Der Kölner an sich mag Zugezogene. Natürlich kommt es schon ein wenig darauf an, wie sie sich benehmen. Das ist schließlich überall auf der Welt so. Aber grundsätzlich ist der kölsche Stammbaum, wie er anschaulich im Lied der Bläck Fööss beschrieben wird, international, zeitlos und multikulturell. Wie kommt es dann, dass die Bezeichnung „Imi“ noch immer von „Imitator“ abgeleitet wird?

Jetzt ist es schon wieder passiert, es ist wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung: Ich stehe beim Fleischer vor der Verkaufstheke und höre mich sagen:

„Ahle Blootwoosch, bitte.“

Leider ist mir als gebürtigem Sauerländer der Schnabel nicht so gewachsen, dass ich Kölsch sprechen kann. Trinken ja, aber sprechen: nein. Und da ich ahne, was nun geschehen wird, versuche ich, möglichst unverfänglich zu wirken. Ich studiere die neben der ahlen Blootwoosch ausgelegten Sonderangebote. Aber es gibt kein Entrinnen.

Erwartungsgemäß fragt die freundliche junge Dame von hinter der Theke nach:
„Wie bitte?“

„Ahle Blootwoosch, bitte!“

Hilflos fragende Augen starren mich an. Jetzt muss sie sich erst einmal mit der älteren Kollegin besprechen, die gerade am Hackbrett eine Schweinerippe in haushaltsübliche Teile zerlegt. Sie tuscheln miteinander, hin und wieder wirft eine von ihnen einen Blick auf mich. Dann kommen sie gemeinsam zu mir, und die ältere Kollegin fragt:
„Sie wünschen?“

„A L T E  B L U T W U R S T“, prononciere ich.

„Ach ja“, bestätigt sie lautlos, dreht sich zur jüngeren Kollegin herum und flüstert:
„Hä meint ahle Blootwoosch.“

„Un woröm sät hä dat dann nit?“, flüstert es zurück.

„Dat es ene Imi.“ Mit verbindlichem, wenn auch leicht frostigem Lächeln wendet sie sich wieder mir zu. „Wie viel darf es denn sein, junger Mann?“

„Ich nehme den ganzen Kringel.“

Glücklich, ein Immi in Köln zu sein

Ach herrje!, denke ich. Warum musst du Jeck auch so gerne ahle Blootwoosch essen – als Immi! Und es ist mir durchaus nicht entgangen, dass die gute Frau hinter der Theke mich als „Imi“ bezeichnet hat, also nur mit einem „m“.

„Immi“ mit zwei „m“, so wie ich es ausspreche, kommt von „Immigrant“. Der kann ja nichts dafür, dass er von zu Hause weg musste – aus welchen Gründen auch immer – oder wollte, so wie ich . Also, leicht verdächtig ist das schon ‑ aber gut: Zumindest hat der Immigrant Geschmack bewiesen und sich als Zufluchtsort wenn auch nicht unbedingt die schönste, aber doch ganz sicher die wichtigste und liebenswerteste Stadt der Welt ausgesucht.

Schon klar: Laut Akademie för uns kölsche Sproch ist „Imi“ die korrekte Schreibweise. Das steht für „Imitierter, Zugereister, Zugezogener“. Aber es soll unter uns „Zugezogenen“ durchaus einige geben, die es beleidigend finden, als „Imitierte“ zu gelten.

Seit gut 30 Jahren lebe ich nun schon in dieser herrlich verrückten Stadt. Sie ist zu meiner Heimat geworden. Meine Kinder sind in Köln geboren, zum Kindergarten und in die Schule gegangen. Werden sie jemals echte Kölner sein? Jeder echte Kölsche würde sofort sagen: Sicher dat!

Daher mein Appell an die Akademie: Ändert die Schreibweise! Tut es für mich und meine Kinder! Als Weihnachtsgeschenk – als Neujahrsgruß an alle, die glücklich darüber sind, Immis in Köln zu sein!

Einen Ausweg gibt es immer

Die beiden Wurstfachverkäuferinnen halten mich also für einen Imi mit nur einem „m“. Das ist wirklich peinlich, aber nicht ausweglos. 

Das Zauberwort heißt wie immer „Frechheit siegt“. Also lächle ich die Damen freundlich an. Und obwohl ich schon längst weiß, dass die Haut der besagten Wurst aus essbarem Rinderkollagen besteht, frage ich mit sanfter Stimme: „Sagen Sie mir doch bitte noch: Kann man die Pelle mitessen?“

„Nun ja …“ Die ältere der beiden Damen sucht nach den rechten Worten. „Das kommt drauf an. Also, ich meine, das ist zwar kein Naturdarm, aber essen kann man den trotzdem.“ Nun wirkt sie leicht irritiert. „Aber wenn Sie lieber etwas in Natur hätten … diese Blutwurst da zum Beispiel …“

„Nein, vielen Dank“, wiegele ich ab und blicke ihr dabei gütig in die Augen. „Es ist gut so. Ich esse nämlich nichts, wo Schweine durchgefurzt haben.“

Und ich habe Glück: Erst gucken die beiden verdutzt, dann beginnen sie zu gickstern, und endlich kriegen sie sich vor Lachen kaum noch ein.
Situation gerettet.

Jede Jeck es anders

Jetzt reicht es, gleich am nächsten Morgen frage ich meinen alten Arbeitskollegen Konrad. Der ist ein Kölner durch und durch, geboren in Sülz, aufgewachsen in Sülz, und in Sülz will er auch sterben. All seine Vorfahren – soweit er es zurückverfolgen kann – lebten und starben in Köln. Kölscher Adel quasi. Der versteht mich bestimmt, immerhin arbeiten wir jetzt schon seit über 18 Jahren zusammen.

„Konrad, sag mal, magst du eigentlich ahle Blootwoosch?“

„Noch mal“, sagt er, „was mag ich?“

„Ahle Blootwoosch!“

„Häh?“

Ich sehe, wie er sich Mühe gibt, die Gedankengänge, die durch meine Herkunft bedingte Eingeschränktheit und die daraus resultierende Unfähigkeit eines Zugewanderten zu verstehen. Aber es gelingt ihm lange nicht. Dann endlich die Befreiung:

„Ach, du meinst alte Blutwurst!“

„Ja!“

„Nee“, ein entschiedenes Kopfschütteln, „Blutwurst finde ich zum Kotzen.“

 

Text & Foto: -bevi

 

Diesen Beitrag kannst du dir vorlesen lassen (5:27):

Und hier sorgen die Bläck Fööss mit einem Song von Jupp Schlösser dafür, dass keine weiteren Zweifel aufkommen:

 

 

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