Kölner Stadtschreiber

Streifzüge im Schatten des Doms

Die gute, echte kölsche Art – Eine Utopie

ESSAY. Die Klage darüber, dass Köln seine Eigenart verloren habe, ist inzwischen nahezu ein Jahrhundert alt. In letzter Zeit ist sie immer häufiger zu hören, meist von jenen, die sich selbst als Kölsche bezeichnen und stolz darauf sind, welche zu sein. Die gute, echte kölsche Art – so sagen sie – werde immer mehr zurückgedrängt, und bald werde es sie gar nicht mehr geben. 

Dabei ist diese Klage nicht neu. Willi Ostermann verlieh ihr schon im Jahr 1930 in seinem berühmten Lied „Och, wat wor dat fröher schön doch en Colonia Ausdruck:

„Wat hät doch Köln sing Eigenaat verlore,
wie wor dat Levven hee am Rhing su nett.
Mer is sich selver nit mih rääch em klore,
ov mer ne Fimmel oder keinen hät.
Dä fremde Krom, et es doch zo bedoore,
als aale Kölsche schöddelt mer der Kopp.
Deit mer sich bloß die Dänz vun hügg beloore,
stüss einem jedesmol de Haimat op […].“*

Es hat den Anschein, dass die Kölner Lebensart schon seit längerem unter Daseinsängsten leidet.

Dabei spricht aus dem Text doch eine gewisse stockkonservative Piefigkeit, die Außenstehende nicht in Einklang bringen können mit dem Bild, das sie selbst von Köln und der Mentalität seiner Ureinwohner haben:

„Wä hät denn fröher jet vum Jazz un Steppe,
jet vun däm hochmoderne ‚Blues‘ gekannt?
Die Blus, die mir gekannt, dren soch mer höppe
et Bell em Walzertempo lans de Wand.“***

Die neuen Tänze taugen nicht. „Kenne mer nit, bruche mer nit, fott domet!“

Das Verharren im Althergebrachten, die Sehnsucht nach der alten Zeit, nach einer kleinen, überschaubaren, „heilen“ Welt, die Ablehnung von Neuem und Fremdem: Das soll kölsch sein?

Stellen wir uns also wieder einmal ganz dumm und fragen: Was ist das eigentlich: die gute, echte kölsche Art?

Meine Suche nach Antworten startete im Internet, zunächst ganz allgemein mit einigen Stichworten auf Google. Neben vielerlei Belanglosigkeiten fand ich auf einschlägigen Seiten wie etwa Köln.de auch relativ brauchbare Informationen.

Viel trinken, viel schwade, aber immer geradeaus

Demnach gilt es als typisch kölsch, Kölsch zu reden und zu trinken, Karnevalist zu sein und insofern ganz allgemein Spaß an der Freude zu haben, dem Klüngel zu frönen, im 1. FC Köln das Nonplusultra der internationalen Fußballwelt zu sehen, in einem der vielen Brauhäuser eine der rheinischen Spezialitäten wie Hämmchen oder Sauerbraten zu verzehren und sowohl den Dom als auch den Rhein als Wahrzeichen der Stadt zu lieben.

Darüber hinaus nahm ich die Texte jener Lieder unter die Lupe, in denen die Kölschen über sich selbst singen: von Willi Ostermann über Willy Millowitsch und Marita Köllner über die Bläck Fööss, Höhner und Brings bis hin zu Cat Ballou, Kasalla und Tommy Engel (Liste im Anhang).

Dabei lernte ich, dass die kölschen Mädchen die Männer zwar mögen, aber keinen ranlassen. Ganz allgemein glauben die Kölschen an den lieben Gott und haben immer Durst. Mit dem Effzeh gehen sie durch Dick und Dünn. Na gut, mit dem KEC auch: „Da simmer dabei!“

Sie lachen gern, sind aber brav, singen gern kölsche Lieder, zu denen man gut schunkeln kann, und ihr Lieblingswort ist „Kölle alaaf“. Ferner machen sie geltend, multikulinarisch, multikulturell und super tolerant zu sein.

