Kölner Stadtschreiber

Streifzüge im Schatten des Doms

Der Kölner Stadtschreiber Gottfried Hagen – Teil 3

Der Kampf um die Macht in Köln schwelte schon lange zwischen der Kirche und den immer selbstbewusster auftretenden Patriziern, denen es nach mehr Eigenbestimmung verlangte. Graf Wilhelm IV. von Jülich, der engste Alliierte der Kölner Familien, hielt seit 1267 den amtierenden Erzbischof Engelbert II. von Falkenburg gefangen. Das konnte sich der Papst natürlich nicht gefallen lassen.

Kölner Stadtschreiber Gottfried

Papst Clemens IV. (Quelle: Wikipedia)

Das „Boich van der stede Colne“

Am 2. August 1268 ließ Papst Clemens IV. seinen Gesandten Bernhard von Castaneto im nahen Bonn öffentlich einen Bann und ein Interdikt über die Stadt verhängen, also ein Verbot, Gottesdienste abzuhalten. Und das wiederum konnten sich die Kölner nicht gefallen lassen.

Dies war Meister Godefrits Stunde, in der er sich aus der stickigen Enge der Schreinskanzlei zu Sankt Peter und Sankt Aposteln befreien und in den Lauf der Weltgeschichte eintreten konnte.

In dieser Situation konnten die alerten Kaufleute jemanden, der sich in den geheimsten Winkeln der Jurisprudenz auskannte, die Sprache der Kirche mindestens genauso gut sprach wie der Bischof von Rom und darüber hinaus in Logik und Rhetorik bestens geschult war, dringend gebrauchen.

Ego magister Godefridus clericus Coloniensis procurator iudicium, scabinorum, consilii et aliorum civium Coloniae!

Die Patrizier schickten Gottfried Hagen an die Front. Ausgestattet mit einem Spezialmandat und in seiner neuen Eigenschaft als Prokurator der Stadt, legte Meister Godefrit erfolgreich Berufung gegen die geplante Verlesung der Bannbulle im Kapitelsaal des Kölner Doms ein.

Kölner Stadtschreiber Godefrid Engelbert Gottfried Hagen

Grabplatte des Erzbischofs Engelbert II. im Bonner Münster

Das hielt einige der Verbündeten des Erzbischofs, der noch immer vom Jülicher Grafen festgehalten wurde, nicht von dem Versuch ab, bei einem nächtlichen Überfall Mitte Oktober die Stadt zu erstürmen und unter ihre Kontrolle zu bringen. Dieses Vorhaben scheiterte ebenso kläglich wie blutig, wovon bis heute ein Relief am dortigen Rest der Kölner Stadtmauer kündet (s. Foto oben).

Gottfried hatte die Schlacht an der Ulrepforte als Augenzeuge miterlebt. Das Hauen und Stechen muss ihn ziemlich aufgewühlt haben. Auch können wir davon ausgehen, dass die Kölner Bevölkerung zu jener Zeit in reichlich aufgekratzter Stimmung war und ihre Moral, diesen ständigen Nervenkrieg mit den nicht überall beliebten Patriziern durchzustehen, bisweilen am seidenen Faden hing.

Der große Wurf: Gottfried schreibt den Mythos einer Stadt

In dieser psychologischen Gemengelage der Krisenjahre 1269/70 sah der gelehrte Magister sich veranlasst, einen Weckruf zu verfassen. Nichts weniger wollte er, als einen Mythos erschaffen, ein Ideal von einer Stadt, mit dem die Bürger sich identifizieren konnten, das ein Wir-Gefühl schuf, ein kollektives Bewusstsein.

Als Form dafür wählte er nichts Geringeres als die einer Weltchronik. Seine Geschichte der Heiligen Stadt Köln beginnt mit der Christianisierung im 4. Jahrhundert und erstreckt sich bis in die Gegenwart des Jahres 1270. Das Hauptaugenmerk liegt auf den Jahren ab 1250, in denen das Patriziergeschlecht der Overstolzen im Kampf um Freiheit und Einigkeit der Stadt vielleicht ein bisschen zu sehr verherrlicht wird.

Gottfried Hagen ging es in seiner Chronik nicht nur um historische Fakten, sondern vielmehr um die erzieherische Wirkung auf die Moral der Kölner, die er sich von seinem Werk versprach. Er wollte die Bürger warnen und ermahnen, einträchtig zu sein. Zu diesem Zweck baute er so wirkmächtige Legenden wie beispielsweise die Geschichte von der heiligen Ursula und den elf Jungfrauen in die Chronik ein.

Gottfried tritt aus den Versen als Erzähler und moralische Instanz hervor. Immer wieder beschwört er den Leser, sich als Teil einer großen Erzählung zu sehen – zu begreifen, dass er, der Leser, selbst Protagonist ist in der von Gott wachsam begleiteten über tausendjährigen Geschichte einer heiligen Stadt: der Legende von Köln.

