Nils (24) absolviert in Köln eine Ausbildung zum examinierten Altenpfleger. Wie die meisten anderen in dieser Branche ist auch er „reingerutscht und hängengeblieben“. Aber inzwischen ist er glücklich, seinen Traumberuf gefunden zu haben. Im Gespräch mit ihm lerne ich, was sich zur Verbesserung der Altenpflege in unserer Gesellschaft ändern müsste.

Unser erstes Treffen musste Nils kurzfristig absagen, weil er nach fast zwei Wochen mit manchmal täglich wechselnden Schichten einfach nicht mehr konnte: Er wollte nur noch schlafen.

Als ich ihn im zweiten Anlauf in seiner Wohnung besuche, macht er einen relativ ausgeruhten Eindruck. Wir setzen uns auf den Balkon, wo er Tomaten und Kräuter zieht, und genießen während unseres Gespräches die Hinterhofromantik von Köln-Buchforst.

Körperliche und geistige Herausforderung

Natürlich will ich als Erstes erfahren, warum er sich für den Beruf des Altenpflegers entschieden hat. Warum will er nicht beispielsweise Landschaftsgärtner oder Bankkaufmann werden?

„Pflege ist gleichzeitig eine körperliche und eine geistige Herausforderung“, erklärt er. „Den ganzen Tag auf einem Bürosessel zu sitzen und nur mit dem Kopf zu arbeiten, wäre genauso wenig mein Ding, wie auf dem Bau oder sonst wo ausschließlich körperlich reinzuhauen. Beim Umgang mit alten Menschen hast du beides: Es gibt keinen Leerlauf wie im Büro, und du musst nicht nur körperlich schuften. Du bist die ganze Zeit in Bewegung und musst dich auf jede Situation neu einstellen. Das ist gut für mich.“

„Überleg mal: Du arbeitest mit Menschen! Da gibt es so viel zu lernen, jeden Tag! Und wenn du die Menschen respektierst, werden sie dich auch respektieren. Ich bekomme jeden Tag so viel Anerkennung, Zuwendung und Dankbarkeit von den Bewohnern. Das ist doch viel besser als Rechtsanwalt oder Banker, oder was die Leute noch so alles cool finden, was aber eigentlich gar nicht cool ist, weil du nur damit beschäftigt bist, andere übers Ohr zu hauen. Das sind doch die Jobs, die krank machen.“

Nils steht im ersten von insgesamt drei Ausbildungsjahren. Das bedeutet abwechselnd Blockunterricht und Arbeit in einer Pflegeeinrichtung. Das Haus, in dem er den praktischen Teil absolviert, befindet sich im Ortsteil Lindenthal.

„Im zweiten Jahr werden wir herumgereicht: Ambulante Dienste, Chirurgie, Hospiz etc. Das sucht die Schule aus. Im dritten Jahr arbeite ich wieder in der anfänglichen Einrichtung.“

Altenpflege ist Teamarbeit

Wie gestaltet sich denn ein Tagesablauf in der Pflegeeinrichtung?

„Es beginnt mit dem Aufräumen des Aufenthaltsraums, dann Tische decken für das Frühstück. Eine examinierte Fachkraft stellt die Medikamente für die Bewohner zusammen und legte sie auf die Dokumentationswagen.“

„Unterdessen beginnen wir damit, die Bewohner zu versorgen. Die Bewegungsunfähigen werden neu gelagert, um Dekubitus, also Druckgeschwüre, zu vermeiden. Wir helfen beim Waschen, leisten Anziehhilfe etc. Die Grundpflege sollte bis etwa elf Uhr erledigt sein.“

„Frühstück gibt es ab acht Uhr. Die meisten nehmen es im Restaurant zu sich. Diejenigen, die nicht mehr so fit sind, essen im Aufenthaltsraum, die Bettlägerigen im Bett. Dort wird das Essen auch angereicht.“

„Je nachdem, mit welchen Kolleginnen und Kollegen man in der Schicht zusammenarbeitet, geht das gut oder schleppend. Es erfordert viel Organisation. Jedem Bewohner soll es gut gehen. Es bleibt auch Zeit für Gespräche, also für die Seelenpflege. Aber das kommt leider oft zu kurz, weil wir zu sehr mit der Grundpflege beschäftigt sind.“