Dass man sie nicht mehr alle hat, gilt als normal. Sie sehen sich als Schlafmütz und Filou in einer Person. Insgesamt kommt in den kölschen Liedtexten ein sorgloses, wenn nicht gar verherrlichendes Verhältnis zum Alkohol zum Ausdruck.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Kölsche sein Herz gern auf der Zunge trägt, aber niemandem weh tun möchte. Von seinem Selbstbild her ist er von einfacher Denkungsart, geradlinig und hilfsbereit. Er trägt das Herz auf dem rechten Fleck und immer einen Scherz auf den Lippen („Nimps jeden op d‘r Ärm un an de Hand“). Er ist gottgläubig, aber nicht moralinsauer, sondern auf sinnenfrohe Weise. Er gibt sich heimatverbunden und weltoffen zugleich und ist selbstbewusst liberal-konservativ.

Man sieht sich als Einwohner des größten Dorfes der Welt. Eine Metropole – Hochburg des Karnevals, Medienzentrum des Westens – mit ländlichen Strukturen: überschaubare Veedel, jedes mit einem eigenen Marktplatz, mit eigener Kirche, eigener Kneipe op d’r Eck und eigenem Büdchen als kommunikativem Mittelpunkt. Köln als Herz der Welt. Größenwahn und Bescheidenheit in einem: Kölsche Dialektik.

Selbstbild und Außenwirkung

In einem dritten Schritt befragte ich meine Freundinnen und Freunde und wollte wissen: „Was verstehst du unter der guten, echten kölschen Art?“

Hier einige Antworten:

„Ne jewisse Lässischkeit im Umjang mit viel Jedöns … och met Imis, die Kölsch zo spresche versöcke. (Ist zwar ein Klischee, diese Lässigkeit, aber eins, an dem wohl auch etwas dran ist) :-)“

„In die Bahn einsteigen, direkt im Eingang stehen bleiben und alle anblaffen, die noch rein wollen und nicht vorbeikommen in die ansonsten leere Bahn. Ich habe in sieben Städten gewohnt, und das schafft niemand sonst. Auch links auf der Rolltreppe zu stehen und allen Eiligen den Weg zu blockieren, ist für mich typisch kölsch. Nach mir die Sintflut, könnte man auch sagen.“

„Die Kölner sind ziemlich ichbezogen, aber nett. Du kommst leicht mit ihnen ins Gespräch. Und sie sind tolerant. Zumindest gegenüber Schwulen und Lesben. Bei Türken bin ich mir da nicht so sicher.“

„Sie sind offen für alles. Ist ja bei der Geschichte auch kein Wunder. Die haben immer alles ausgesessen. Und beibehalten, was für sie am besten war. Ziemlich schlau also.“

„Die Kölner Selbstverliebtheit kann schon manchmal nerven, wenn man spürt, dass der Kölner keine anderen Götter neben sich duldet.“

Der Kabarettist Jochen Busse, der immerhin 14 Jahre in der Domstadt gelebt hat, hat in einem Interview mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ sogar einmal behauptet, die berühmte Kölner Toleranz sei nichts weiter als Gleichgültigkeit.

So weit würde ich nicht gehen. Außerdem kann man Gleichgültigkeit ja auch so verstehen, dass alles in gleichem Maße gültig ist. Und das wäre dann ein Ausdruck von tiefem Respekt vor anderen Meinungen und Lebensstilen – mithin Toleranz in Reinkultur. Kölsche Dialektik halt.

