Kölner Stadtschreiber

Streifzüge im Schatten des Doms

Des Schneiders Weib

Der Herr möge mir verzeihen, wenn es nicht recht ist, was ich tun werde. Aber ich halte es nun einmal für Teufelswerk, dieses nächtliche Treiben der Geister in unserer heiligen Stadt. Steht denn nicht in der Bibel geschrieben, dass der Mensch das Brot im Schweiße seines Angesichtes verdienen soll? Ist das nicht Gottes Auftrag?

Aber seit dieser Spuk über uns gekommen ist, erscheint mir unser Leben mehr und mehr wie ein Frevel wider die Natur.

Es begann vor sieben Jahren

Als Erster kam der Küfer gerannt und behauptete, ihm seien über Nacht die Fässer im Keller mit bestem Weine vollgelaufen. Weil er schon damals ein arger Trunkenbold war, glaubten wir ihm natürlich nicht.

Doch als uns am nächsten Morgen der Bäcker große weiße Brote schenkte und bei seiner Seele schwor, dass er sie nicht selbst gebacken, sondern bei Sonnenaufgang noch warm in seinen Ladenregalen gefunden habe, begannen wir zu zweifeln.

So ging es munter weiter. Den Zimmerleuten wuchsen über Nacht Dachstühle auf ihren Baustellen, dem Fleischer wurden fertige Würste in den Trog gelegt, und mein Mann fand immer dann, wenn er den einen Tag Stoff zugeschnitten hatte, den anderen Tag das fein genähte Kleid in seiner Werkstatt.

Bald darauf machte die Mär von fleißigen Hauselfen die Runde. Wir nannten sie die Heinzelmännchen, weil ihre Gestalt der Alraune ähneln soll, die von Alters her Heinzel heißt.

Nackt sollen sie sein, hässlich und klein

Es heißt, die Alraunenmännlein wollen nicht gesehen werden. Wenn man sie sieht, verschwinden sie für alle Zeit. Und wer sie sah, dem soll ein schlimmes Schicksal widerfahren.

Anfangs schmeckte dies den Pfaffen zwar gar nicht, aber als sie sahen, dass sie nichts dagegen unternehmen und auch nichts Böses daran finden konnten, schickten sie sich drein und deuteten die Mär in Gottes Sinne um.

Die Heinzelmännchen nahmen uns immer mehr Arbeit ab, auch wenn wir niemals einen der Wichtel zu Gesicht bekamen. Die Pfaffen erklärten uns, das gehöre zum Zauber und niemals dürften wir uns erdreisten, sie sehen zu wollen! Das kam mir schon sehr seltsam vor. Wie kann etwas von Gott sein, wenn es sich nur nachts bewegt und die Augen der Menschen fürchtet?

Am Anfang war es ja recht angenehm, aber nach und nach gerieten die Dinge aus den Fugen. Jetzt liegen alle Kölner nur noch auf der faulen Haut und bewegen sich den lieben langen Tag nicht mehr. Sie wissen nichts mehr mit sich anzufangen und sind vor Langeweile ganz zänkisch geworden. Auch mein Mann, um den es mich am meisten schmerzt.

Früher ging er noch mit mir aus, zum Tanz unter Krahnenbäumen

Was für ein hübscher, lustiger Kerl er war! Ein stolzer Handwerker, der beste Schneider in den Mauern der Stadt, berühmt für seine Kunstfertigkeit. Die feinen Herrschaften kamen von weit her und ließen sich die Röcke von ihm nähen.

Jetzt rasiert er sich nicht einmal mehr. Von Tag zu Tag wird er fauler und fetter und nichts interessiert ihn noch. Er sagt: „Was soll ich mich schinden? Die Heinzelmännchen schaffen für uns.“

So ist es ja auch, die Arbeit wird getan. Wenn nicht heute, dann halt morgen oder nächste Woche. Alles fügt sich so, dass es schon reicht.

Beim Bäcker sieht es nicht anders aus. Wenn er schaffen sollte, schläft er tief und fest, und dennoch glüht sein Ofen. Seiner Frau ist es recht. Vom Morgen bis zum Abend hockt sie in der Stube und stopft das Zuckerwerk in sich hinein, das die Heinzelmännchen nächtens formen. Und weil es sie nicht mehr sättigt, muss sie immer mehr davon essen.

