Kölner Stadtschreiber

Streifzüge im Schatten des Doms

Die Ehre des Pfandpiraten

Wie ich von einem Pfandpiraten lernte, dass Respekt und Ehre zwar zusammengehören, aber nicht ein und dasselbe sind.

Keine Angst: Dies wird nicht schon wieder eine KVB-Geschichte. Sie fängt zwar damit an, dass ich zur Start-Haltestelle der Linie 12 am Höninger Platz gehe und mir die Bahn wie gewohnt vor der Nase wegfährt, aber diesmal ist das schon in Ordnung: Der Zug setzt sich pünktlich nach Fahrplan in Bewegung, ich bin halt zu spät von zu Hause losgegangen.

Obwohl: Mit nur wenig Fantasie könnte man auch dahinter eine böse Absicht vermuten. Will ich aber nicht. Es ist Sonntag, ich habe reichlich Zeit, und weil mir danach ist, setze ich mich auf eine der beiden Bänke in der Platzmitte, um die letzten Sonnenstrahlen eines wunderbaren Maitages zu genießen.

Da sehe ich, wie dieser bucklige alte Mann mit den sorgfältig gekämmten, aber immer leicht fettig wirkenden Haaren die Markusstraße hinaufkommt. Zwar kenne ich ihn vom Sehen, denn er bewegt sich häufig in dieser Gegend, aber weder kenne ich seinen Namen noch sein Leben.

Die einzig verlässlichen Informationen, die ich über ihn besitze: Er sucht regelmäßig und systematisch die Müllfänger zwischen Zollstock und Innenstadt nach leeren Pfandflaschen ab. Diese sammelt er in einem Einkaufstrolley, der auch schon bessere Zeiten erlebt hat.

Und ich weiß von früheren Beobachtungen, dass er nun zunächst die Müllfänger um den Höninger Platz herum absuchen wird, bevor er sich mit der Bahn Station für Station Richtung Barbarossaplatz fortbewegt und unterwegs das herrenlose Leergut einsammelt.

Anschließend wird er mit der Bahn denselben Weg wieder zurückfahren und mitsamt dem vollen Trolley in irgendeiner Seitenstraße verschwinden. Ein Pfandpirat halt, inzwischen gibt es Heerscharen davon in Köln, und keiner von ihnen gleicht dem anderen.

Er überquert den Zebrastreifen, lässt einen prüfenden Panoramablick über den Platz schweifen und beginnt seine Tätigkeit am nächstbesten Blechkübel. Weil ich recht anfällig bin für sozialromantische Gefühle und Sentimentalitäten aller Art, bekomme ich Mitleid mit dem Mann. Ich beschließe, ihm eine Freude zu machen, und fische einen Fünf-Euro-Schein aus meinem Portemonnaie. Als er sich mir nähert, stehe ich auf, wünsche ihm einen schönen guten Abend und will ihm das Geld überreichen. Entgeistert starrt er mich an.

‑ Ob ich ihn beleidigen wolle!

‑ Aber nein, wie er denn darauf …

‑ Sehe er etwa wie ein Bettler aus?

‑ Ganz bestimmt nicht, im Gegenteil …

‑ Oder vielleicht wie ein Schmarotzer, der, ohne selbst einen Finger krumm zu machen, auf Kosten der Allgemeinheit lebe?

‑ Sicher nicht, nein … nein …

‑ Ich solle jetzt mal ganz genau zuhören. Er arbeite ehrlich und hart für sein Geld, weil die Rente nun einmal nicht ausreiche. Aber er erwarte von niemandem irgendwelche Almosen.

‑ Um ehrlich zu sein …

‑ Früher sei er Lehrer gewesen, Deutsch und Geschichte, am Gymnasium, Sekundarstufe zwei. Früher, als Respekt noch mehr gewesen sei als eine ausgelutschte Vokabel im Gangsta-Rap, so wie heute. Respekt und Ehre! Ob ich wisse, was Ehre sei?

‑ Tja, also …

‑ Es bedeute, dass man sich die Achtung seiner Mitmenschen verdient habe. Ob ich ihn verstanden hätte? Verdient, habe er gesagt. Das bedeute, dass ein Mann etwas für seine Ehre tun müsse, bevor sie ihm zuteilwerde. Ehre falle einem nämlich nicht in den Schoß! Vor der Ehre komme übrigens der Respekt, und der beruhe nun mal auf Gegenseitigkeit.

‑ Genau meine …

‑ Außerdem sei er ein Profi, keiner von diesen Anfängern, die mit nackten Händen in den Müllfängern herumwühlten und sich dann anschließend in der Nase bohrten. Ob ich mir vorstellen könne, was für ein unüberschaubares Universum von Viren, Bakterien und dergleichen mehr sich jeden lieben Tag in so einem Müllereimer versammle?

‑ Nun ja, wahrscheinlich …

‑ Davon mache man sich ja gar keine Vorstellung! Es gebe Leute, die keinerlei Achtung vor Mülleimern hätten und sogar hineinrotzten! Er – und zum Beweis zog er sie aus der Seitentasche seines Anoraks hervor – trage bei der Arbeit Handschuhe. Einweghandschuhe aus Plastik, die er am Ende eines jeden Werktages sachgerecht entsorge! Und außerdem – wieder ein Griff in die Tasche – verfüge er über eine Taschenlampe, nämlich für die Spätschicht. Ob ich eine Ahnung davon hätte, wie lasch die Mentalität der Leute bezüglich sachgerechten Glasbehälterrecyclings bei fortschreitendem Abend und erst recht gegen Mitternacht werde?

