REPORTAGE. Nach dem letzten großen Frühjahrssturm des Jahres führt mich eine Wanderung von Schloss Bensberg aus in Richtung Milchborntal auf eine Anhöhe, auf der der Wind ganze Arbeit geleistet hat. Es liegen so viele umgeknickte Bäume auf dem Boden, dass die Wegekarte, die ich zur Orientierung mitgenommen habe, vorübergehend keine Gültigkeit mehr besitzt. Aus dem Chaos von Stämmen, Ästen und Zweigen ragt ein schlichtes Eisenkreuz empor. Nun weiß ich, dass ich auf dem Franzosenfriedhof stehe.

In den Jahren 1793 und 1794 sowie von 1813 bis 1815 war das Bergische Land Schauplatz zweier Kriege gegen Frankreich. Der erste war der sogenannte Koalitionskrieg gegen die französische Revolutionsarmee, bei dem zweiten handelte es sich um den Befreiungskrieg gegen Napoleon.

In beiden Kriegen diente das Bensberger Schloss als Lazarett. Wegen der Seuchengefahr durch Typhus wurden die Toten unweit des Schlosses hier im Wald vergraben.

Die sterblichen Überreste von 4.000 Franzosen sollen an dieser Stelle liegen. Viele von ihnen waren nicht ihren Wunden, sondern Krankheiten erlegen. Etliche waren auf dem Rückmarsch von dem gescheiterten Russlandfeldzug ihres Kaisers gewesen. Kurz darauf, beim Wiener Kongress von 1815, wurde das Rheinland den siegreichen Preußen zugesprochen.

Bereits 1794 waren im Bensberger Schlosslazarett 3.000 österreichische Soldaten am Typhus gestorben und ebenfalls dort bestattet worden.

Einige Meter vom Kreuz entfernt erinnert eine Infotafel an diese Zeit und auch daran, dass noch heute ein prägnantes französisches Erbgut in der kölschen Sprache weiterlebt.

Kölsch-Französisches Sprachexkursiönchen

Prumme heißt auf Hochdeutsch „Pflaume“. Der Rheinländer hat seine Bezeichnung für dieses Obst vom französischen „la prune“ abgeleitetet. Die „Prummetart“, der Pflaumenkuchen, enthält zusätzlich das Wort „tarte“ (deutsch: Torte, Obstkuchen).

Schäng kommt von „Jean“. Damit wird jemand mit dem schönen Namen Johann gerufen.

Die im Rheinischen weit verbreitete Bezeichnung Plümmo, mit der ein Federbett gemeint ist, leitet sich vom französischen „plumeau“ ab.

Dätz – die rheinische Bezeichnung für „Kopf“ ‑ kommt vom französischen Pendant „la tête“.

Der Kölner Friedhof Melaten war zur Franzosenzeit ein Feldlazarett, in dem die Versehrten, die „malades“, gepflegt wurden (oder starben).

Und das weltbekannte Tschö schließlich geht, wie inzwischen wohl jeder kölsche Erstklässler weiß, auf das französische „Adieu“ zurück, was wiederum so viel heißt wie „Gott befohlen“.

Mit diesem Gruß gedenke ich der vielen jungen Männer, die einst und jetzt hier und überall auf der Welt dem Streben machthungriger Leitwölfe geopfert wurden und werden, und setze meine Wanderung fort in dem Wissen, dass dieser Irrsinn niemals endet.

Keine Fisimatenten!

Im Weitergehen fällt mir dann die Geschichte ein, wie das Wort „Fisimatenten“ entstanden sein soll. Französische Soldaten sollen den hübschen Kölner Fräuleins „Visite ma tent!“ zugerufen haben, was so viel bedeutet wie: „Besuche mein Zelt!“ Das wiederum soll die Eltern der jungen Damen veranlasst haben, ihren Töchtern einzuschärfen, keine „Fisimatenten“ zu machen.

Diese Erklärung ist etymologisch nicht gesichert. Aber die Erzählung ist schön, und deshalb ist sie wahr. Außerdem tröstet mich der Gedanke, dass die Toten der Menschheitsgeschichte in unserer Sprache weiterleben, auch wenn ihr Ableben auf den ersten Blick sinnlos war.

Noch genauer betrachtet war der Einmarsch der Franzosen 1794 in Köln eigentlich das Beste, was der „Freien Reichsstadt“ damals passieren konnte. Die Bewohner hatten die einstige europäische Metropole derartig heruntergewirtschaftet, dass die Stadt zu jener Zeit in allen Belangen noch im Mittelalter verharrte.

Die neue Verwaltung machte jedenfalls keine Fisimatenten und räumte das Drecksloch, als das sich ihnen das „Hillige Coellen“ dargeboten hatte, ordentlich auf. Ab sofort war es vorbei mit der Kalledresserei. Das Entsorgen von Müll und Fäkalien auf der Straße wurde untersagt. Die Franzosen führten Hausnummern ein, verliehen Juden und Protestanten die Bürgerrechte, gründeten die erste Industrie- und Handelskammer auf deutschem Boden sowie das Hänneschen-Theater.

Enteignung und Umnutzung der Immobilien, die sich vordem in geistlichem Besitz befunden hatten, sowie die Vereinheitlichung des Zahlungsverkehrs gaben der Wirtschaft neue Impulse. Und nicht zuletzt dem Bürgerlichen Gesetzbuch der Franzosen ‑ oft einfach Code Napoléon genannt ‑, ist zu verdanken, dass im Kölner Geschäftsleben endlich wieder Rechtssicherheit herrschte, investiert wurde und die Stadtgesellschaft den Anschluss an die Moderne schaffte.

Da wollen wir doch mal nicht meckern!

Nach dem Sturm ist vor dem Sturm

Hier im Wald sieht es aus wie nach einer Schlacht. Kreuz und quer liegen die Stämme. Einige von ihnen, die dicksten, wurden bereits in transportable Stücke geschnitten. In ein paar Wochen werden die Spuren der Verwüstung weitgehend beseitigt sein.

Dann werden hier wieder junge Bäume wachsen, der Kampf um das Licht wird aufs Neue beginnen.

Text & Foto: -bevi

 

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