz etwas anderes …

Kunst: Garagentor mit Street Art, Frau vor Bücherregal

Büchergarage

Dieses literarische Garagentor findet sich ebenfalls an der Straße „Vor den Siebenburgen“, nur ein paar Meter weiter. Es scheint tatsächlich ein Veedel der Dichter und Denker zu sein. Eine Buchhandlung ist übrigens weit und breit nicht zu sehen. 

Die Kunst, Vergangenes zu bewahren

Nachdem ich das Gelände des Humboldt-Gymnasiums passiert habe, gelange ich zum Eingangsportal der Klosterkirche der Karmelitinnen Sankt Maria vom Frieden. Sie wurde zwischen 1643 und 1716 im Barockstil erbaut, ihren Namen verdankt sie einem Gnadenbild der Muttergottes, das die französische Königin Maria von Medici dem Kloster vermacht hat.

Kunst: Sankt Maria vom Frieden, Eingangsportal

Sankt Maria vom Frieden

Dieses Bildnis war während des Dreißigjährigen Krieges dem Frieden geweiht worden. Leider zeugt nicht zuletzt die wechselvolle Geschichte der Klosterfrauen des Kölner Karmels davon, dass der Friede dem Menschen auf Dauer einfach nicht im Blut liegt. 

Kunst: Marienskulptur an der Ecke Ulrichgasse/Kartäuserwall in Köln

Eine Mutter betrauert den Tod ihres Sohnes

Nach einigen Metern weiter in südlicher Richtung stoße ich auf die Ulrichgasse. Wobei „Gasse“ in diesem Zusammenhang ganz sicher nicht die treffendste Bezeichnung ist für die vierspurige Halbautobahn, die ich nun überqueren muss, um in das Herz der Kölner Südstadt vorzudringen.

Die Ulrichgasse ist ein Teil der Nord-Süd-Fahrt, zu der es viele – teils sehr unterschiedliche ‑ Meinungen gibt. Wie ein Hauptstromkabel fräst sich diese Verkehrsader durch die Altstadt von Köln – das hat manches historisch gewachsene Veedel zerstört. Die Vorteile dieser Maßnahme sind nur aus der Sicht von Autofahrern erkennbar, die schnellstmöglich von A nach B wollen. 

Heil an Leib und Leben auf der anderen Seite der Fahrbahn angekommen, stehe ich vor dem Gelände des ehemaligen Kartäuserklosters. Heute – genauer gesagt: seit 1928 –beherbergt das Gelände mit dem „Haus der Evangelischen Kirche“ den Sitz des Evangelischen Kirchenverbandes Köln und Region, der auf dem Areal etliche zentrale Einrichtungen betreibt.

Von vielen alten Bäumen bestanden und umgeben von einer langen und hohen Mauer, wirkt es ein wenig wie ein verborgener grüner Stadtteil. An der Kreuzung Ulrichgasse/Kartäusergasse sehe ich an der Mauerecke eine Marienskulptur, sie zeigt die Muttergottes mit ihrem toten Sohn auf dem Schoß.

Kunst: Kreuzigungsgruppe an der Ecke Ulrichgasse/Kartäuserwall in Köln

Klassische Kreuzigungsgruppe

Nachdem ich ein gutes Stück entlang der Mauer in Richtung Ulrepforte gelaufen bin, komme ich zum „Kartäuserwall“, der links von der Ulrichgasse abgeht und mich zum Chlodwigplatz bringen soll.

Auf der Ecke befindet sich eine weitere Skulptur mit christlichem Motiv, eine sogenannte Kreuzigungsgruppe. Dieser Topos stellt meist die Hinrichtung Jesu dar. Am Fuß des Kreuzes stehen für gewöhnlich seine Mutter Maria und der Apostel Johannes, der als Jesu Lieblingsjünger und Verfasser des vierten Evangeliums gilt. Letzteres ist jedoch in der historisch-kritischen Forschung äußerst umstritten, wie so manches, was in der Bibel und ähnlichen Büchern steht.

Genau gegenüber, in einem Torbogen an der Ulrepforte, fällt mir dieser im Stehen schlafende „Wach“-Soldat auf. Bei der Ein-„Stellung“ ist es kein Wunder, dass die „Franzusezick“ in Köln nur ein paar Jahre währte.

Kunst: Skulptur Wachsoldat an der Ulrepforte in Köln

Die „Wacht“ am Rhein

Lange habe ich gedacht, die Ulrepforte sei nichts weiter gewesen als eine von Kölns zwölf großen Torburgen, die ‑ genauso wie die am Eigelstein, am Chlodwigplatz und an der Hahnenstraße – den Abriss der Stadtmauer im Jahr 1881 überlebt hat. Doch inzwischen wurde ich eines Besseren belehrt: Zwar hatte man erst einmal ordentlich viel Geld ausgegeben für ein richtig großartiges Tor, doch dann stellte man fest, dass es gar keine entsprechende Straße gab, die hindurchführte.

So einen Quatsch würde man heute in Köln auf gar keinen mehr Fall machen, denn heute sind wir ja viel schlauer als die Nullchecker im Mittelalter.

Aber schon damals gab es die kölsche Mentalität, aus allem immer das Beste zu machen, und so wurde aus der Ulrepforte kurzerhand eine Windmühle gemacht.