„Wir kümmern uns den ganzen Tag über um die Bewohner. Achten darauf, was sie trinken und wie viel sie trinken, was sie essen, machen Dekubitusprophylaxe, messen Blutdruck und Blutzucker, helfen bei Toilettengängen. Die Bewohner haben Klingelknöpfe an den Betten. Überall sind Tafeln mit Lämpchen in verschiedenen Farben und akustischen Signalen. So weiß man immer, was los ist.“

„Viel Zeit geht für die Dokumentation drauf. Das ist eine Menge Papierkram, der allerdings wichtig ist und unbedingt erledigt werden muss. Das machen wir handschriftlich. Den Computer nutzen wir fast nur für die die Pflegeplanung, die ist so übersichtlicher. Wir arbeiten ja auch noch mit anderen Berufsgruppen zusammen: mit Ärzten, Physiotherapeuten, Logopäden und Sozialarbeitern.“

„In jeder Pflegeeinrichtung gibt es Praxisanleiter. Das sind angestellte Fachkräfte mit einer Zusatzausbildung, die sich um die Auszubildenden kümmern sollten. Mit ihnen werden konkrete Schulungen abgesprochen. Leider gibt es zu wenige Praxisanleiter. Außerdem sind die natürlich in den Pflegealltag eingebunden und davon oft so gestresst, dass sie sich einfach nicht auch noch mit uns beschäftigen können.“

„Die allermeisten von uns sind irgendwie da reingerutscht und dann hängengeblieben. So wie ich auch: Nach der Schule wusste ich noch nicht so richtig, was ich machen sollte. Da habe ich erst einmal ein Freiwilliges Soziales Jahr absolviert, das war im Marie-Juchacz-Zentrum in Chorweiler. Und dann bin ich sozusagen hängengeblieben.“

„Keiner von uns ist in dem Job, weil die Leute ihm vorgeschwärmt haben: ‚Werde Altenpfleger! Das ist ein super Job!‘ Im Gegenteil. Wenn ich einem sage, was ich mache, heißt es immer sofort: ‚Boah, hammerhart! Das könnte ich nicht!‘ Alle assoziieren sofort Hintern abwischen und Windeln wechseln damit. Stuhl, Urin, Alter, Krankheit, Tod, psychische Probleme und einen kaputten Rücken.“

„Ich liebe diesen Beruf, weil er so viel mehr ist als nur das. Du hast es mit Menschen zu tun, die ein langes Leben hinter sich haben, die viel geleistet und deswegen meinen Respekt verdient haben. Mit diesen Menschen zu arbeiten, für sie da zu sein und ihnen meine Fürsorge zu zeigen, ist sehr befriedigend.“

Kölner Stadtschreiber Altenpflege Junge Hände halten alte Hand

Pflege ist Vertrauenssache

Vom Plan der Bundesregierung, billige Pflegekräfte in Rumänien oder Albanien anzuheuern, hält er gar nichts. Für ihn ist das sogar blinder Aktionismus. Denn die könnten zwar die Grundversorgung stemmen, „aber Pflege bedeutet doch viel mehr als nur das Essen anzureichen. Du musst mit den Menschen sprechen, und zwar so, dass sie dich auch verstehen. Alte Menschen hören von Natur aus nicht mehr so gut. Und wenn dann auch noch ein Sprachproblem hinzukommt, fühlen sie sich völlig im Stich gelassen.“

„Außerdem geht es nicht nur um mehr Pflegepersonal. Es geht vor allem darum, besseres Pflegepersonal zu gewinnen. Du kannst eine Frühschicht locker zu dritt stemmen, wenn du mit Leuten zusammenarbeitest, die für den Job geeignet sind, die das können und auch gerne machen. Und du kannst dieselbe Schicht mit sechs Leuten voll vor die Wand fahren, wenn die Kollegen keine Ahnung haben, das ungern machen und deswegen chaotisch rangehen.“

„Klar, die Belastung ist hoch. Es gibt oft körperliche und psychische Beschwerden bei den Pflegern. Auf Dauer ist es schwierig, bis zur Rente durchzuhalten. Aber Stress gibt es doch in jedem Beruf. Frag mal die Kassiererin bei Rewe oder die Sachbearbeiterin im Jobcenter. Nur bei der Pflege ist das dann auf einmal so ein Ding, dass das deswegen keiner machen will.“

