Kölner Stadtschreiber

Streifzüge im Schatten des Doms

Aus dem Tagebuch eines Taugenichts

Liebes Tagebuch,

was für ein großartiger Tag das doch heute mal wieder war! Er begann mit einem zarten Sonnenaufgang, für den ich mir gern den Schlaf aus den Augen rieb. Die Luft roch nach frischem Grün, der Klang des Lebens schmeichelte meinen Ohren, das Licht floss weich in meine Pupillen. Das Herz schlug ruhig und stark.

Kaum hatte ich mein Frühstück beendet, klingelte das Telefon. Es meldete sich der Geschäftsführer der Firma, bei der ich letzte Woche ein Vorstellungsgespräch gehabt hatte.

Zu seinem Bedauern, sagte er mit leicht belegter Stimme, müsse er mir mitteilen, dass man sich für einen Mitbewerber entschieden habe.

„Ach“, sagte ich, „das tut mir aber leid für Sie.“

„Wie bitte?“, fragte er.

„Sie haben sich eine wirklich gute Gelegenheit entgehen lassen“, erklärte ich und fuhr tröstend fort: „Vielleicht bekommen Sie ja eine neue Chance. Es heißt ja, dass man sich immer zweimal im Leben trifft.“

Nachdem wir einander alles Gute gewünscht hatten, beendeten wir das Gespräch und ich genoss die Aussicht, Alleinherrscher über meine Zeit zu bleiben.

Einer Eingebung folgend fuhr ich mit der Straßenbahn zum Ebertplatz, schlenderte durch den Theodor-Heuss-Park zur Bastei am Rheinufer und wandte meine Schritte Richtung Dom, nach Süden, der Sonne entgegen, die ihre gleißenden Strahlen auf dem Frühjahrshochwasser des Flusses tanzen ließ.

Allen, die mir entgegenkamen – Joggern, verliebten Paaren, flanierenden Rentnern ‑, blickte ich mit freundlichem Lächeln in die Augen.

Nach nur wenigen Metern auf der Promenade fiel mir in der Reihe der parkenden Autos ein kleines, funkelnagelneues Gefährt auf, in dessen Beifahrertür ein Schlüsselbund steckte. Weder im Inneren des Wagens noch in seiner unmittelbaren Nähe entdeckte ich jemanden, der wie ein Besitzer aussah. Das brachte mich auf den Gedanken, dass die Fahrerin oder der Fahrer den Schlüssel nach dem Einparken im Schloss vergessen hatte.

Wie schön, dachte ich, lange kein Auto mehr gefahren! Außerdem würde mir ein wenig Bewegung sicherlich gut tun.

Kurzentschlossen öffnete ich die Wagentür, setzte mich ans Steuer, startete den Motor und fuhr los.

Mit Genugtuung stellte ich bald fest, dass meine Fahrtüchtigkeit trotz längerer Pause in keiner Weise gelitten hatte. Flüssig fädelte ich mich in den Verkehr auf der Rheinuferstraße ein und lenkte den Wagen sicher nach Norden auf die Mülheimer Brücke.

Da im Radio mal wieder Popmusik vom Fließband lief, schob ich die erstbeste CD aus dem Handschuhfach in den Player, und siehe da: Zu meiner großen Freude erklang Bob Marleys wunderbares letztes Studioalbum „Uprising“. Da konnte ich jeden Song von vorne bis hinten mitsingen, während ich durch das heruntergelassene Seitenfenster das Treiben der Menschen in den rechtsrheinischen Stadtteilen besichtigte.

Auf der Außenterrasse einer Pizzeria am Dellbrücker Mauspfad nahm ich ein warmes Essen sowie einen Espresso zu mir. Zu meiner Überraschung drehte mir der Kellner just in dem Moment, in dem ich ihm erklären wollte, dass ich keinen Cent in der Tasche hatte, den Rücken zu und verschwand im Lokal.

Da ich ein gebildeter Mensch bin, erkannte ich darin eine italienische Geste der Gastfreundschaft, von der ich einmal in einem Buch gelesen zu haben meine. Sofort war mir klar, dass die Beantwortung dieser Ehrerbietung durch eine Geldübergabe eine schwere Beleidigung darstellen würde.

Dankbar für meine in vielen Jahren erworbene Weltläufigkeit erhob ich mich und schlenderte zu meinem Leihwagen zurück.

Ich umrundete einmal komplett die Wahner Heide – das hatte ich schon immer einmal machen wollen ‑, besichtigte das Gut Leidenhausen mit dem Haus des Waldes, überquerte den Rhein bei Rodenkirchen und lenkte das Gefährt, vorbei an Rheinauhafen und Altstadtpanorama, zurück zum Parkplatz an der Bastei.

Zu meinem Wohlgefallen fand ich denselben Stellplatz, den ich dort vor etlichen Stunden zurückgelassen hatte, noch immer ‑ oder schon wieder ‑ frei vor. Keine Sekunde zu früh! Kaum hatte ich die Handbremse angezogen, ging der Motor von allein aus. Der Tank war leer.

Was für ein ausgesuchter Glückspilz ich doch bin!, dachte ich, stieg aus, steckte den Schlüssel wieder von außen in die Tür und setzte mich auf eine nahe Bank.

Dort konnte ich in Ruhe eine halbe Zigarette rauchen, die ich auf dem Boden gefunden hatte, und mich ganz der Schadenfreude über den Wutanfall des inzwischen eingetroffenen Wagenbesitzers hingeben. Als der zur Kenntnis nahm, dass ihm auf wundersame Weise jeglicher Sprit ausgegangen war, bereicherte ich meinen passiven Wortschatz um etliche neue – allerdings  ausnehmend obszöne ‑ Schimpfwörter.

Die Sonne, die mich mit dem Farbenreichtum ihres Lichtes aufs Wärmste durch den Tag begleitet hatte, sank nun im Westen hinter die Spitzen der Domtürme.

Der Tag ging zu Ende. Mit der Straßenbahn fuhr ich in mein Veedel zurück. Dort, auf dem Chlodwigplatz, war Ökomarkt. Also muss heute ein Donnerstag sein.

Und dann sah ich sie: Sie stand hinter der Verkaufstheke der Bäckerei Merzenich und verkaufte gerade irgendeinem, was man im Merzenich eben so verkauft.

Sie war wunderschön! Die Art, wie sie sich bewegte, die Art wie sie sprach! Durch das Schaufenster, über all die ausgelegten Backwaren hinweg, konnte ich ihren himmlischen Geruch riechen.

Nein!, dachte ich. Diese Frau ist so wundervoll, dass du sie niemals berühren wirst. Niemals werde ich mich mit ihr streiten. Niemals werde ich sie meinem Körpergeruch aussetzen. Niemals werden wir beide einander so nahe sein, dass wir uns verletzen könnten. Immer werde ich dich wie eine Elfe in meiner Seele tragen, wie einen Schmetterling, der durch meine Gedanken tanzt.

Und so ging ich davon wie ein glückseliger Mensch, der seinen Weg in den Himmel nimmt mit der Selbstgewissheit, niemandes Gefühle verletzt zu haben.

Liebes Tagebuch, sag doch mal selbst: Ist das nicht wunderschön?

Text: -bevi, Bild: Maja Franke

 

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3 Kommentare

  1. Ließ mich von Herzen schmunzeln. Danke dafür.

  2. Eine herrliche Geschichte. Sie hat mir meinen Sonntag versüßt. Dankeschön dafür.

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