Kölner Stadtschreiber

Streifzüge im Schatten des Doms

Das passiert mir nicht noch einmal!

KOMMENTAR. Noch nie standen uns so viele Informationen über die Ursachen und Folgen unseres umweltzerstörenden Konsumverhaltens zur Verfügung wie heute. Nie zuvor hatten so viele Menschen Zugriff auf diese Informationen wie im gegenwärtigen digitalen Zeitalter. Jeder kann sich über alles informieren, die nötigen Schlüsse daraus ziehen und sich dann entsprechend verhalten. Plastik vermeiden zum Beispiel. Warum machen wir das eigentlich nicht?

Letztens stehe ich in einer Filiale einer sehr bekannten und erfolgreichen Kölner Supermarktkette am Kassenlaufband und traue mal wieder meinen Augen nicht. Der etwa dreißigjährige Hipster vor mir hat sich als einzigen Einkauf einen gemischten Salat aus dem Frischesortiment der Convenience-Theke ausgesucht.
Und jetzt pass auf:

In einer alle anderen Packungen umschließenden, durchsichtigen großen Plastikschachtel mit Klappdeckel sehe ich viele weitere kleine Klarsicht-Plastikschachteln und -dosen. Darin befinden sich die einzelnen Bestandteile des „gemischten Salats“ – wie Tomatenstücke, Maiskörner, Salatstreifen, gebratene Fleischschnetzel, ein Töpfchen Dressingsauce (alles separat dosiert und abgepackt!) sowie das in einer weiteren, länglichen Plastikschachtel verplastikte Plastikbesteck: Plastikmesser und Plastikgabel.

Moment, denke ich, da fehlt doch noch was. Und richtig. Als die Kassiererin die besagte Box vom Band greift, um sie über den Scanner zu ziehen, kommt darunter das i-Tüpfelchen zum Vorschein: ein plastikverschweißtes Wegwerf-Erfrischungstuch, die formvollendete Hipster-Serviette. Na also, schließe ich, geht doch!

Hygienisch, praktisch, länger haltbar – wegen der Umwelt!

In Gedanken spaziere ich noch einmal durch den Supermarkt:

An der Obst- und Gemüsetheke findest du vieles bereits vorportioniert in Plastikschachteln zum Preis pro Einheit. Eine Handvoll Brombeeren zum Beispiel für 3,49 Euro, jeweils abgepackt in eine Plastikschale mit Plastikdeckel. Oder 4er-Packs Äpfel aus Südafrika (aber Bio!). Was lose angeboten wird, sollst du dir aus hygienischen Gründen in diese kleinen Plastiktüten von den Rollen stecken, die du nur aufbekommst, wenn du dir vorher die Finger ableckst, mit denen du den Einkaufswagen schiebst. Sehr hygienisch.

In der Convenience-Theke findest du Wraps in Hartplastikschalen, Joghurt-Desserts in Plastikbechern mit gewölbten Plastikdeckeln, Sandwiches in dreieckigen Plastikdosen, Salatmischungen mit und ohne Dressings in Plastiksäckchen. Sehr praktisch.

Brot, Getreide, Nüsse, Getränke, Fleisch, Wurst, Käse, Aufstriche, Tapas, Hygieneartikel vom Klopapier bis zu den Taschentüchern: Plastikmüll, wohin du siehst. In der Süßwarenabteilung begegnen dir 10er-Packungen Brownies mit einzeln verpackten Küchlein darin. So ist jedes einzelne davon noch länger haltbar! Schokoladenpackungen, in denen jeder Riegel in dünne Plastikfolie eingewickelt ist. Und dann die Krönung: eine Plastiktüte mit vielen kleinen Plastiktüten darin, in denen sich jeweils eine Kinderhandvoll Gummibärchen befindet.

Und an der Packstation steht neuerdings ein SB-Automat. An dem können sich die lieben Kleinen quietschbuntes Slush-Ice in Plastikbecher füllen. Da kommen dann oben Clownsgesichter aus Plastik als Deckel drauf, in die der Plastik-„Stroh“halm schon eingebaut ist.

