Zugegeben: Es gibt unzählige Gründe, die Kölner Verkehrsbetriebe (KVB) zu hassen wie die Pest und lieber mit dem Fahrrad zu fahren oder zu Fuß zu gehen. Besonders dann, wenn du wegen eines Termins pünktlich sein willst. Auf der anderen Seite gibt es kaum ein Biotop in Köln, in dem es mehr menschelt als in den Bussen und Bahnen des städtischen Linienverkehrs.

Mal wieder KVB. Diesmal Linie 12, Haltestelle Herthastraße, Fahrtrichtung Innenstadt, viele freie Sitze im hinteren Waggon.

Die Bahn hält, die Türen öffnen sich. Eine wirklich steinalte Frau steigt laaangsaaam ein, bleibt stehen und sieht sich in Ruhe um.

„Ach herrje“, denke ich. „Gleich fährt die Bahn wieder an, und dann fällst du hin, Omi. Setz dich auf den erstbesten Platz!“

Ein junger Mann schräg gegenüber von mir – vermutlich Mitte 20, lange, gewellte Haare, verschmitzte Augen, ich nenne ihn Bob – erkennt ebenfalls die Brisanz der Situation, legt seinen Rucksack ab, springt auf und stellt sich mit schützend ausgebreiteten Armen neben die Dame.

„Bitte setzen Sie sich doch“, schlägt er vor.

Die Frau mustert ihn von oben bis unten und dann zurück von unten bis oben und zischt: „Junger Mann, bitte belästigen Sie mich nicht!“

Bob lächelt. Hat er Erfahrungen mit alten Menschen?, denke ich.

„Wie wäre es mit dem Platz gleich hier?“, fragt er und zeigt auf einen Zweiersitz.

„Da sitzt schon einer“, sagt sie und winkt ab. „Ich will nicht neben einem anderen sitzen.“

Jetzt fährt die Bahn los, die Frau strauchelt, aber Bob hält sie fest und verhindert, dass sie fällt. Bebend vor Entrüstung beginnt sie, mit ihren Handflächen auf ihn einzuprügeln. „Was fällt Ihnen ein?! Nehmen Sie sofort Ihre Finger von mir weg!“

„Tut mir leid“, lächelt Bob, und ich bewundere ihn für seinen Langmut. Als ich mich umsehe, fällt mir auf, dass inzwischen alle anderen auch lächeln.

„Na gut“, entscheidet die Dame. „Dann setze ich mich eben.“

Bob hat sie inzwischen losgelassen, hält aber weiter seine Arme ausgebreitet, um sie vor einem Sturz zu schützen. Das macht er so lange, bis sie sich neben dem niedergelassen hat, der da schon sitzt,

Noch immer völlig außer sich richtet die Dame erst ihre Frisur, dann ihre Kleidung und schließlich die Stimme an den, der da schon sitzt: „Da fährt der doch einfach los!“ Sie zeigt nach vorne, wahrscheinlich meint sie den Fahrer der Straßenbahn ganz vorne im ersten Waggon.

Bob wendet sich kopfschüttelnd ab und geht zu seinem Sitz zurück.

„Verdammt!“, sagt er, „Wo ist mein Rucksack?“

„Hier“, sage ich und gebe ihm sein Eigentum. „Hab drauf aufgepasst, Mann.“

 

Text: -bevi

 

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