Auf meine Frage, was er von einem Streik zur Durchsetzung besserer Bezahlung und Rahmenbedingungen hält, antwortet er:

„Die Bezahlung ist nicht so schlecht, aber die Umstände sind es schon. Es gibt viel zu wenige Fachkräfte. Die Dienstpläne sind chaotisch und für mich nicht immer nachvollziehbar. Nebenher muss ich noch lernen, bekomme Praxisaufträge, die ich erledigen muss. Das sind Schulthemen, die ich in die Praxis umsetzen muss.“

„Aber streiken und die Bewohnerinnen und Bewohner im Stich lassen, das kann ich mir nicht vorstellen. Man könnte es so gestalten, dass wir mal eine Zeit lang nur das tun, wozu wir vertraglich verpflichtet sind. Wir machen doch alle viel mehr, als wir ‚nach Vorschrift‘ eigentlich machen müssten. Wenn wir uns aber mal alle an die Vorschriften halten und auch immer pünktlich Feierabend machen würden, das würde sich auch schnell bemerkbar machen.“

Am Rande der Gesellschaft

„In der Politik, wie auch in der ganzen Gesellschaft, wird das Thema einfach verdrängt, weil niemand selbst alt und pflegebedürftig werden will. Deswegen wird das ganze Umfeld tabuisiert. Auch wenn in den Medien aktuell oft darüber berichtet wird, habe ich doch den Eindruck, dass einfach nichts gemacht wird.“

„Wir brauchen mehr fähige Menschen, nicht irgendwelche Menschen. Du brauchst Einfühlungsvermögen, musst ruhig bleiben in Stresssituation. Ganz viele, die dafür geeignet wären, sagen: ‚Das könnte ich nicht.‘ Dabei könnten sie das sehr wohl, aber sie wissen es nicht. Sie glauben nicht an ihre Fähigkeiten.“

„Wir Deutschen sind doch die Weltmeister im Verdrängen. Jeder ist nur noch für sich selbst unterwegs. Du sollst funktionieren. Und wenn du nicht funktionierst, kannst du kein Mitgefühl erwarten. Die Alten funktionieren eben nicht mehr. Ihre Kinder oder Enkel kommen hin und wieder zu Besuch und sind dann froh, wenn es endlich vorbei ist und sie diese lästige Verpflichtung hinter sich gebracht haben.“

Mangel an Mitgefühl oder Die Pflege als Spiegel der Gesellschaft

Nachdem wir uns voneinander verabschiedet haben, muss  ich noch lange an diese Worte denken. Bei meinem nächsten Gang durch die Stadt wird mir der verbreitete Mangel an Mitgefühl bewusst: Überall liegen Betrunkene auf den Bürgersteigen, den Plätzen und Grünflächen. Vielleicht brauchen sie ja Hilfe, sie könnten im schlimmsten Fall tot sein – es kümmert keinen. Völlig verwirrte Menschen laufen umher und sprechen mit unsichtbaren Personen. Andere durchwühlen die öffentlichen Mülleimer auf der Suche nach Essensresten. Das interessiert keinen.

Nils hat recht: Respekt und Mitgefühl sind eigentlich die Grundvoraussetzungen für eine menschliche Gesellschaft. In Zeiten des Neoliberalismus scheinen sie zunehmend in Bedrängnis zu geraten. Ihre Rückeroberung wäre mithin der erste Schritt.

Hinsichtlich der Gestaltung unseres Umgangs mit pflegebedürftigen Menschen sollte ein zweiter Schritt darin bestehen, das Bild vom Beruf des Altenpflegers geradezurücken. Pflege ist viel mehr als nur waschen. Pflege ist gegenseitiger Respekt.

Ein dritter Schritt sollte die Umsetzung dieser gesellschaftlichen Tatsache in politisches Handeln umfassen.

Text: -bevi; Fotos: Pixabay

 

Weitere Informationen:

Akuter Personalmangel

In Deutschland sind mehr als eine Million Menschen in der Altenpflege tätig. Diese auf den ersten Blick beeindruckende Zahl steht der Tatsache gegenüber, dass es schon jetzt zu wenig Pflegepersonal gibt. Besonders dringend werden qualifizierte Fachkräfte gesucht – vor allem angesichts der stetig steigenden Zahl der pflegebedürftigen Personen.

