Von vielen Kölschen wird schon seit langem der Verlust des Zusammenhalts in den Veedeln beklagt. Im Allgemeinen wird hierfür die stetig steigende Zahl der Zugezogenen – Immis also – verantwortlich gemacht. In meinem Veedel macht sich neuerdings die Erkenntnis breit, dass es noch weitere Schuldige gibt: die jungen Leute!

Tratsch auf dem Trottoir:

„Passt mich doch heute Nachmittag der junge Mann aus der Doppelwohnung ein Stockwerk höher im Treppenhaus ab und hält mir einen Brief unter die Nase. Den hätte er im Briefkasten gehabt. Aber der wäre ja wohl eher für mich. Müsste sich um ein Irrtum des Briefträgers handeln.

Gucke ich mir den Brief also genauer an und sehe, da steht meiner Nachbarin ihr Name drauf, die auf der gleichen Etage direkt neben mir wohnt. Gut: Bei uns im Haus haben wir ja keine Namensschilder an den Wohnungstüren. Nur unten an den Klingeln und den Außenbriefkästen.

Aber das muss man sich mal vorstellen: Da wohnt dieser junge Mann schon seit drei Jahren hier und hatte die ganze Zeit geglaubt gehabt, dass ich meine Nachbarin gewesen wäre!

Also bitte, ich weiß ja auch nicht so genau, wie der Junge heißt – entweder Kaiser oder Uentrop ‑, weil der da oben mit seiner Freundin in wilder Ehe lebt. Und glaub mal nicht, dass die sich vorgestellt hätten, als die hier eingezogen waren!

Und das ist genau das, was ich immer sage! Seitdem hier immer mehr junge Leute einziehen, geht es mit unserem Veedel den Berg herab. Bald kennt hier keiner mehr den anderen!

Apropos kennen: Treffe ich eben die Frau Küppers von der 32 unten auf dem Bürgersteig. Und der Frau Küppers ihre Tochter war ja gestern Abend im Blauen Müllsack gewesen, also im Musical Dome am Breslauer Platz. Und da sitzt auf einmal direkt neben ihr ein ehemaliger Studienkollege!

Das muss man sich mal vorstellen: Da hatten sich die beiden über 35 Jahre nicht mehr gesehen gehabt, und dann sowas! Der Frau Küppers ihre Tochter hätte dann auch erzählt gehabt, sagte die Frau Küppers, dass sie sich an die Vorstellung gar nicht mehr erinnern könnte. So viel hätten die beiden einander zu erzählen gehabt!

Pass auf: Und jetzt kommt das Beste.

Der ist jetzt frisch geschieden, und geht heute Abend mit der Frau Küppers ihrer Tochter essen! Das muss man sich mal vorstellen! Was soll das denn jetzt bloß werden?

Ach herrje, ich muss ja noch in die Apotheke! Die macht gleich zu! Na, bis zum nächsten Mal, und einen schönen Abend noch!“


Text & Foto: -bevi

 

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