Heutzutage gehst du mit deiner Liebsten zum Graveur am Kölner Fischmarkt, lässt dir dort einen Spruch auf den Korpus eines Schlosses ritzen und hängst es dann oben an der Hohenzollernbrücke auf. Noch ein paar Selfies, und das war’s dann. Weiter geht’s, oft genug recht bald mit einer anderen Liebsten. Im Prinzip war das ja schon immer so. Das Spiel ist das gleiche geblieben – nur die Regeln haben sich geändert.

Am Ufer des Rheins, zwischen dem Mülheimer Hafen und dem Deutzer Jugendpark, steht eine mächtige Pappel. Mit breitem Stamm, den zwei ausgewachsene Männer mit ihren Armen nicht umschließen könnten, ragt sie aus dem Uferstreifen aus Sand und Kieseln hervor, um sie herum nur umgestürzte, faulende Stämme, Treibgut vom letzten Hochwasser, Scherben und Unrat, nach Grillpartys achtlos zurückgelassen.

Jeden Frühling sprießt in ihrem weiteren Umkreis eine neue Schar aufwärts strebender Schösslinge, alle gefährdet, von der nächsten Flut wieder ausgerissen zu werden.

Die alte Pappel wirft mit ihrem ausladenden Blattwerk weithin Schatten, so dass an ihrem Fuß keine weiteren Triebe gedeihen können.

In ihren Stamm wurde ein Herz geritzt. Ein Herz mit zwei Buchstaben darin, wie das früher die unverheirateten Paare bei ihren heimlichen Rendezvous zu tun pflegten, um ihre Liebesschwüre den Zeugen anzuvertrauen, auf deren Verschwiegenheit sie hoffen durften: den Bäumen.

Dieses Herz, das ich meine, ist so groß wie ein Medizinball, schon etwas unförmig, verwittert, und die Buchstaben lauten A und O. Ein Zeichen für den Anfang und das Ende, das schon vor vielen Jahren dort hinein geritzt worden sein muss. Vermutlich ist das Paar, das sich hier für einen flüchtigen Moment getroffen hat, schon lange tot, und vielleicht sind auch seine Kinder schon tot. Nur der Liebesschwur ist noch da. Er ist sogar, gemeinsam mit dem Baum, im Laufe der zerronnenen Zeit immer größer geworden.

Text & Foto: -bevi

 

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