Der Küfer ist schon lange sein eigener bester Kunde. Man sieht ihn nirgends anders mehr als auf dem Boden vor einem seiner Fässer liegen, und seine Nase leuchtet so rot wie das Ewige Licht in der Kirche.

Die Zimmerleute schnarchen auf ihren Bohlen, während die Heinzelmännchen das Nötigste erledigen: Kisten schreinern, Türen ausbessern und zerbrochene Möbel durch neue ersetzen.

Sie schaffen nur so, dass es gerade reicht

Wenn das so weitergeht, wird unser schöner Dom wohl niemals fertig!

Keiner will mehr etwas gewesen sein, im Guten wie im Schlechten nicht. Immer heißt es: „Das waren die Heinzelmännchen!“

Gibt es am Morgen beim Bäcker kein Brot, sagt der: „Das ist die Schuld der Heinzelmännchen. Sie haben vergessen, welches zu backen, weil sie alle beim Metzger waren.“

Und tatsächlich: In der Fleischmengergasse hängen dann so viele Würste und Schinken an den Balken, dass es nicht genügend Käufer dafür gibt und die Ware verdirbt!

Und gibt es dann wieder Brot, so macht es zwar satt, aber es schmeckt fade. So wie heutzutage alles fade schmeckt und nichts mehr glänzt.

Und was machen die hohen Herren?

Der Rat der Stadt? Die Patrizier, der Bischof, all die Mönche und Pfaffen? Sie preisen Gott für die Engelsscharen, die Er in Seine heilige Stadt entsandte, und danken Ihm für das Paradies auf Erden, das Er entlang des Rheines für sie ausgebreitet hat. Unterdessen fressen und saufen sie sich voll und scheren sich nicht mehr um die armen Seelen, die von Gott schon längst vergessen wurden, weil sie nicht mehr nach Ihm rufen.

Die Werkstätten in der Schildergasse sind öde und leer, die Poeten schreiben keine Lieder mehr. Stattdessen kritzeln die Heinzelmännchen holprige und freche Verse an die Mauern und malen Fratzen an die Wände. Doch das bemerkt niemand außer mir, weil alle nur träge auf den Kanapees liegen und sich die juckenden Bäuche kratzen.

Schon lange höre ich kein Lachen mehr in den Straßen. Die Kinder spielen nicht mehr in der Sonne, sondern dämmern in ihren Kammern. Sie träumen vom Leben und werden frühzeitig alt.

Doch ich werde nun Licht ins Dunkel bringen

und dem Treiben der Geister ein Ende bereiten. Noch in dieser Nacht, die Falle ist gestellt. Schauen werde ich sie: Von Angesicht zu Angesicht werde ich ihnen gegenübertreten und ihren Zauber bezwingen! Verjagen werde ich die Brut aus unserer schönen Stadt, auf dass wir Menschen frei sind von Faulheit, Müßiggang und Laster und wieder eine Zukunft vor uns liegt!

Die Kölner werden mich darob hassen und Lügen über mich und meine wahren Absichten verbreiten. Verfluchen werden sie meinen Namen und mich der üblen Neugier zeihen. Schmähen wird man meinen Namen, und den Kindern und Kindeskindern werde ich als schlechtes Beispiel hingestellt. Das halte ich aus!

Denn vor Gott werde ich reinen Gewissens treten und sagen, dass ich es aus Liebe tat. Aus Liebe zum Guten und Schönen und aus Liebe zum Leben, das ein Mensch selbst leben und um das ein jeder sich selbst besorgen muss.

Da! Es rumort in der Werkstatt und auf der Treppe – ich höre Poltern und Geschrei! Es ist so weit: Das sind die Heinzelmännchen, die in meine Falle getappt sind! Bleib nun ruhig und nimm all deinen Mut zusammen. Bedenke: Du bist eine Frau, und du bist stark! Schon einmal hat eine starke Frau diese Stadt vor dem Bösen bewahrt. Ergreife das Licht, geh hinunter und sieh den Geistern ins Gesicht! Befreie die Heimat vom bösen Fluch!

Heilige Ursula, steh mir bei! Jetzt gehe ich hinunter und stelle mich ihnen!

Text & Foto: -bevi

Die Audioversion, vorgetragen von Joana Kühmstedt

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1 Kommentar

  1. niemals eine so packende Übersetzung von „carpe diem“ gefunden!

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