Begonnen hatte alles an einem lauen Sommertag des Jahres 1988, in einem Park im Kölner Stadtteil Ehrenfeld – der Legende zufolge präzise um 11 Uhr 15. In diesem Park hingen die vier Freunde Hans-Peter Dürhager, Justus Herrmann, Ralf Jesse und Andreas Paulun gern zusammen ab.

An jenem Vormittag zauberte Paulun ein Bild aus einem weißen Plastikkoffer und präsentierte es seinen verblüfften Freunden mit den Worten: „Das“ – effektvolle Kunstpause – „ist ein Pochoir.“

Pochoirs: schnell, vergänglich, reproduzierbar

Pochoirs waren zu jener Zeit eine noch recht unbekannte Kunstform. Heute sind sie aus dem Stadtbild nicht mehr wegzudenken, als Bezeichnung für diese Art von Graffiti hat sich allerdings der Begriff „Stencil“ durchgesetzt.

Kölner Stadtschreiber Stencil Carmen

Stencil an einer Hauswand am Kartäuserwall

Für das Motiv wird eine Schablone aus Pappe oder Kunststoff hergestellt. Diese wird auf den Untergrund – in der Regel eine Mauer – gedrückt, mit einer Spraypistole wird der Lack aufgetragen. Für ein buntes Motiv wird pro Farbe eine Schablone benötigt.

Ist dieser Aufwand erst einmal erledigt, liegen die Vorteile des Verfahrens in der Schnelligkeit der Durchführung vor Ort sowie in der beliebigen Reproduzierbarkeit der Botschaft. Nicht von ungefähr entspringt der Siegeszug der Stencils der Streetart, eignet sich das Stilmittel doch hervorragend für unangemeldete und unerkannte Aktionen im öffentlichen Raum, wo es anschließend von vielen Menschen gesehen werden kann.

Kölner Stadtschreiber Stencil Raubvogel

Auf der Rückseite eines Schildes an der Südbrücke

Dadurch empfiehlt sich das Stencil auch sehr für Maßnahmen im Rahmen eines inoffiziellen politischen Widerstandes.

Justus Herrmann berichtet, dass er bei seinem letzten Besuch in Istanbul auffallend viele Stencils an den dortigen Häuserwänden gesichtet hat. „Sie werden dort als Kunstform im Widerstand gegen die Regierung Erdoğan eingesetzt“, sagt er.

Die Kölner Pochoiristes von 1988 waren jedoch keine politischen Aktivisten, sondern Künstler, die eine zeitlose Botschaft vermitteln wollten. Ihnen stand auch nicht der Sinn nach nächtlichen Aktionen. Darüber hinaus hatten sie die Absicht, der Vergänglichkeit des Stencils ein Schnippchen zu schlagen.

Ihre Werke sollten möglichst langlebig und dennoch im öffentlichen Raum vielen Menschen zur freien Betrachtung zugänglich sein. Geschützt vor Verwitterung und Übermalung und frei vom Ruch der Illegalität.

Die Idee: Kölner Köpfe

Sie wollten etwas machen, das die menschliche Vielfalt der Stadt, in der sie lebten, zum Ausdruck brachte. Das die Flüchtigkeit des Pochoirs in Verbindung brachte mit der urbanen Schnelligkeit des Lebens, der Vergänglichkeit des Augenblicks im Gewirr menschlicher Begegnungen.

So entstand die Idee der Kölner Köpfe als ein Anliegen, einzelne Gesichter aus der Menge der Vorübereilenden in ihrer persönlichen Einzigartigkeit hervorzuheben und so die Bedrohung des Individuums durch die Anonymität in der Masse zu thematisieren.

Zwei der Stencilistas studierten am Institut für Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft an der Uni Köln. Daher entstammen einige der porträtierten Köpfe dem akademischen Umfeld. Ansonsten wurde in alle Richtungen gecastet. 

Kölner Stadtschreiber Kölner Köpfe Thomas Kehr

Stencil von Thomas Kehr, Fahrradkurier

Thomas Kehr zum Beispiel arbeitete damals beim Fahrradkurierdienst „Rapido“ und erzählt: „Einer der Initiatoren ist damals auch bei Rapido gefahren. Ich weiß nur noch, dass ich mich doch bitte an dem Projekt als Kölner Kopf beteiligen sollte, was ich dann ja auch getan habe. Die haben von mir ein Polaroid gemacht und daraus eine Schablone gezaubert … spooky.“

Vielfalt war das Motto, das sich in der Liste der Kölner Köpfe deutlich niederschlägt: ein Boxer, ein Kind, eine Nonne, Künstlerinnen und Künstler, eine Marktfrau, eine Straßenbahnfahrerin, Jounalisten, Musiker, ein Kapitän der Köln-Düsseldorfer Personenschifffahrt, eine Kioskbesitzerin, ein Imbissverkäufer – und natürlich ein paar Prominente, denn die gehören ebenso zu Köln.

Der Ort: Warten auf die nächste Bahn

Die U-Bahnstation Appellhofplatz war bald als idealer Ort ausgemacht.

Die Haltestelle befindet sich im Zentrum der Stadt, in unmittelbarer Nähe zum Dom. Sie ist nicht nur ein hochfrequenter Knotenpunkt urbaner Mobilität, sondern bietet sich durch ihre Bauweise geradezu als Galerie für Kunstwerke an.

Kölner Stadtschreiber Appellhofplatz Warten auf dem BahnsteigZwischen den beiden Gleisen befinden sich Stützpfeiler aus weiß gestrichenem Beton, doppelseitig nutzbar. Sie sind zwar von beiden Bahnsteigen aus frei sichtbar, durch die dazwischen liegenden Gleise jedoch relativ zugangsgeschützt.

