HINTERGRUND. Schau mal einer an, was mir da gelungen ist: ein Einkauf für 11 Euro 11. Das bringt Glück! Schließlich ist bei uns in Köln die Elf die Mutter aller Zahlen. Warum ist das eigentlich so?

Als Erstes ist die Elf natürlich eine Schnapszahl: Zwei Einsen stehen gleichberechtigt nebeneinander. Das bedeutet Demokratie und Stippeföttche in Einem!

Im Mittelalter galt die Elf als teuflische Zahl. Ist ja klar: Jesus hatte zwölf Apostel ausgewählt, und durch schäbigen Verrat waren es dann nur noch elf. Dahinter konnte ja nur einer stecken! Die Elf stand für die Sünde der Maßlosigkeit. Da kann man schon ein wenig an den Karneval denken, in dem der Elferrat eine herausragende Rolle spielt. Vielleicht beginnt deshalb alljährlich am 11.11. um 11 Uhr 11 die Session.

Das erklärt allerdings noch nicht, warum diese Zahl sich in Form von elf „Flammen“ seit dem 16. Jahrhundert im Kölner Stadtwappen befindet.

Hat Martin einen weißen Bart, wird der Winter lang und hart

Vielleicht ist die Lösung ja weiter zurück in der Vergangenheit zu finden – in der Zeit des großen Umbruchs zwischen Römern und Franken. Nachdem die Lateiner die Colonia Claudia Ara Agrippinensium aufgegeben hatten, übernahmen die Rheinfranken die schutzlose Siedlung.

Das wichtigste Bindeglied zwischen Römern und Franken im Unterbewusstsein des Volkes war Martin von Tours, der schon zu Lebzeiten ein regelrechter Popstar war.

Gestartet war er als römischer Offizier Martinus. Aus jener Zeit stammt die berühmte Anekdote mit dem Bettler am Wegesrand und dem geteilten Mantel.

Später nahm Martinus den christlichen Glauben an und wurde ein äußerst beliebter Bischof. Im Jahr 397 trug man ihn unter großer Anteilnahme des Volkes zu Grabe, und zwar an einem 11.11. Dieses Datum ist seitdem sein Namenstag, noch heute wird er von den Pänz jedes Jahr begeistert gefeiert.

Außerdem war Martin, der immerhin 81 Jahre alt wurde, der erste Mensch, der nicht wegen eines Martyriums, sondern aufgrund seines vorbildlichen Lebenswandels in den Heiligenstand erhoben wurde. Daraus folgt die Erkenntnis: Um Gott zu gefallen, musst du dich nicht in Seinem Namen zu Tode foltern lassen. Es reicht, wenn du dein Leben lang lieb und artig bist, dann kommst du auch zu höheren Ehren.

Wenn’s Laub nicht vor Martini fällt, kommt eine große Winterkält

Dies dürfte dem lebenslustigen Gemüt des Rheinländers sehr entgegengekommen sein. Darüber hinaus galt damals laut Julianischem Kalender der 10. November als Winteranfang und somit als Ende des bäuerlichen Wirtschaftsjahres. So kommt es, dass der darauffolgende Tag, der Martinstag, in vielen alten Lehensverträgen als Datum für die Auszahlung von Zinsen und Pachten genannt wird.

Das Geschäftsjahr des Landwirtes begann mithin jeweils am 11.11. von neuem. Als Lehensabgabe wurde übrigens oft eine Gans vereinbart – woraus sich der Brauch der „Martinsgans“ ableitet. Den Mägden und Knechten wurde an diesem Tag der Lohn ausgezahlt, was diese in der Regel zum Anlass für eine ausschweifende Feier nahmen. Auch das erinnert ein wenig an den heutigen Karneval.

Des Weiteren ist die Elf ein Bindeglied zwischen Katholiken und Protestanten, ist der 11.11. doch der Tauftag von Martin Luther (*1483) und wird als solcher in manchen Gegenden, etwa bei der Martinsfeier in Erfurt, alljährlich als Gedenktag begangen.

