Kölner Stadtschreiber

Streifzüge im Schatten des Doms

Freifahrt mit dem Kontrolleur

Gastbeitrag von Ansgar Sadeghi

Er fragte gar nicht erst, ob ich eine Zigarette wollte. Er hielt mir einfach die Packung hin, und ich nahm mir eine heraus. Wir warteten auf die Bahn. Kurz nach Mitternacht. Meine Beine taten weh. Ich fühlte mich müde. Ein kühler Wind weckte erstmals in diesem Sommer eine Erinnerung an die Vergangenheit, die nahe Zukunft war, an Herbstlaub und Nieselregen. Sein Atem roch nach Alkohol.

Dankbar für sein Angebot brannte ich die Zigarette an und ließ mir den ersten Zug, den ich inhalierte, schmecken. Er wirkte gedrungen, ein bisschen, als hätte Gott ihn nach einem Kasten geformt. Seine Augen verbargen sich hinter Schlitzen, sondierten das Gelände, taxierten mich.

Er erzählte mir, dass man ihn aus irgendeiner Kneipe rausgeschmissen habe. Warum, sagte er nicht. Und ich fragte auch nicht.

„Ich fahr jetzt annen Friesenplatz!“, sagte er und streckte mir sein Gesicht entgegen. „Ich brauch da nur inne Kneipe zu gehen und den Jungs zu sagen: Kommt mit! Sin‘ alle Boxer! Die hauen den Laden hier in Stücke. So schnell kannste nich gucken!“

„Glaub‘ ich dir!“, sagte ich und nickte zustimmend.

„Kennste ‚Klein-Köln‘?“, fragte er mich.

Ich nickte ein weiteres Mal und log, sagte „Nein!“ und sprach die Wahrheit. „Wo liegt das?“, fragte ich.

„Na, am Friesenplatz!“ Ich wusste Bescheid. Ein paar Sexshops. Und Bars. Ein kleines Rotlichtviertel. War mal eine berühmte Gegend, als Schäfers Nas der König vom Friesenplatz war. Lang ist das her! „Doch! Kenne ich!“ korrigierte ich mich. „Da gibt es diesen Würstchenstand. Wurst Willi!“ Einen kleinen Moment lang begannen seine Augen zu strahlen, und er schien weit weg zu sein, in anderen Zeiten. Ich schwieg.

„Hast du eigentlich ‘ne Fahrkarte?“, fragte er.

„Nein“, antwortete ich. „Ich werde mir eine kaufen. In der Bahn.“

„Ach was!“, erwiderte er, „Nichts wirst du tun! Du bist ein Schwarzfahrer!“ Er zog an seiner Zigarette und sah mich dabei scharf an. „Ich hab‘ dich im Blick“, sagte er. „Ich kenn mich aus. Ich bin Kontrolleur!“

Ich weiß nicht, warum, aber ich glaubte ihm. Glaubte, dass er, wenn er nicht gerade betrunken war, durch die Straßenbahnen ging, um Fahrscheine einzufordern. Irgendwie mochte ich ihn, und irgendwie tat er mir leid.

„Ich werd ‘ne Karte lösen!“, wiederholte ich. „Ich gehe an den Automaten und ziehe eine!“

„Nichts wirst du tun“, sagte er, „du wirst schwarzfahren. Du fährst mit mir! Und du brauchst keine Karte.“ Wir stiegen in die Bahn, und ich zog keine Karte. Er stieg irgendwann aus, während ich weiterfuhr, und ich sah ihn nie wieder.

Text: Ansgar Sadeghi

 

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1 Kommentar

  1. Gisela Siebert

    24. Februar 2019 at 14:19

    Solche Situationen kenne ich. Irgendwie typisch für spät abends an einer KVB-Haltestelle. Gut beschrieben!

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