Hinzu kommt die Wartesituation als psychologisches Moment: Für kurze Zeit – bis zum Einfahren der nächsten Bahn oder in der Bahn sitzend beim Blick aus dem Fenster – kann der Reisende sich der Wahrnehmung widmen, dann ist es auch schon wieder vorbei. Dieser spezielle Umstand der Betrachtung ist künstlerischer Bestandteil der Installation.

„Außerdem stimmen die Zahlen, die sich daraus ergeben, einfach“, ergänzt Justus Herrmann. „Wir waren vier. Jeder sollte zehn Porträts in dreifacher Ausführung anfertigen. 40 x 3 = 120. Bei 20 Säulen à drei Köpfen auf jeder Seite kommt das genau hin.“

Es gibt nichts Gutes, außer man tut es

Die vier Freunde machten sich an die Arbeit.

Es gab kein Mastermind. Justus Herrmann – der Einzige des Quartetts, der in Köln geblieben ist – kann heute nicht mehr sagen, wer was wie organisiert hat. Kein Wunder, nach fast 30 Jahren. „Wir haben einfach losgelegt, und dann hat das eine Eigendynamik entwickelt.“

Das Netzwerk wuchs. Andere begeisterten sich ebenfalls für die Idee und steuerten ihre Kontakte bei. Sponsoren wurden aufmerksam, es fand sich Raum zum Experimentieren mit dem Material, Nachschub an Spraydosen wurde aufgetan. Eine Promotionagentur, die auf der Suche nach neuen Werbeformen für einen Kunden aus der Tabakindustrie war, stieg ein. Eine Firma lieferte die Bleche, eine andere stellte die Vierfarbbroschüren für die Vernissage her.

Selbst die Genehmigungen von Stadt und KVB waren kein Problem. Herrmann: „Wir haben ein paar Skizzen gemacht, einen Plan gezeichnet mit den Säulen und so weiter. Das haben wir dann, zusammen mit ein paar Zeilen, bei der Stadt eingereicht, und die haben ihren Stempel druntergesetzt.“

Kölner Stadtschreiber Kölner Köpfe Holger Czukay

Porträt von Holger Czukay. Deutlich zu erkennen sind die Bolzen, mit denen die Platte am Betonpfeiler befestigt ist

Als es schließlich so weit war, ließ die Stadtverwaltung von eigenen Arbeitern sogar die Aluminiumplatten mit den Porträts sach- und TÜV-gerecht an die Säulen montieren. Die Reihenfolge der Hängung war vorher von den Künstlern präzise geplant und skizziert worden.

„Das war einfach ein richtig guter Flow“, resümiert Herrmann. „Wenn man da professionell rangegangen wäre, wäre vielleicht gar nichts daraus geworden. Aber so kam nach und nach alles zusammen, und am Ende hat es dann geklappt.“

Und was hat der Name Tabot Velud zu bedeuten?

„Nichts“, stellt Herrmann süffisant fest. „Damit wollten wir  nur möglichst viel Nebel verbreiten.“

Wie geht es weiter?

Die Bahnstation befindet sich im Eigentum der Stadt Köln. Die KVB ist lediglich mit der Pflege und Wartung der Bahnsteigebene betraut. Das Kunstwerk sowie die Mittelsäulen sind davon nicht betroffen.

Wenn man dies bedenkt, ist es sehr erstaunlich, in welch gutem Zustand sich die Kunstwerke auch nach 28 Jahren noch präsentieren. Damit meine ich nicht nur die Tatsache, dass sie vor Witterung und weiteren Umwelteinflüssen geschützt waren. Auch vom üblichen Vandalismus mindertalentierter Graffitikünstler blieben sie in all der Zeit weitgehend verschont. Das kann man leider nicht von allen Streetart-Werken in Köln sagen.

Der Nutzungsvertrag mit der Stadt bezüglich der Mittelsäulen in der U-Bahnstation wurde für eine Laufzeit von zehn Jahren unterzeichnet. Seither wurde daran nicht mehr gerührt. Inzwischen fehlt hier also eine Rechtsgrundlage. Vielleicht ist das aber gar nicht so wichtig.

Es gibt ja keinen Grund dafür, die Kölner Köpfe abzuhängen. Sie sind mittlerweile zum festen Bestandteil der Architektur geworden. Welcher Stammkunde der KVB könnte sich die Haltestelle Appellhofplatz denn noch ohne die inzwischen ältesten Stencils von Köln vorstellen?

Kölner Stadtschreiber Kölner Köpfe U-Bahnstation

Schon möglich, dass mancher sich wünscht, die Kunstwerke in die städtische Denkmalliste aufzunehmen und unter entsprechenden Schutz zu stellen. Auch vorstellbar, dass den Säulen eine Grundreinigung gut tun und ein frischer Anstrich der Mauern die Installation insgesamt deutlich aufpeppen würde.

Gut möglich, dass das beispielsweise in Düsseldorf schon längst geschehen wäre. Andererseits passt der Schmuddelcharakter des aktuellen Ambientes ganz gut zur Alten Tante Köln, die ihr Image, nicht allzu etepetete zu sein, in allen Bereichen stolz und hartnäckig verteidigt.

Justus Herrmann jedenfalls zeigt sich zuversichtlich, dass diese „kölsche Lösung“, wie er es nennt, Bestand haben wird. „Die Köpfe sind nun einmal da“, sagt er. „Es ist, wie es ist.“

Genau.

Text, Recherche & Fotos: -bevi 

Übersicht: „kölner köpfe – alle Namen“

 

 

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