Und das Allerbeste: Diese Supermarktkette hat die Einkaufstasche aus Plastik abgeschafft. Wegen der Umwelt! Ist das nicht toll?

Immer lustig und vergnügt, bis der Arsch im Sarge liegt

Machen wir uns nichts vor. Deutschland ist ein Wegwerfland. Jeden Tag gehen allein 7,6 Millionen Einweg-Kaffeebecher in den Müll. Das muss man sich einmal vorstellen. Laut Statistischem Bundesamt hat sich die Menge der in Deutschland verbrauchten Plastikverpackungen ‑ nicht zuletzt durch die Zunahme des Online-Handels, aber auch wegen der Tendenz zu immer kleineren Portionsgrößen ‑ allein in den Jahren von 2000 bis 2012 um 60% erhöht.

Wo auch immer ich in Köln gehe oder stehe, um mich herum flattern und rotten Plastikverpackungen in jeder Form. Früher oder später landet vieles davon im Rhein. Und der Rhein transportiert das Plastik dann ins Meer. Dort zerfällt es, ruiniert das Lebenssystem – inzwischen weltweit ‑ und kommt über die Nahrungskette wieder zurück in unsere Körper.

Wir wissen, dass das totale Scheiße ist. Aber wir machen nicht nur lustig weiter, sondern benehmen uns sogar immer bescheuerter. Von Tag zu Tag und von Jahr zu Jahr werden wir immer bekloppter. Kann es sein, dass wir aufgegeben haben? Dabei sehen wir Deutschen uns doch so gern als ökologische Musterknaben in der Welt. Kann es sein, dass wir Heuchler sind?

Eine Plastikverpackung herzustellen ist ein enormer Aufwand, dann benutzten wir sie einmal und werfen sie dann weg. Selbst wenn wir sie in die Mülltrennung geben, geht der Irrsinn weiter: 50 Prozent des Plastikmülls werden gar nicht recycelt, sondern entweder verbrannt oder nach China exportiert. Aber neuerdings wollen die Chinesen unseren Müll nicht mehr haben, weil sie inzwischen selbst mehr als genug davon produzieren.

Und nun?

Es wäre doch, überlege ich und fasse den Haardutt des Hipsters vor mir scharf ins Auge, kein Problem für dich, du Blödmann, dir auf dem Markt am Donnerstag hier um die Ecke frischen Salat vom Bauernhof aus Rondorf in eine Jutetasche packen zu lassen und den dann in deiner stylischen Hipsterküche mit weiteren natürlichen Zutaten herzurichten – oder?

Ich bin konsequent auf Bio-Lebensmittel umgestiegen

Als ich dann meine Waren auf das Kassenband lege, wird mir ganz schwummrig. Was haben wir denn da? Zwei Plastikflaschen Mineralwasser, einen 1,5-kg-Plastiksack Frühkartoffeln (immerhin Bio!), Scheiben von Bio-Cheddarkäse in einer wiederverschließbaren Plastiktasche, plastikverschweißtes Putenbrustfilet (Bio! Bio! Bio!), eine Bio-Salatgurke im Plastikpräservativ … Verdammt! Da fällt mir ein, dass ich vergessen habe, zur Bank zu gehen und mir Bargeld zu ziehen. Also fische ich meine EC-Karte aus dem Portemonnaie und bezahle mit Plastikgeld.

Das, schwöre ich insgeheim und feierlich, passiert mir nicht noch einmal!

Text & Foto: -bevi

Mehr Informationen zum Thema Plastik:
It’s a plastic world – German
Unsere Ozeane versinken im Plastikmüll
Mythos Kunststoff-Recycling

 

Diesen Beitrag kannst du dir vorlesen lassen (6:39):

 

 

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1 Kommentar

  1. Ja so ist das. Und China schickt uns den ganzen Plastikmüll, den wir bisher bei denen losgeworden sind, als Weihnachtskitsch und Osterdeko zurück.
    Es gibt noch nicht wirklich genug praktikable und einfache Alternativen, die auch jeder Hornochsen-Hipster ohne viel Grübelei finden kann.

    Danke jedenfalls für diesen Text. Er spricht mir aus der Seele.

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