Samstag, kurz vor zwölf Uhr in der Straßenbahn, Linie 12 Richtung Zollstock, knapp vorm Barbarossaplatz. Alle Plätze voll, viele Fahrgäste stehen im Gang. 

Ich komme gerade von einigen Spezialeinkäufen und hocke mit meinem prallen Rucksack auf dem Schoß im Ensemble eines Vierersitzes. Vis à vis eine junge Frau um die 25, gedankenverloren (ihr Aussehen erinnert mich an Liz Taylor, ich taufe sie „Cleopatra“). Neben ihr ein etwa gleichaltriger Mann, einen Kurzbrief in sein Handy tippend. Und neben mir eine ältere Dame, auch sie war shoppen und hat die Aufsicht über drei große Einkaufstüten, die sie mit argwöhnischen Blicken verteidigt.

Hm, denke ich, hier stimmt doch irgendwas nicht, irgendwas fehlt – aber was? Plötzlich steht er da: Ende dreißig/Anfang vierzig, prächtig gewelltes und volles Haar (leider fettig), Zauselbart, wäschebedürftige Kleidung und alle verlässlichen Anzeichen eines gut entwickelten Alkoholismus. Genau, denke ich, das war’s. Der Straßenbahn-Schnorrer hat gefehlt. Ihn taufe ich „Aqualung“, nach dem berühmten Album von Jethro Tull.

Und schon intoniert er mit erstaunlich kräftiger Stimme:
„Ich wünsche Ihnen allen einen schönen, guten Morgen! Leider bin ich momentan obdachlos, da ich kein Hartz vier bekomme, weil ich nämlich wegen Krebs im fortgeschrittenen Stadium der Arbeitsvermittlung nicht zur Verfügung stehe. Bitte geben Sie mir eine kleine Spende, damit ich mir etwas zu essen kaufen kann!“

Ich denke: Wow, auf so einen Scheiß muss man erst einmal kommen. Ist ja klar: Wer heutzutage in Deutschland Krebs hat und deswegen der Arbeitsvermittlung nicht zur Verfügung steht, der bekommt keinerlei Unterstützung vom Sozialstaat, ist deswegen obdachlos und kann sich kein Essen kaufen.

Für einen Moment scheint die Zeit, ja selbst die Bahn stillzustehen. Alle blicken betreten zu Boden oder aus dem Fenster. Selbst Aqualung sackt in sich zusammen und weiß nicht mehr weiter.

Aber der Mann hat Glück. Ich beschließe, ihm wegen unverfrorenster Dreistigkeit einen Preis zu verleihen, ziehe mein Portemonnaie aus der Jacke und lasse ihm einen Euro in die gichtverkrümmte Hand fallen. Und siehe da: Es kommt wieder Leben in die Runde!

Vom Vierersitz nebenan steht eine junge Frau auf und gibt ihm ebenfalls etwas, die Dame neben mir öffnet ihre Handtasche und holt ihre Börse hervor. Ein im Gang stehender Mann findet ein Fünfzig-Cent-Stück in seiner Hosentasche, das er erübrigen kann. Und auch Cleopatra nestelt einige kleine Münzen aus ihrem Geldsäckchen, das sie am Lederband um den Hals trägt.

Stolz und aufrecht steht Aqualung da und kann sein Glück kaum fassen. 

Ich sehe ihn an, bis er zurückblickt, und kniepe ihm mein linkes Auge. Er kniept zurück, zuckt zusammen, findet, leicht irritiert, wieder in seine Rolle zurück und schlurft, Dankesworte murmelnd, weiter. Die Bahn hält an, die Türen öffnen sich, Menschen strömen aus der Bahn, andere hinein  – Aqualung ist fort, der Augenblick vorüber. 

 

Text & Foto: -bevi

 

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