REPORTAGE. Auf den Mittelsäulen der U-Bahnstation Appellhofplatz sind Porträts von 40 Menschen angebracht. Ein Infoschild klärt auf, dass die Finanzierung der Installation Kölner Köpfe von einem Zigarettenhersteller und zwei Lackierbetrieben geleistet wurde. Ferner wird dort der Name Tabot Velud genannt.

Doch es gibt keine öffentliche Stelle, bei der man Näheres erfragen kann. Auch eine Suche im WWW bringt nicht viel.

Aber so leicht gebe ich ja nicht auf.

Köln an einem Wochenende im Jahr 1990. In der Nacht von Samstag auf Sonntag ist es still in den Schächten des unterirdischen Liniennetzes der KVB. Die „Lumpensammler“ – so werden die letzten Straßenbahnen genannt, mit denen die Nachtschwärmer aus den umliegenden Bezirken die Innenstadt verlassen können – sind in die Betriebshöfe der KVB zurückgekehrt.

In einer solchen Nacht konnte man damals trockenen Fußes und völlig sicher durch den Untergrund von Köln gehen, vom Barbarossaplatz bis nach Nippes.

Die Eröffnung – Ein Flashmob im Untergrund

Gegen halb zwei kommt plötzlich Leben in die Bude. Die Beleuchtung wird reaktiviert. Ein Schlagzeug, Verstärker und Mikrofonständer werden aufgebaut. Menschen strömen in die U-Bahnstation. Die Kreaturen der Nacht erobern den Untergrund.

Jochen Pape erinnert sich noch recht gut an das Event, schließlich waren er und sein damaliger Mitstreiter Georg Brandl als Liveband vor Ort gebucht.

Kölner Stadtschreiber Kölner Köpfe Vernissage Soundcheck im Umkleideraum

Rock-’n‘-Roll-Romantik: Jochen Pape stimmt in der „Garderobe“ seine E-Gitarre

„Wir haben damals mit unserem Trash-Pop-Punk-Duo Mob Desi die Vernissage eröffnet“, erinnert sich Pape. „Als Garderobe diente ein im Tunnel versteckter Aufenthaltsraum der KVB-Bahnarbeiter. Da hing auch die Warnweste, die ich dann während des Konzertes getragen habe. Das Ganze war schon eine irre Abfahrt. Zu Zeiten der Sperrstunde versammelten sich Hunderte von Kunstinteressierten und Nachtschwärmern im Tunnel. Ach ja, und Zigaretten gab es auch, denn Camel war ja Hauptsponsor und hat unsere Gage bezahlt.“

Jochen Pape (Gitarre, Gesang) und Georg Brandl (Schlagwerk, Gesang) mischten damals als eines der ersten Rock-Duos überhaupt das Rheinland auf und hatten sich mit Auftritten in den angesagtesten Clubs bereits einen guten Ruf erarbeitet.

Kölner Stadtschreiber Kölner Köpfe Vernissage Auftritt der Band

Das Trash-Pop-Duo Mob Desi bei der Eröffnungsparty der Kölner Köpfe

„Eigentlich sollten die Bad Little Dynamos auftreten, aber die hatten gerade einen ziemlich guten Lauf. Nach ihrem Auftritt im Rockpalast war eine Tournee geplant, und deswegen hatten die keine Zeit. Also hat Vilas Pomp* uns angesprochen. Das hat uns natürlich sehr gefreut, denn die Taschen waren ja immer leer und wir konnten die Gage gut gebrauchen. Außerdem war die Aussicht auf ein Konzert unten im U-Bahntunnel, mitten in der Nacht, sehr verlockend, denn das war anders. Und anders wollten auch wir definitiv sein.“

Alles eine Spur lockerer

Anders sein ist das Gebot der Stunde. Anders sein wollten auch die Künstler, die hinter der Aktion stecken. Justus Herrmann ist einer von ihnen.

„Wir haben vorher schon ein paar Mini-Flyer verteilt“, erinnert er sich. „Alles mit den einfachsten Mitteln hergestellt, Low-Tech eben. Ansonsten war das hauptsächlich Mundpropaganda. Facebook, Handys und WhatsApp gab es ja noch gar nicht. Und dann sind nach der Sperrstunde in den Kneipen und Clubs auf einmal Hunderte von Leuten in die Haltestelle geströmt.“

Natürlich war die Aktion angemeldet und genehmigt. Sowohl die Stadt als auch die KVB hatten ihr Okay gegeben. Der Starkstrom der Oberleitung war ausgeschaltet, damit niemand zu Schaden kommen konnte.

Kölner Stadtschreiber Kölner Köpfe Vernissage 1990

Heute kann sich keiner mehr an den genauen Ablauf des Happenings erinnern. Der EXPRESS hatte von dem Event erfahren und war auch vor Ort, aber er widmete dem Ereignis eine eher boulevardeske Notiz (s. Foto unten).

Holger Czukay, einer der porträtierten Promis und ebenfalls auf der Party, fand sein Konterfei wohl ganz nett, soll aber gesagt haben: „So schön wie in der Moskauer U-Bahn ist es hier aber nicht.“

Weder gab es eine Ablauforganisation, noch eine Rede zur Eröffnung, noch Ordner.

Kölner Stadtschreiber Kölner Köpfe Leute auf Gleisen während der Vernissage

Die Kunstwerke werden enthüllt

„Die einzige Auflage war: Wir sollten darauf achten, dass keiner in den Tunnel lief“, schmunzelt Herrmann. „Das haben dann natürlich trotzdem welche gemacht. Ist ja auch eine ziemlich wilde Party geworden. Aber so war das eben damals: alles noch eine Spur lockerer als heute.“

Nichts Genaues weiß man nicht

Nach dem Konzert von Mob Desi wurden die Anwesenden aufgefordert, die Plastikfolien von den Aluminiumplatten mit den Porträts zu entfernen.

Ein Teilnehmer erinnert sich: „Ich war damals bei der Einweihung der Bilder. Nachts zwischen zwei und vier Uhr, als keine Bahnen fuhren. Es gab Kölsch und Schnittchen, und man musste über die Gleise gehen, wenn man die andere Seite der Säulen sehen wollte.

Ich weiß es nicht mehr genau, aber ich meine, dass die Bilder von Kunststudenten oder einer Künstlergruppe gemacht worden sind, die sich selbst auf einigen Bildern abgebildet haben  -daher kennt man auch nicht alle. Einige von den Unbekannten waren jedenfalls bei der Feier.“

Nach nur anderthalb Stunden war der Spuk vorbei und es kehrte wieder Stille ein in den Kölner Untergrund.

Kölner Stadtschreiber Kölner Köpfe Express Artikel

Seitdem zieren die Kölner Köpfe die Mittelsäulen der U-Bahnstation Appellhofplatz. Täglich fahren Tausende Fahrgäste daran vorbei, und viele fragen sich, wer denn diese Menschen sind, die dort abgebildet wurden.

Hier geht es zur Auflösung: Wie es dazu kam. Wer hinter dieser Aktion steckte.
Übersicht : Alle Namen – alle Köpfe

Text & Recherche: -bevi, Fotos: -bevi & Sammlung Jochen Pape. Mein besonderer Dank gilt der Pressestelle der KVB, die mich bei meinen Recherchen sehr bereitwillig und erfolgreich unterstützt hat.

* Vilas Pomp war damals als Musikproduzent und DJ aktiv. Unter anderem war er einer der Betreiber des „Vibe Tribe Soundsystems“. 

 

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