Dummer nit esu

Fassen wir also einmal zusammen: Ein echter Kölscher bevorzugt eine gewisse Biersorte, drückt sich in seinem Heimatidiom aus, lacht und redet gerne, ohne vorher viel darüber nachzudenken, ist schlau und ichbezogen bis rücksichtslos, will aber keinem wehtun, speist gern Bodenständiges, aber auch mal was anderes, hält sich für tolerant, ist es aber mal mehr und mal weniger, hält im Fußball zu seinem Heimatverein, liebt die Wahrzeichen seiner Stadt und hält seine Heimat für den Mittelpunkt der Welt.

Was, bitte schön, ist denn daran so besonders? Wodurch unterscheidet er sich – einmal prinzipiell betrachtet – zum Beispiel von einem Hamburger? Oder einem Düsseldorfer? 

Ein Arbeitskollege – übrigens ein waschechter Kölner in x-ter Generation ‑ hat mir das einmal so erklärt: „Hier bei uns in Köln stellen sich alle gerne im Kreis auf, klopfen sich gegenseitig auf die Schultern und sagen, was für tolle Typen sie doch sind.“
Man ist sich selbst genug und möchte das auch nicht in Zweifel gezogen sehen.

Es liegt die Schlussfolgerung nah, dass es die gute, echte kölsche Art in Reinkultur gar nicht gibt. Sie scheint eine sich selbst erfüllende Behauptung zu sein und vornehmlich der Suggestion eines Zusammengehörigkeitsgefühls zu dienen. Eine Utopie also. Auf der Kehrseite wird sie als Ausschlusskriterium angewendet gegen solche, von denen behauptet wird, sie seien anders. 

Ausblick

Köln ist eine tolle Stadt mit einer jahrtausendealten, aufregenden Geschichte. Gerade die Geschichte hat diese Stadt gelehrt, alle Stürme zu überstehen, das Beste aus der Vergangenheit in die Gegenwart zu retten und hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken. Sie hat gelehrt, dass die Werte all unserer Vorfahren nach und nach ungültig würden. Das Leben ist nicht schwarz-weiß, es ist bunt. Und wer kann schon wissen, welche Farbe am Ende die richtige ist?

Levve un levve loße. Lässig bleiben in dem Wissen, dass das ganze Leben ein einziges Provisorium ist – wie der Dom, der einem unumstößlichen Gesetz zufolge niemals fertig wird. Die gute, echte kölsche Art ist eine Utopie. Und Utopien sind wie die Sterne: Wir können sie nicht erreichen, aber sie weisen uns den Weg.

Text & Fotos: -bevi

* „Was hat doch Köln seine Eigenart verloren,
wie war das Leben hier am Rhein so nett.
Man ist sich selber nicht mehr recht im Klaren,
ob man nen Fimmel oder keinen hat.
Der fremde Kram, es ist doch zu bedauern,
als alter Kölner schüttelt man den Kopf.
Besieht man sich bloß die Tänze von heute,
stößt einem jedes Mal die Heimat auf.

Wer hat denn früher etwas vom Jazz und Steppen,
etwas von dem hochmodernen ‚Blues‘ gekannt?
Die Bluse, die wir gekannt, drin sah man hüpfen
Sybille im Walzertempo entlang der Wand.“

 

Übersicht der Lieder
Titel Interpret Erscheinungsjahr
Och, wat wor dat fröher schön doch en Colonia Willi Ostermann 1930
Ich bin ne kölsche Jung Willy Millowitsch 1972
Kölsche Jung Brings 2013
Denn mir sin kölsche Mädcher Marita Köllner (Et fussich Julche) 1989
Viva Colonia (Da simmer dabei, dat is prima!) Höhner 2004
Stadt met K Kasalla 2015
Et jitt kei Wood Cat Ballou 2013
Du bes Kölle Tommy Engel 2007
Dummer nit esu Tommy Engel 2010

 

 

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1 Kommentar

  1. Glauben sie ernsthaft, daß ein abgehalfterter Sauerländer wie Sie so hoch springen kann, um einen waschechten kölschen auf den Schuh zu treten?

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