‑ Wenn er Profi wäre, halte ich ihm vor, wäre er ja jetzt wohl kaum hier, sondern auf dem Platz vor der Lanxess-Arena. Dort trete heute Abend nämlich Phil Collins auf, das sei eine ganz große Nummer. Ob er sich vorstellen könne, wie viele leere Bierflaschen dort für Pfandpiraten wie ihn einzusammeln wären?

‑ Ha!, ruft er triumphierend. Spätestens jetzt komme ans Licht, wie wenig Ahnung ich von seinem komplizierten Gewerbe hätte! Allein für die Straßenbahntickets zur Lanxess-Arena und wieder zurück wären 5,60 Euro fällig. Ich solle doch einmal ausrechnen, wie viele Bierflaschen à 8 Cent er verarbeiten müsse, um diese Investition zu refinanzieren.

‑ Tja, Augenblick mal …

‑ Siebzig.

‑ Wie bitte?

‑ Die Antwort laute siebzig. So viele Bierflaschen müsse er einsammeln, abtransportieren und am Leergutrückgabeautomaten des von ihm für diesen Zweck frequentierten Supermarktes weiterverarbeiten, bis sich die Reisekosten amortisiert hätten. Ob ich mir vorstellen könne, welches Ausmaß logistischen Aufwandes nötig wäre, um derartige Mengen von Glas spät abends von A nach B zu transportieren, bis zur Öffnung des besagten Supermarktes am nächsten Morgen zwischenzulagern, dorthin zu verschaffen und dann (am besten gleich alle in einem Rutsch, damit die anderen wartenden Kunden auch etwas davon hätten!) in den Automaten zu stopfen?

‑ Es sei sehr rücksichtsvoll von ihm, dies zu bedenken, gebe ich zu. Aber man könne ja auch mal auf den Kauf einer Fahrkarte verzichten.

‑ Habe er richtig gehört? Ob ich ihn für einen Schwarzfahrer hielte?

‑ Aber so war das doch nicht …!

‑ Für einen, der nicht bereit sei, die erbrachte Leistung eines Dritten vereinbarungsgemäß zu entgelten? Der, entsprechend der heutigen „Geiz ist geil“-Mentalität, glaube, alles sei umsonst, alles stehe einem zu, man müsse es sich nur nehmen? Keine Gegenleistung, kein Respekt, keine Ehre?

‑ In der Tat, so gesehen …

‑ Was denn eigentlich dieser Fünf-Euro-Schein in meiner Hand zu bedeuten habe?

‑ Wie? Ach, der …

‑ Ah! Jetzt verstehe er! Ich wolle endlich meine Schulden bei ihm begleichen. Das werde aber auch Zeit! Er könne sich gar nicht mehr daran erinnern, mir Geld geliehen zu haben, so lang müsse das nun schon her sein. Sein Gedächtnis sei nicht mehr so gut. Das Alter!

‑ Tja, dieses Thema …

‑ Um genau zu sein, könne er sich nicht einmal mehr an mich erinnern. Aber besser spät als nie, wie er immer sage. Er habe mir übrigens zum letzten Mal etwas geliehen, auf mich könne man sich ja schließlich kaum verlassen!

Spricht’s, zieht mir den Schein aus der Hand und wendet sich mit einer Mischung aus tief empfundener Empörung und schelmischem Vergnügen im Gesicht zum Gehen.
‑ Im Übrigen wünsche er mir gute Unterhaltung beim Phil-Collins-Konzert.

‑ Phil Collins?, frage ich. Ob er mich etwa für einen Phil-Collins-Fan halte?

‑ Na ja, ich hätte doch eben selbst gesagt …

‑ Für einen, der einem inzwischen abgehalfterten 80er-Jahre-Popstar mit Rollator-Appeal die Treue halte, weil er längst vergangenen Zeiten hinterher trauere, und bereit sei, dafür 180 Euro Eintritt zu bezahlen?

‑ Aber so habe er es doch nicht …

‑ Für einen, dessen musikalische Geschmacksbildung sich in schwindsüchtigen Drumcomputereffekten, schneidender Allerweltsstimme und Heile-Welt-Kleinmädchen-Harmonien erschöpfe?

Da muss er doch tatsächlich herzhaft lachen.

‑ Das mit den fünf Euro, sagt er und hält mir mit treuherzigem Blick den Schein entgegen, sei natürlich nur ein Scherz gewesen. Er habe sehen wollen, wie ich reagierte.

‑ Das Geld könne er behalten, erwidere ich, ich hätte keine Verwendung dafür. Er möge es irgendwie verplempern.

‑ Er werde, sagt er augenzwinkernd, sich bemühen, möglichst leichtsinnig damit umzugehen.

Er verstaut den Schein in seiner Hosentasche, nimmt Haltung an und schenkt mir noch ein verschmitztes Lächeln, Auge in Auge, das ich gern erwidere. Dann dreht er sich um und entfernt sich endgültig. Ich bleibe noch eine Weile auf der Bank sitzen, um auch die nächste Bahn zu verpassen.

Was ist wohl schiefgelaufen im Leben dieses ehemaligen Gymnasiallehrers? Warum reicht bei ihm die Rente nicht? Und warum hat er überhaupt „Rente“ gesagt, wo es sich bei solchen Leuten doch eher um eine „Pension“ handelt – die in aller Regel auch noch recht üppig ausfällt?

Vielleicht frage ich ihn bei unserem nächsten Treffen – wahrscheinlich aber eher nicht. Egal fürs Erste, das Ganze hat mir großen Spaß gemacht. Es sind Augenblicke wie diese, die dem Leben einen Hauch von Stil verleihen.

Text & Foto: -bevi

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Übrigens bin ich dem Mann noch einmal begegnet. Wie sich dieses Treffen gestaltet hat, kannst du hier lesen. 

 

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1 Kommentar

  1. und das Lesen über diese Begegnung lässt teilhaben an einem Hauch von Stil …danke

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