Eine Reportage von Özge Kabukcu (Text & Fotos)

Mit dem Beginn der „tollen Tage“ steht am Rhein die Welt auf dem Kopf. Die Jecken feiern bereits am 11.11. um 11.11 Uhr den Auftakt der fünften Jahreszeit. Karneval ist längst nicht mehr nur Brauchtum. Die Rede ist von einer Art Ballermannisierung des Fasteleers. Doch was genau steckt hinter all dem? Ein Blick hinter die Kulissen offenbart Erstaunliches.

Bunte Kostüme, Tanzparaden und witzige Büttenreden sind die eine Seite der Medaille, die andere ist geprägt von Partyexzessen, Betrunkenen und Wildpinklern.

„Es geht doch nur ums Saufen und Abschleppen“ – so oder so ähnlich antworten die meisten Kölner in der Nähe des Domplatzes auf meine Frage: „Was fällt euch zu Karneval ein?“ Dicht dahinter folgen Wörter wie „Alkoholleichen“, „vögeln“ und „Komasaufen“.

Schlechte Stimmung statt Feierlaune. Vielen ist die Lust an Karneval verloren gegangen. Ein Grund hierfür sind die Rangeleien und das Gedränge in der Menschenmenge. Ein weiterer Grund ist der hohe Alkoholkonsum und das daraus resultierende Wildpinkeln.

Auch Oberbürgermeisterin Henriette Reker kritisiert diesen Zustand. „Der Karneval ist in den letzten Jahren – oder eher Jahrzehnten – zu etwas geworden, das eher einem allgemeinen Besäufnis entspricht als dem, was unsere Karnevalskultur ausmacht.“

„Das ist nicht unser Karneval“

Was macht denn eigentlich die Karnevalskultur aus? Auffallend ist bei der Straßenumfrage, dass der Karneval mit negativen Konnotationen assoziiert wird.

„Wir saufen, bis der Arzt kommt!“, schreit mir einer ins Mikrofon. Ein anderer aus der feierlustigen Gruppe schaut mich mit einem leicht verschmitzten Blick an, sagt „Es geht doch nur ums Spaßhaben“ und macht daraufhin eine komische Handbewegung.

Alle Jahre wieder, von Weiberfastnacht bis Aschermittwoch, verleitet es die Jecken zu anarchischem Verhalten. Sechs Tage lang wird es mit der Moral nicht ganz so eng gesehen. Ein Ausnahmezustand.

„Das ist nicht unser Karneval, das ist Straßenkarneval“, sagt Sabrina Djuritschin, Trainerin der Tanzgruppe „Die Schlebuscher“. Sabrina distanziert sich deutlich von den „Ballermann-Karnevalisten“ und ist sichtlich von ihnen enttäuscht.

„Die Schlebuscher“, eine Gruppe von insgesamt 37 Tänzerinnen und Tänzern, lieben und leben den Karneval. Im Vergleich zur „Zügellosigkeit“ der Jecken auf der Straße sind sie über die sechs Tage an einen straffen und klar organisierten Zeitplan gebunden. Sie werden bundesweit gebucht und sind bereits in Berlin und Bingen am Rhein in Rheinland-Pfalz aufgetreten. Gleich am ersten Tag, an Weiberfastnacht oder auch Weiberfasching – „Wieverfastelovend“ auf Kölsch ‑ stehen drei Auftritte auf dem Plan.

Frederica ist Tänzerin bei den „Schlebuschern“. Kurz vor dem Auftritt macht ihre Mutter ihr die Haare zurecht und bindet kleine Schleifen an die Zöpfe. Nach einem kurzen Kontrollcheck und einem Blick in den Spiegel geht es los.

Der Auftritt in der Bundeshalle Bürrig bei Leverkusen beginnt um 16 Uhr. Die Türen öffnen sich und die Tänzerinnen und Tänzer marschieren singend in den Saal. An großen, aneinandergereihten Tischen sitzen die Narren mit ihren bunten Kostümen Schulter an Schulter und jubeln den Schlebuschern zu. Fröhlich und munter schunkeln und singen sie. Keinerlei Spuren von „Ballermann-Karnevalisten“, vielmehr gute Laune und ausgelassene Stimmung.

Eine etwas andere Art, Karneval zu feiern

Kölner Stadtschreiber Brauchtum Karneval Sitzung Tanzgruppe

Bunt und fröhlich schunkeln und singen die Schlebuscher Jecken. Foto: Özge Kabukcu

Auf die fünfte Jahreszeit muss man vorbereitet sein. Überall im Rheinland finden sogenannte Karnevalssitzungen statt. Während die einen feiern, sorgen die Tänzerinnen und Tänzer für Stimmung.

Als Tänzer unterwegs im Karneval wird anders gefeiert. Hier ist klare Disziplin gefordert: kein Alkohol, kein Komasaufen und kein Abschleppen. Ein Auftritt jagt den nächsten. Auf Damen- und Herrensitzungen sowie beim Rosenmontagszug präsentieren sie originelle Choreografien mit einer Leichtigkeit, die spielerisch aussieht, in Wirklichkeit aber harte Arbeit ist.

Zwei bis dreimal pro Woche trainiert die Grünwald-Schlebuscher Tanzgruppe. Dem Alter sind keine Grenzen gesetzt. Von 16 bis 66 Jahren reicht die Altersspanne der 37-köpfigen Tanzgruppe.

„Wir sind vielmehr wie eine große Familie“, sagt Trainerin Sabrina. Sichtbar wird dies besonders auf dem Weg zum letzten Auftritt an Weiberfastnacht in Köln. Im großen Bus fahren sie, samt Kommandant, Tanzoffizier, Marie, Trainerin und Trainer, Tanzgruppenleiter sowie allen Tänzerinnen und Tänzern. Rasch werden im Bus das verschwitzte Hemd und die verschlissene Strumpfhose vom vorherigen Auftritt gewechselt. Die Vertrautheit ist spürbar.

„Man gehört zusammen und motiviert sich gegenseitig. Wir sind ein Team. Wenn einer fehlt, stimmt das Gesamtbild nicht“, so Katrin Tenkleve, das Mariechen der Gruppe.

Besonders die Tanzmariechen stehen im Rampenlicht und sind das Aushängeschild ihrer jeweiligen Garde. Sie treten bei unzähligen Veranstaltungen auf und werden auf Händen getragen. Der Posten ist ein harter Knochenjob und trotzdem für viele eine Traumrolle.

Für Tanzmariechen Katrin ist es eine lange Tradition. Sie stammt aus einer karnevalsbegeisterten Familie. Mariechen bereits seit 2013, tanzt Katrin insgesamt seit zehn Jahren bei Grünwald-Schlebusch.

Auch sie hat eine klare Position zum Karneval: „Ich bin eher ein Gegner vom sogenannten Straßenkarneval, der eigentlich nicht mehr zu feiern ist. Ich finde es schade, wenn zum Beispiel die Jugendlichen nur noch trinken. Karneval ist eine Sache, wo man gemeinsam etwas unternimmt, tanzt und singt.“

Das also ist Karneval: Für die einen bedeutet er Urlaub vom Erwachsensein, für die anderen Familie und Tradition.

Özge Kabukcu ist Autorin und lebt in Monheim

Beitragsfoto: Oliver Berg / dpa picture

 

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