Einer der vielen Gründe, warum mich das Schicksal nach einem Leben in Versuch und Irrtum endlich nach Köln geführt hat, ist dieser wirklich smarte rheinische Dialekt, der sich aus einem tief empfundenen Laisser-faire-Gefühl speist. Eine Lebensart, bei der ein Westfale wie ich sich unweigerlich bis auf die Knochen blamiert, wenn er sie zu imitieren versucht.

Ende der 80er-Jahre, als ich imitierte … ich meine natürlich immigrierte, stand folgende Geschichte ungefähr so in jedem Buch über die jote, eschte kölsche Aat:

Sitzen eine ältere Dame, eine junge Mutter sowie deren kleine Tochter in der Straßenbahn und fahren durch Köln. Das Mädchen ist damit beschäftigt, sich Mömesse aus der Nase zu puhlen und sie an das Fenster zu schmieren. Die alte Dame zieht die Augenbrauen hoch und fragt die Mamm:

„Darf dat dat?“

Antwort: „Dat darf dat.“

Darauf guckt die alte Dame ganz erstaunt und sagt: „Dat dat dat darf!“

Diese Story fand ich immer klasse.

Theorie …

Welche Botschaft transportiert sie? Ich sehe es so: Selbstverständlich hat das Mädchen die Konversation mitbekommen und stellt das Geschmiere augenblicklich ein. Zwar hat es ganz genau verstanden, „dat et dat darf“, und es weiß den Schutz seiner Mutter sehr wohl zu schätzen.

Aber die Verwunderung der alten Dame sagt mehr als tausend Worte, bringt sie doch zum Ausdruck, dass da etwas nicht normal ist. Die grobe Zurechtweisung mit erhobenem Zeigefinger wäre die falsche Methode gewesen, denn sie wäre demütigend gewesen: sowohl für die Mutter als auch für die Tochter. Das Erstaunen aber ist ein gutmütiger und daher umso wirksamerer Tadel, denn es lässt einerseits die Beziehung zwischen Tochter und Mutter unangetastet und regt andererseits eine positive Charakterentwicklung des Kindes an.

Eine Win-Win-Situation.

Diese Geschichte ging mir mal wieder durch den Kopf, als ich vor ein paar Tagen im Lindenthaler Wildpark war, um dort Ruhe und Entspannung von Lärm und Hektik der Großstadt zu suchen. Dort, so dachte ich, fahren keine Autos, es gibt Bäume und Wiesen und deshalb gute Luft. Außerdem werden dort Tiere und Kinder sein. Und ich liebe Tiere und Kinder, denn sie sind natürlich, unverfälscht und daher geeignet, meine angespannten Nerven zu schonen.

… und Praxis

Gesagt, getan. Das Wetter, das mich in diesem Sommer schon so oft verärgert hat, spielt mit: Zwar ist es wolkig, aber es regnet nicht, und hin und wieder blitzt sogar ein wenig Sonnenschein auf. Die Ziegen haben ihr Gehege verlassen, weil eine Schar von Dreikäsehochs aus dem Automaten gezogene Futter-Sticks auf dem Weg verstreut hat.

Ich setze mich auf eine der dort aufgestellten Bänke und beobachte die Szenerie.

Kennst du den Gestank von Ziegen? Unvergleichlich! Das Gegenteil von guter Luft! Und an Ruhe ist leider auch nicht zu denken. Überall Kinder! Die laufen – schrill kreischend vor Vergnügen – hinter den Ziegen her und lassen immer weiter Futter-Sticks aus ihren kleinen Pappkartons auf den Weg rieseln. Was für ein Radau! Und statt ihrer Teufelsbrut endlich Einhalt zu gebieten, stehen die ebenfalls anwesenden Mütter und Väter schweigend dabei und daddeln auf ihren Smartphones herum. Ungewaschene Ziegen wuseln um meine Beine herum und kommen mit dem Fressen kaum nach. 

