Kölner Stadtschreiber

Streifzüge im Schatten des Doms

Der Junge und das Rotkehlchen

Hör zu, ich erzähle dir jetzt die Geschichte von dem Rotkehlchen und dem Jungen.

Als der Vater des kleinen Jungen noch lebte, aß die Familie im Sommer oft auf der Bank im Garten. Der Kirschbaum spendete kühlen Schatten, und nirgendwo auf der ganzen Welt schmeckte das Brot so gut wie unter seinen Zweigen.

Immer, wenn der kleine Junge aufgegessen hatte und seinen leeren Teller in die Mitte des Tisches schob, kam dort ein Rotkehlchen zu Besuch.
„Seht nur“, sagte der Vater jedes Mal, „unser kleiner Freund ist wieder da. Das bringt uns allen Glück!“ Und dann lächelte er gedankenverloren und beobachtete, wie das Rotkehlchen die Brotkrümel von den Tellern pickte.

Im Herbst starb der Vater an einer Krankheit.

Das machte die Mutter so traurig, dass sie die Gartenbank vom Kirschbaum fortnahm und sie an eine andere Familie im Dorf verschenkte.
Auch der Junge war traurig, weil er den Vater sehr vermisste. Im Winter schaute er oft durch das Wohnzimmerfenster in den Garten hinaus. Dort stand der Kirschbaum ganz allein im Schnee, ohne Blätter an den Zweigen sah er ganz nackt aus. Das machte den Jungen noch trauriger. Es war der erste Winter seines Lebens, in dem im Garten kein Schneemann stand.
Beim Weihnachtsfest wollten die Mutter und der Junge am Christbaum Lieder singen, aber sie brachten keinen Ton heraus und gingen früh zu Bett.

Als der Frühling kam, schmolz der Schnee. Die Erde wurde wieder warm und weich, sie roch nach Blumen und Gras. Eines Abends, es war Anfang Mai, schaute der Junge aus dem Fenster in den Garten, und siehe da: Auf der dicksten Wurzel des blühenden Kirschbaumes hockte ein Rotkehlchen und äugte neugierig hin und her.
„Ob es wohl unser Rotkehlchen ist?“, dachte der Junge. Schnell griff er seinen leeren Teller mit den Brotkrümeln darauf und lief hinaus.

Als er aber zum Kirschbaum kam, erschrak das Rotkehlchen und flog davon. Das hatte die Mutter vom Fenster aus beobachtet, und sie sagte:

„Bestimmt ist es besser, wenn wir wieder das Abendbrot im Garten essen. Dann kann sich das Rotkehlchen an uns gewöhnen und braucht keine Angst mehr zu haben.“

Gleich am nächsten Tag kauften sie eine neue Gartenbank und auch einen Tisch dazu und aßen unter dem Kirschbaum zu Abend. Der Junge ließ besonders viele Brotkrümel auf seinem Teller zurück, um damit das Rotkehlchen zu locken. Das ließ nicht lange auf sich warten. Schnell kam es herbeigeflogen, lustig hüpfte es um den Teller herum und äugte hin und her. Dann flog es wieder davon. Da staunten der kleine Junge und die Mutter. Ob das Rotkehlchen keine Brotkrümel mehr mochte?

Was glaubst du, wie groß die Freude der beiden war, als das Rotkehlchen gleich darauf zurückkam und seine frisch geschlüpften Kinder mitbrachte? Vier muntere kleine Vögelchen hüpften auf den Tellern herum und pickten alle Krümel auf. Und das alte Rotkehlchen saß mitten unter ihnen und wachte über sie. Da lachten der Junge und die Mutter laut auf und fielen sich in die Arme vor Glück.

In diesem Sommer aßen sie jeden Abend unter dem Kirschbaum, sogar wenn es regnete. Dann spannten sie den großen Sonnenschirm auf und saßen darunter auf der trockenen Bank. Und jeden Abend kamen die Rotkehlchen zu Besuch und leisteten ihnen Gesellschaft. Das war der schönste Sommer, den der kleine Junge jemals erlebt hatte.

Die Vögelchen wurden größer und wuchsen zu Vögeln heran. Als der Herbst kam und die Blätter vom Kirschbaum fielen, flog eines nach dem anderen davon und kam nicht wieder. „Sie suchen sich nun ihr eigenes Leben“, sagte die Mutter. Schließlich blieb nur noch das alte Rotkehlchen übrig.

Das ist nun schon viele Jahre her, und aus dem kleinen Jungen ist ein großer Mann geworden. Er lebt noch immer in dem Haus mit dem Garten, in dem der Kirschbaum steht. Aber er lebt dort nicht allein, sondern gemeinsam mit der Frau, die er liebt. Zusammen haben sie eine Tochter, ein kleines Mädchen. Und bei schönem Wetter sitzen alle drei auf der Gartenbank, essen dort zu Abend und warten auf das Rotkehlchen, das auch immer zu ihnen kommt.

Vielleicht ist es noch dasselbe Rotkehlchen wie damals, vielleicht ist es auch ein anderes. Aber jedesmal wenn es auf den Tellern herumhüpft und die Brotkrümel aufpickt, lächelt der Junge, der jetzt ein großer Mann ist, und sagt zu seiner Familie:
„Seht nur, unser kleiner Freund ist wieder da. Das bringt uns allen Glück!“

Text: -bevi, Zeichnung: Werner Towara

 

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1 Kommentar

  1. Danke, eine schöne rührende Geschichte….❤️

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