Manch einer, der diese Geschichte gelesen hat, glaubt, ich hätte sie erfunden. Habe ich aber nicht. Na gut: Vielleicht habe ich hier und da etwas übertrieben und auch ein klein wenig hinzugedichtet. Wie im Restaurant: Da willst du den Salat ja auch nicht roh, sondern lieber mit einem wohlkomponierten Dressing. Oder? Bitte schön.

Da sitzt die alte Dame, schaut mich aus weit geöffneten Augen ungläubig an und kann es wieder einmal nicht fassen, dass ich nicht der Andere bin. Zum dritten Mal in Folge verwechselt sie mich mit jemandem, den sie gut kennt, den sie mag, dessen Namen sie aber nicht weiß. Als ich mich neben sie auf den freien Stuhl setze, zuckt sie leicht zusammen.

Vielleicht hält sie mich ja für einen Geist, dessen Nähe ihr Grauen verursacht. Die anderen Patienten im Wartezimmer versuchen teilnahmslos zu wirken, aber ihre brennende Neugier, wie sich diese Situation weiterentwickeln wird, ist deutlich zu spüren.

„Unglaublich, diese Ähnlichkeit!“, sagt die alte Dame. Dabei müsse sie es doch inzwischen besser wissen! Schließlich hätten wir uns ja schon vorher hier beim Arzt gesehen und den Irrtum ausgeräumt. Nun sei sie aber schon wieder darauf hereingefallen! Das Gesicht, Haarfarbe und Frisur, der Körperbau, ja selbst der Gang: genau wie bei dem Anderen! Nun ja, der Blick nicht ganz und auch die Kleider nicht, und die Stimme schon mal gleich gar nicht. Aber ansonsten!

Und wieder einmal versichere ich sie, dass ich ganz bestimmt nicht der Andere sei, als müsste ich mich dafür entschuldigen, ich zu sein. Und ist es denn nicht so, dass mich die anderen Wartenden geradezu geringschätzig anblicken? Machen sie mir etwa einen Vorwurf daraus, nicht der zu sein, der ich in ihren Augen eigentlich sein sollte?

Das darauf folgende peinliche Schweigen löst sich erst auf, als die alte Dame ins Sprechzimmer des Arztes gerufen wird. Da sich die Aufmerksamkeit der übrigen Patienten inzwischen wieder von mir abgewandt hat, nutze ich die Zeit, um meine Gedanken zu sortieren. Schließlich ist das Beste, was es in einem Wartezimmer zu tun gibt, nicht zu warten.

Da fällt mir ein, dass ich neulich am Büdchen von der Chefin gefragt wurde, wann ich denn meine Schulden begleichen wolle. Nichts für ungut, es solle kein Drängeln sein, nur eine Frage. Sie hielt mir den Zettel mit der Summe vors Gesicht, „Lefty“ stand darauf. Meinen richtigen Namen wisse sie nicht, daher habe sie meinen Spitznamen aufgeschrieben. Den kenne ja schließlich jeder – also, nichts für ungut …

Erst nach einer hitzigen Beweisführung, die eine geschlagene Viertelstunde in Anspruch nahm, glaubte mir die gute Frau, dass es ein Anderer gewesen war und nicht ich, der sein Bier vor zwei Wochen bei ihr auf Pump gekauft hatte. Aus ihrer Enttäuschung darüber, dass ich nicht der Andere war, machte sie allerdings keinen Hehl. Und seit diesem Vorfall bedient sie mich ausgesprochen reserviert.

Hinzu kommt, dass in letzter Zeit immer häufiger Bewohner unseres Viertels, die mir vom bloßen Sehen schon seit Jahren vertraut sind, mich freundlich grüßen, so als wollten sie sagen: „Hallo, Alter! Schön, dich zu sehen!“ Doch jedesmal, bevor sie mich wirklich ansprechen, gefriert ihr Lächeln, ihre zum Gruß erhobenen Hände fallen hinunter, ihre Blicke senken sich und wenden sich ab.

Leider bin ich meinem Doppelgänger noch nie begegnet – und ich weiß auch gar nicht, ob ich das möchte. Einerseits reizt es mich sehr, ihm endlich einmal Auge in Auge gegenüberzustehen und seine Erscheinung mit meiner zu vergleichen, ihn anzusprechen, nach dem Namen zu fragen, seine Stimme zu hören.

