PORTRÄT. Unter dem Pseudonym seiLeise ist der gebürtige Kölner Tim Ossege (*1984) gegenwärtig einer der interessantesten und umtriebigsten Straßenkünstler der Domstadt. 

Auf meinen Streifzügen durch Köln sind mir seine Paste-ups immer öfter und nachhaltiger aufgefallen. seiLeise, dachte ich, was für ein merkwürdiger Name. Also begab ich mich auf Recherche im Internet, und siehe da: Der Mann zeigt sein Gesicht!

Zum ersten Mal treffe ich Tim zwei Stunden vor der Vernissage seiner Ausstellung im Kulturbunker Mülheim. Allerdings tauche ich unangemeldet auf und er ist noch zu sehr damit beschäftigt, die letzten Exponate aufzuhängen und weitere tausend Dinge vorzubereiten. Keine Zeit für ein Gespräch.

Da ich der einzige Störenfried bin, nutze ich die Gelegenheit, mich in Ruhe umzuschauen und Fotos zu schießen.

„Laut“ ‑ Die Bestandsaufnahme

Kölner Stadtschreiber Ausstellungsansicht seiLeise Kulturbunker Mülheim 2018

Die Ausstellung, in der Tim einen Querschnitt aktueller Arbeiten präsentiert, erstreckt sich über drei Räume. Eine interaktive Säule lädt zum Bekleben ein. Im ersten Raum befinden sich drei Skulpturen, die dem Eintretenden den Rücken zukehren und dadurch neugierig machen, weiterzugehen und sie von vorn zu betrachten.

Für die Finissage ist ein Adventsmarkt mit einigen von Tims Street-Art-Kollegen geplant. Unter anderem werden NORT und Ja!Da! als Gäste in der Ausstellung erwartet. Das werde ich mir selbstverständlich nicht entgehen lassen.

seiLeise – Der Künstler Tim Ossege

Kölner Stadtschreiber seiLeise geht laut

Tim bei der Vernissage: erschöpft, aber zufrieden

Als ich ihn ein paar Tage später wieder im Kulturbunker aufsuche, macht er einen entspannten Eindruck. Die Gelegenheit für ein Gespräch ist günstig.

Tim begann seine Straßenkarriere als Teenager. Er fand es aufregend, nächtens gemeinsam mit Freunden irgendwo aufzublitzen, ein Graffito zu produzieren und dann vor der Polizei zu flüchten. Dieser Thrill: „Bloß nicht erwischen lassen! Sei leise!“ War das die Geburtsstunde deines Pseudonyms?

„Nein. Ich mag einfach den Klang, ich bin als Mensch meistens nicht laut. Es passt.“

Irgendwann hatte er keine Lust mehr, nachts aufzustehen, und so suchte er nach Alternativen. Diese fand er in der Street Art.

Was ist der Unterschied zwischen Graffiti und Street Art? „Graffiti sind verschlüsselte Schriftzeichen, Street Art ist eine Bildsprache.“ Er mag daran, dass er mit ihr ein sehr großes und vielseitiges Publikum erreicht – auch solche Menschen, die üblicherweise die Hemmschwelle einer Galerie oder eines Museums nicht überschreiten.

„Straßenkunst ist schon eine ziemlich unmittelbare Art, sich den Menschen zu präsentieren. Im öffentlichen Raum werden deine Arbeiten im Vorübergehen wahrgenommen. Und darauf reagieren die Leute in den sozialen Netzwerken. Das Feedback ist manchmal riesengroß.“

Über die Grenzen der Rheinmetropole hinaus bekannt wurde er durch seine Reverse (= „umgekehrte“) Graffiti. Das ist ein Spezialgenre, bei dem ein verschmutzter Untergrund, eine Wand beispielsweise, teilweise gereinigt wird, so dass ein Bild oder ein Text sichtbar wird. Dieser Effekt kann durch unterschiedliche Techniken erreicht werden, Tim bevorzugt das Sandstrahlen.