Zweimal Martin, zweimal der Elfte im Elfte. Zufall? Zumindest ein Hauch von Gleichberechtigung – also, finde ich.

Am populärsten aber ist wohl die Rückführung auf die Ursulalegende, von der es etliche Versionen gibt, die alle eines gemeinsam haben: Keine davon ist wahr. Im Kern geht es bei jeder Variante der Geschichte darum, dass die bretonische Prinzessin Ursula durch ihren Märtyrertod die Hunnen davon abhielt, Köln in Schutt und Asche zu legen.

Da sich in ihrem Gefolge weitere zehn Jungfrauen befunden hatten, ging diese Gemeinschaft als die der „Elf Jungfrauen“ in die Annalen der Stadt ein. Noch heute ist Ursula die Schutzpatronin von Köln. Die „Flammen“ im Stadtwappen stellen jene Hermelinschwänze dar, die seinerzeit das bretonische Wappen zierten.

Kölner Stadtschreiber Kölner Elf St. Ursula

Bild an der Mauer des Spielplatzes an St. Ursula in der Kölner Altstadt

Schnell entwickelte sich – wie das im Mittelalter eben so üblich war – ein geschäftsträchtiger Reliquienkult um die Gebeine dieser Märtyrerinnen. Und als die Kölner feststellten, dass ihnen die Knochen der Jungfrauen aus der Ursulalegende von den Pilgern gegen gutes Geld sozusagen aus den Händen gerissen wurden, erweiterten sie die Legende flugs um hundert weitere Jungfrauen.

Als das auch nicht mehr reichte, sollten es sogar 11.000 Jungfrauen gewesen sein, die von den Hunnen abgeschlachtet worden waren. Die nötigen Knochen beschaffte man sich vor den Toren der Stadt. Dort hatte man ein ehemaliges römisches Gräberfeld gefunden und zum „Ursulinenacker“, im damaligen Geschäftslatein Ager ursulanus, erklärt.

Die Knochen wurden in der dafür hergerichteten Kirche St. Ursula zusammengetragen. Viele davon können aktuell in der „Goldenen Kammer“ besichtigt werden. So kommt es, dass in Köln heute das größte Gebeinhaus nördlich der Alpen steht.

Wenn an Martini Nebel sind, wird der Winter meist gelind

Nun ist es zwar zu jeder erdenklichen Zeit so gut wie ausgeschlossen, 11.000 Jungfrauen gleichzeitig an einem Ort aufzutreiben, aber der Gläubige heißt eben so, weil er glaubt ‑ und die Kölner hatten so schon einmal gelernt, wie man mit Knochen viel Geld verdienen kann. Wie sie diese Geschäftsidee mit den Gebeinen der Heiligen Drei Könige perfektionierten, ist wieder eine andere Geschichte.

Unter der Maßgabe geschichtswissenschaftlicher Grundanforderungen nicht haltbar, aber durchaus sympathisch ist die Deutung, mit der ich diesen Ausflug in das Reich der Spekulation beenden möchte: Als die Franzosen nach Köln kamen, hatten sie die Ideale von „Égalité“, „Liberté“ und „Fraternité“ im Gepäck. Nimm die Anfangsbuchstaben dieser drei Wörter und du erhältst die „ELF“.

Da die napoleonische Verwaltung dieses Logo gern verwendete, stand es bald als Sinnbild für bürgerliche Freiheiten. Der „Elferrat“, wie er in der Rheinischen Karnevalsreform von 1823 konstituiert wurde, verstand sich demnach ursprünglich als dem bürgerlich-demokratischen Geist verpflichtet – wenn auch getarnt mit einer Narrenkappe. Entscheide selbst, wie viel davon heute noch übrig geblieben ist.

Die allermeisten werden, wenn sie „Kölner Elf“ hören, sowieso an etwas ganz anderes denken: an den Effzeh. Er ist das wahre Herz der Stadt, mit ihm geht der Kölner durch Dick und Dünn.

Also: Es läuft fantastisch.

Text & Foto: -bevi

 

 

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