Und dies alles – es darf noch einmal betont werden – geschieht auf Deutsch. Meister Godefrit gibt den Einwohnern von Köln Gesprächsstoff. Die Legenden verbreiten sich auf den Straßen, werden für bare Münze genommen, sickern ein in die Vorstellungswelt der Bürger und schaffen ein stolzes Gemeinschaftsgefühl: „Luur ens, dat sin mir! Mir losse uns nix jefalle!“

Dass er seine Absichten damit nicht verfehlte, kannst du heute noch im Kölner Wappen sehen, das im Gedenken an Ursula, die Schutzpatronin der Stadt, elf Hermelinschwänze führt.

Wenn du willst, kannst du den Text  der „Reimchronik“ in der Ausgabe von Stadtrat E. von Groote (1834) unter diesem Link in voller Länge nachlesen: TITUS Texts Godefrit Hagen, Reimchronik der Stadt Coeln

Kölner Stadtschreiber Godefrid Holzschnitt

Köln. Holzschnitt aus der Koelhoff’schen Chronik, 1499 (Quelle: Wikipedia)

Ganz interessant, aber nicht leicht zu verdauen. Der Anfang des Vorwortes soll als kleine Kostprobe wie auch als augenzwinkernde Warnung dienen:

„Dich ewige Got van hemelrich,
dynen Sun, de eweliche
mit dyr is, ind dynen hilgen geist,
want ir dry vermogit alremeist,
so bidde ich, dat ir myr doit volleist
zo eyme boiche, dat ich wil begynnen
van dingen, die zo Coelne enbynnen
der hilger stede sint‘ gescheit.“

Siehst du, was ich meine? Die „Reimchronik“ gilt zwar als die erste deutschsprachige Stadtchronik, die überhaupt je verfasst wurde, aber so richtig familiär klingt das mittelhochdeutsche Idiom nicht in unseren Ohren. Vielleicht liest du lieber die Inhaltsangabe auf Wikipedia.

Für den Meister Godefrit bedeutete die Veröffentlichung dieses Werkes jedenfalls den Ritterschlag. Vom Frühjahr 1271 an war er als offizieller Kölner Stadtschreiber bepfründet, ab 1275 war er auch noch der Pfarrer des Sprengels Klein Sankt Martin. Davon konnte ein Mann sehr gut leben.

Die letzten Jahre

Gottfried Hagen versah die Pflichten dieser beiden Ämter bis zum Jahr 1287, ab 1291 belegen Urkunden seine Tätigkeit als Dechant von Sankt Georg. Am 4. Juli 1299 starb er im für mittelalterliche Verhältnisse hohen Alter von 69 Jahren.

In dieser Zeit erlebte er die Emanzipation seiner Wahlheimat zur Freien Reichsstadt, eine Entwicklung, die mit der Schlacht bei Worringen ihren ausschlaggebenden Höhepunkt fand. Der Kölner Erzbischof verlor dabei seine weltliche Macht über Köln – die geistliche Obrigkeit verblieb ihm. Die Leitung des restlichen Kurköln außerhalb der Stadt übte er danach von seinen Residenzen in Bonn und Brühl aus.

Noch bis heute pflegen die Kölner Bürger ein ambivalentes Verhältnis zur katholischen Kirche. Sie glauben zwar an den lieben Gott, aber vom Erzbischof lassen sie sich noch lange nichts erzählen. Warum auch? Dem gehört ja nicht einmal der Dom.

Fazit

Der Kölner Stadtschreiber Gottfried Hagen war der Moderator seiner Zeitenwende von der Vormacht der Kirche zur Herrschaft der Patriziergeschlechter. Mit seiner „Reimchronik“ hat er der Stadt und ihren Menschen einen geistig-moralischen Leitfaden auf dem Weg vom kurfürstlichen Mittelalter zur Freien Reichsstadt auf den Leib geschrieben und an die Hand gegeben. Ob zum Guten oder zum Schlechten, magst du selbst beurteilen.

Nein, mit diesem Mann kann und will ich mich nicht vergleichen. Lass mich nur weiter lecker essen und spazieren gehen, meine kleinen Geschichten schreiben und den lieben Gott einen guten Mann sein.

Ob dies nun zum Guten oder Schlechten ist, überlasse ich ebenfalls deinem Urteil.

 

Teil 1: Was ist eigentlich ein „Stadtschreiber“?

Teil 2: O Felix Agrippina Nobilis Romanorum Colonia

Text: -bevi

Beitragsfoto Ulrepforte: Hans Peter Schaefer via Wikimedia Commons

Foto Engelbertschrein: Hand Weingartz vis Wikimedia Commons

Für weitergehendes Interesse:

 

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2 Kommentare

  1. Sehr beeindruckend – alle 3 Kapitel über den Stadtschreiber! Danke für die Einführung in das Leben von Godefrit – ganz neuer Aspekt für mich.

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