Gleich neben meiner Bank beugt sich nun eine junge Mutter zu ihrer kleinen Tochter hinab und sagt mit dieser gekünstelten Stimme, die viele Leute annehmen, wenn sie mit Kleinkindern sprechen: „Maach dat Määh mal ei!“

Was war das denn?, denke ich und gebe mich der Vermutung hin, dass es sich bei dem verwendeten Sprachcode um eines der zahlreichen kölschen Idiome handelt. Das Mädchen sieht seine Mutter verständnislos an. Diese beugt sich daraufhin noch etwas tiefer und beginnt das Fell der nächstbesten Ziege zu streicheln. „Nu kumm ens, Anna-Maria, maach dat Määh schön ei. Ei ei ei! Ei ei ei!“

Da begreifen das Kind und ich: „Määh“ heißt „Ziege“, und „ei machen“ bedeutet „streicheln“. Artig macht Anna-Maria, was von ihr verlangt wird, wenn auch schreckhaft, denn das Tier bewegt sich ja!

In mir erwacht nun der Besserwisser. Schließlich habe ich Pädagogik studiert ‑ wenn auch nur im Nebenfach, aber immerhin! Und so weiß ich, dass es wichtig ist, in Gegenwart von Babys und kleinen Kindern normal zu sprechen, damit die Kinder lernen, wie es richtig ist. Na gut, ich selbst bin auch so großgeworden: Erst happe-happe und dann Aa machen, anschließend teitagehen. Und trotzdem habe ich meine Muttersprache halbwegs brauchbar erlernt. Aber man weiß ja nie!

Anna-Maria ist inzwischen dazu übergegangen, die Ziege, von der sie im Übrigen komplett ignoriert wird, wütend aufs Hinterteil zu schlagen, wieder und immer wieder.

„Määh Aa mat! Määh ba ba!“

Das macht der Ziege zwar nichts aus, denn das Kind ist zu klein und seine „Schläge“ sind nichts weiter als kraftlose Patscher. Aber mir drängt sich der Gedanke auf, dass durch dieses Verhalten eine gewisse Respektlosigkeit der wehrlosen Kreatur gegenüber zum Ausdruck kommt.

Das, denke ich, kommt davon, wenn man seinen Kindern nicht ordentliches Sprechen beibringt. Eine Schlamperei, die sich in allen anderen Bereichen der Charakterbildung fortsetzt!

Aber weil mir auf einmal die eingangs erzählte Geschichte in den Sinn kommt (und ich schließlich Pädagogik studiert habe!), ist mir schon klar, wie wichtig es ist, Kinder nicht lehrhaft zu korrigieren oder gar mit anderen Kindern zu vergleichen. Das setzt sie herab und hemmt ihre natürliche Entwicklung.

Also nehme ich all meinen Mut zusammen und sage zu der junge Frau, wobei ich eine leichte Kopfbewegung in Richtung Anna-Maria mache: „Darf dat dat?“

Die Mamm schaut mich an, als wäre ich gerade aus einem Ufo gestiegen, checkt mit zwei, drei Blicken die Situation und antwortet dann milde: „Un ob dat dat darf!“

Nun wäre es also an mir, „Dat dat dat darf!“ zu sagen, aber dummerweise halte ich das in diesem Zusammenhang für unpassend. Irgendwie, finde ich, hat die gute Frau leider so geantwortet, als wenn ich es schon gesagt hätte!

Weil ich andererseits aber auch zur Rechthaberei neige und gerne das letzte Wort habe, will ich diese wunderbare Gelegenheit, einfach mal die Klappe zu halten, partout ungenutzt verstreichen lassen.

„Ach ja?“, entgegne ich mit hochgezogenen Augenbrauen. „Da kann man dann wohl nichts machen, oder etwa doch?“

„Nä“, ist die lapidare Antwort, die mir endgültig den Wind aus den Segeln nimmt. „Do kann man escht nix maache.“

Also gebe ich mich geschlagen, nicke zustimmend, quäle mir ein Lächeln ab und trete den Heimweg an. Das kommt dabei heraus, wenn ein Imi wie ich versucht, kölscher zu sein als die Kölschen.

Im Davonschleichen wünsche ich Anna-Maria alles Gute für ihre hoffentlich noch sehr lange Zukunft. Vielleicht wird sie ja trotzdem noch ein guter Mensch. 

Seitdem glaube ich, ich brauche dringend mal richtigen Urlaub. Damit meine ich: ganz raus aus Köln. Nur für ein paar Tage natürlich. Woanders ist es ja auch nicht besser.

Vielleicht fahre ich einfach mal wieder nach Westfalen, Heimatluft schnuppern.

19. August 2017

Text & Foto: -bevi

 

 

Teilen