Franz Carl Guilleaume, der Gründer des Carlswerks und frischgebackener alleiniger Inhaber der Firma Felten & Guilleaume, kaufte im Jahr 1885 der Stadt Köln das Bauwerk ab und machte einen Gastronomiebetrieb daraus, eine Weinwirtschaft.

Heute haben die „Funke rut-wieß“, Kölns ältestes Karnevalskorps, in der „Ühlepooz“ ihr Hauptquartier. Das nenne ich eine kölsche Lösung.

Die Kunst, zum Nachdenken anzuregen

Kunst: Graffito am Spielplatz Kartäuserwall in Köln

DFV = „Dinos Fressen Viel“?

Weiter geht’s in die Straße „Kartäuserwall“, vorbei an einem Spielplatz, auf dem ich noch nie ein Kind habe spielen sehen. Dabei bin ich schon zu jeder Tages- und Jahreszeit dort vorbeigekommen. Aber außer Erwachsenen, die sich auf einer der Bänke ausruhen, konnte ich dort noch niemanden entdecken. Ob darüber mal einer nachdenken sollte?

Immerhin findet sich ein hübsches Bild auf der rückwärtigen Mauer zur Ostseite. 

Kunst: Die gestaltete Baulücke Kartäuserwall 14 in Köln

Wem gehört die Stadt?

Definitiv nachdenken sollte mal einer darüber, warum ein paar Meter weiter, wo eigentlich die Hausnummer 14 sein sollte, dieses städtebauliche Ensemble die Passanten geradezu anspringt. In einer Stadt wie Köln, in der Wohnungen – von preiswertem Wohnraum wage ich erst gar nicht zu sprechen – derartig begehrt sind, wie das aktuell der Fall ist, darf es durchaus als Provokation angesehen werden, ein Grundstück im Herzen der Südstadt auf eine solche Weise über viele Monate zu präsentieren.

Mehr dazu im Kommentar „Wem gehört Köln eigentlich?“

Kunst Eingang Kneipe Torburg in Köln

Heiße Sounds

Von hier aus sind es nur noch wenige Meter bis zum Chlodwigplatz, dem Ziel der heutigen Etappe. Links erhebt sich die Severinstorburg, rechts gegenüber findet sich der Eingang zu ihrer gastronomischen Reminiszenz, der „Torburg“.

Die „Südstadtkneipe mit Musik“, wie sie sich selbst nennt, bietet schon seit Jahren ein bemerkenswertes musikalisches Liveprogramm und möchte mit einem sehenswerten Gemälde auf der Jalousie ihres Eingangs darauf aufmerksam machen.

Die Kunst, das Leben zu genießen

Als ich meinen Spaziergang am Chlodwigplatz beende, hat sich die Sonne den Himmel erobert. Weil ich Hunger habe und mich ausruhen möchte, nehme ich auf einer der Rundbänke Platz, die nach der Fertigstellung der neuen U-Bahn-Station um die alten Bäume installiert worden sind. Dort packe ich meinen Apfel aus und lasse meine Blicke schweifen.

Auf dem Platz herrscht ein buntes Treiben, wie an einem Samstag üblich.

Am Severinstor ist eine Hochzeitsgesellschaft versammelt. Die Gäste haben sich lose um eine Getränkestation geschart und prosten einander mit Sekt, Kölsch und Fruchtsäften zu. Ein Fotograf hält emsig die Impressionen des besonderen Ereignisses fest. Gleich hinter mir sitzt, an die Mauer eines Hauses gelehnt, ein Gitarrenspieler auf dem Boden. Sehr fingerfertig und mit geschlossenen Augen ist er in sein Spiel vertieft: ein Virtuose lateinamerikanischer Rhythmen und Klänge. „Was für ein Glückspilz ich doch bin“, denke ich, und es kommt noch besser.

Ein Mann und eine Frau, beide Anfang bis Mitte 20, lösen sich von der Hochzeitsgesellschaft und beginnen miteinander Tango zu tanzen: intensiv, ernst, lachend, leidenschaftlich, impulsiv und hervorragend aufeinander abgestimmt. Ihre großartig durchtrainierten Körper bieten ein wunderbares Schauspiel aus Kraft und Grazie. Nur selten bleibt jemand stehen, um ihnen zuzusehen. Die meisten gehen achtlos vorbei. Aber ich bin ganz hin und weg: ihre Füße so leicht, ihre Glieder fließen im Frage- und Antwortspiel. Sie lieben einander, schweben hinauf und sinken herab ‑ ein Tanz zwischen Himmel und Erde, so schwer und unwiegbar leicht. Wow, denke ich, das ist kein Tanz. Das ist Sex. In aller Öffentlichkeit, und keiner kann was dagegen sagen. Das ist nun wirklich eine Kunst.

Text: -bevi, Fotos: -bevi & Özge Kabukcu

Zweiter Spaziergang: Rund um Zint Jan

Dritter Spaziergang: Vom Rheinauhafen zum Ubierring

 

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3 Kommentare

  1. warte schon ganz gespannt auf Teil 2

  2. Ich finde, die Baulücke hat was 🙂 Netter kleiner Spaziergang, schade, dass die Fotos nicht aufploppen.

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