Nach einer (eher konservativen) Schätzung des Statistischen Bundesamts steigt die Anzahl der Pflegebedürftigen bis 2050 von heute 2,9 auf 4,5 Millionen. Werden davon dann genauso viele stationär versorgt wie heute, bräuchte Deutschland mindestens 5.000 zusätzliche Heime.

Aktuell sind in der Branche Zehntausende Jobs nicht besetzt. Die Deutsche Presseagentur meldete, dass im Bereich der Ambulanten Pflege „sieben von zehn Einrichtungen“ jeden Tag damit befasst seien, „Kunden abzuweisen“ („Kölner Stadt-Anzeiger“, 28./29.7.2018).

Rainer Brüderle, Vorsitzender des Bundesverbandes privater Anbieter sozialer Dienste (BPA), sagte dem „Handelsblatt“ (Online-Ausgabe vom 2.7.2018): „Allein mit inländischen Potenzialen sowie der Digitalisierung und Robotik werden wir die Fachkräftelücke von bis zu 500.000 Pflegekräften bis 2030 nicht schließen können.“

Die Regierung will mit der „Konzertierten Aktion Pflege“ den Beruf durch bessere Arbeitsbedingungen und höhere Bezahlung attraktiver machen sowie Pflegepersonal im Ausland, vor allem im Kosovo, in Rumänien und Albanien, anwerben. Dies könnte jedoch Versorgungslücken in den betroffenen Ländern zur Folge haben. Außerdem sind bislang die bürokratischen Hürden für die Arbeitsaufnahme in Deutschland für Fachkräfte aus Nicht-EU-Staaten so hoch, dass sie einer schnellen Verbesserung der Situation im Weg stehen.

Im vergangenen Jahr produzierte die Pflegeversicherung – trotz Beitragserhöhung Anfang 2017 – einen Verlust von 2,4 Milliarden Euro. Die noch vorhandene Beitragsreserve beläuft sich auf 6,92 Milliarden, das heißt, sie wird nicht mehr lange reichen, zumal die Kosten in den kommenden Jahren weiter drastisch steigen.

Die Politik gibt vor, von den Verlusten überrascht worden zu sein. Nachdem der vorherige Gesundheitsminister Hermann Gröhe noch Anfang 2017 versprochen hatte, den Beitrag bis 2022 stabil zu halten, kündigte sein Nachfolger Jens Spahn nur anderthalb Jahre später an, den Satz schon 2019 erneut anzuheben: zum vierten Mal in sieben Jahren.

 

Sicherer Job mit Karrierechancen?

Wer sich für den anspruchsvollen Gesundheitsfachberuf Altenpflege entscheidet, sollte belastbar sein und über soziale Kompetenzen verfügen. Teamfähigkeit, Verantwortungsbewusstsein und ein Gespür für die Bedürfnisse alter Menschen sind ebenso gefragt wie Flexibilität und Frustrationstoleranz.

Die Ausbildung umfasst medizinische, pflegewissenschaftliche, rechtliche und verwaltungstechnische Themenbereiche.

Nicht selten ist die Arbeit körperlich anstrengend. Und auch die unablässige Konfrontation mit der Vergänglichkeit des Lebens ist eine Herausforderung. Der Umgang mit diesen Belastungen ist Teil der Ausbildung.

Die Ausbildung dauert drei Jahre und umfasst im Wechsel den Unterricht an einer Altenpflegeschule sowie die praktische Arbeit in Pflegeeinrichtungen. Dabei ist der Schulunterricht eng mit der Arbeit in den Pflegeeinrichtungen verbunden und darauf abgestimmt. Durch eine Zusatzausbildung qualifizierte Praxisanleiterinnen und Praxisanleiter sind im Arbeitsalltag Ansprechpartner und führen die Auszubildenden an die Aufgaben heran.

Nach der Ausbildung stehen Altenpflegerinnen und Altenpflegern vielfältige Aufgabenfelder zur Verfügung: im Team einer stationären Pflegeeinrichtung, im ambulanten Pflegedienst, in Rehabilitationskliniken, auf geriatrischen Stationen, in Hospizen oder beim Medizinischen Dienst der Pflegekassen.

Kölner Stadtschreiber Schützende Hände über der Altenpflege

 

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