Andererseits beklemmt mich der Gedanke. Bislang zog ich immer Trost aus der Überzeugung, wenn schon nichts Besonderes, so doch zumindest einzigartig zu sein. Zwar bin ich in jeder Hinsicht ausgesprochen mittelmäßig und zudem auch nicht sonderlich beliebt, aber ich bin doch wohl der Einzige, den es von meiner Sorte gibt – oder?

Der Andere ist offenbar beliebt. Man mag ihn, man freut sich darüber, ihm auf der Straße zu begegnen, am Büdchen räumt man ihm Kredit ein, ohne ihn wirklich zu kennen. Denn wie kann man jemanden wirklich kennen, wenn man ihn dann hartnäckig mit mir verwechselt? Und warum ist er bloß so viel beliebter, als ich es bin? Schließlich wohne ich schon viel länger in diesem Viertel als er, die Leute müssen mein Gesicht doch kennen. Trotzdem hat mich niemals einer gegrüßt. Erst seitdem sie mich für den Anderen halten, machen die Leute das.

Und am Büdchen, bei dem ich nun schon so lange Stammkunde bin, würde ich niemals etwas auf Kredit kaufen. Nicht einmal darum zu bitten, würde ich wagen. Wenn ich kein Geld habe, gehe ich nicht dorthin – Ende der Durchsage. Erst seitdem der Andere in unserem Viertel wohnt, hält man mich für einen Schnorrer. Erst seitdem ich nicht er bin, werde ich auf der Straße belästigt und im Wartezimmer meines Hausarztes misstrauisch beäugt.

Wie ist es wohl anders herum? Wird auch er mit mir verwechselt? Sicher nicht. Mich kennt ja schließlich niemand, zumindest verhalten sich alle so. Doch wenn der Andere irgendwo auftaucht, ist er sofort in ein freundschaftliches Gespräch verwickelt. Man gibt ihm die Hand, klopft ihm auf die Schulter, hofft, ihn bald wiederzusehen. Mit allen ist er per Du, wenn auch niemand seinen richtigen Namen weiß.

Ha! Ich kenne solche Leute! Wie oft habe ich sie schon in Aktion erlebt. Wo auch immer sie auftauchen, sind sie gleich der Mittelpunkt des Interesses. Von Anfang an geben sie sich so, als wären sie schon immer da gewesen. Sie reden ohne Unterlass, sie machen Witze, und alle hören ihnen gebannt zu und schlagen sich vor Lachen auf die Schenkel.

Aber wenn es einmal darauf ankommt, wenn es ernst wird und ein echter Kerl gefordert ist, einer, der zupackt und Verantwortung übernimmt, dann ducken sie sich weg, huschen davon, werden nicht mehr gesehen, hinterlassen unbezahlte Deckel in Kneipen und Büdchen und suchen sich woanders eine neue Schar von Jüngern. Und das üble Spiel beginnt von vorn.

Nein, ich dulde das nicht. Ich will nicht, dass es mich noch einmal gibt. Ich will der Einzige sein. Es reicht nicht, auszusehen wie ich: Ich bin dennoch unverwechselbar. Wer das nicht sieht, ist blind. Und was gilt mir die Freundschaft der Blinden? Was bedeutet mir das Ansehen derer, die nur auf das Äußere schauen? Es ist nichts wert. Sie sind nichts wert!

Ich spüre den wachsenden Hass in mir und die Verachtung. Da geht die Tür zum Sprechzimmer auf, die alte Dame kommt heraus. Ich springe vom Stuhl, laufe aus dem Wartezimmer hinaus auf sie zu und schnauze sie an:

„Sie werden schon sehen, was Sie davon haben!“

Entsetzt starrt sie mich an, ich lasse sie einfach stehen und stürme aus der Praxis hinaus. Die Sprechstundenhilfe ruft mir noch etwas nach, doch es ist mir egal. Sollen sie doch ohne meine Krankheit zurechtkommen! Und zu diesem blöden Büdchen werde ich auch nicht mehr gehen.

Text & Foto: -bevi

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