Allerdings hat er dafür schon länger keine Zeit mehr. Als verantwortlicher Organisator von „Straßengold“, dem Forum für Street Art, das alle zwei Jahre stattfindet, hat er schon reichlich zu tun. „Ein spannendes Projekt. Als Gründungsmitglied fühle ich mich der Idee sehr verbunden. Wir möchten Räume für Kunst schaffen, abseits etablierter Strukturen. Gemeinsam: von und mit Künstlern für Künstler.“

Letztes Jahr kam ein attraktiver Großauftrag hinzu: Er gestaltete die Flure auf allen sechs Stockwerken des Lindner Hotels Köln als kölsche Themen-Etagen. Die Arbeit daran nahm ein volles Jahr in Anspruch.

Tim hat Verständnis. Zum Beispiel für Hausbesitzer. Wer gerade viel Geld in die Hand genommen hat, um die Fassade neu streichen zu lassen, ärgert sich seiner Meinung nach zu Recht darüber, wenn schon kurz darauf ein Monster-Tag darauf prangt.

Außerdem ist ihm bewusst, dass er den Menschen seine Kunst geradezu aufdrängt. Er findet, dass man als Straßenkünstler der Gesellschaft gegenüber eine Verantwortung hat und sich deswegen unablässig selbst hinterfragen sollte: „Wie weit kann ich gehen?“ Er selbst beschränkt sich weitgehenddarauf, seine Paste-ups auf nacktem Sichtbeton anzubringen.

Ein Leben von der Kunst?

Daher kann er es sich auch leisten, sein Gesicht in die Kamera zu halten. Was er macht, ist keine Sachbeschädigung, sondern schlimmstenfalls eine Ordnungswidrigkeit. Bislang hat er noch keine Schwierigkeiten bekommen – weder mit der KASA („Kölner Anti Spray Aktion“) noch mit Privatpersonen. Wo kein Kläger, da kein Richter.

Hat er Vorbilder? „Vorbilder sind der erste Schritt zur garantierten Erfolglosigkeit eines Künstlers. Der Erfolg eines Künstlers misst sich am Alleinstellungsmerkmal seiner eigenen Arbeit. Sich an bereits bestehenden Konzepten zu orientieren, macht keinen Sinn. Natürlich haben Künstler dieser Zeit Einfluss auf meine Arbeiten. Sich davon frei zu machen, ist der Heilige Gral, aber in der heutigen Zeit nicht zu machen.“

Aktuell schlägt Tim sich als freiberuflicher Steadycam-Assistent durch, doch er ist zuversichtlich, irgendwann von seiner Kunst leben zu können. Also unternimmt er viel, um sie den Leuten nahe zu bringen, und ist in allen gängigen sozialen Netzwerken unterwegs. Es gibt zwar keinen Shop, aber auf seiner Internetseite haben potenzielle Käufer die Gelegenheit, Kontakt mit ihm aufzunehmen.

Kölner Stadtschreiber Motiv Pusteblume von Tim Ossege

Bleib leise, Tim!

Während sich die allermeisten aktuellen Street-Artisten betont zynisch und mit einem Hang zum Vulgären auf Wänden, Türen und Abflussrohren darstellen, vermitteln Tims Werke einen geradezu poetischen Eindruck. Seine aussagekräftigen Motive bewegen sich im Spannungsfeld zwischen der Sehnsucht nach einer besseren Welt und der romantischen Verzweiflung an der bitteren Realität. So verbindet sich Poesie mit politischer Aussage.

Tim Ossege ist ein Meister der leisen Töne. Seine Botschaften bedürfen keiner Worte, sondern vermitteln sich rein visuell aus der Betrachtung der Motivgestaltung heraus.


Text & Fotos: -bevi

Bisherige Ausstellungen von Tim Ossege aka seiLeise:

  • 2019 – Gemeinschaftsausstellung „Aérosol de Cologne“ mit De Strassenmaid und ADULTREMIX – Lindner Hotel City Plaza, Köln 
  • 2018 – Soloshow -Kulturbunker Köln
  • 2017 – „Dirty Works“ 30 Works Galerie Köln
  • 2017 – Soloshow -Kombüse 59 Düsseldorf
  • 2017 – R(h)eine Street Art Düsseldorf
  • 2016 – Soloshow -Kunst&So Köln
  • 2016 – Sticky Art -Brause Düsseldorf
  • 2016 – Straßengold -Kulturbunker Köln
  • 2015 – Straßengold -Kulturbunker Köln
  • 2013 – Cologne Cuts – Galerie Frei Köln

 

 

 

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