Ein Veedelporträt von Monika Rosenbaum (Text & Fotos)

Den größten Teil meines Lebens, und das sind jetzt schon fast 50 Jahre, war die Körnerstraße für mich immer nur die Haltestelle, an der ich aussteigen musste, um nach Hause zu kommen. Zuerst fuhr die Bahn noch überirdisch, ab 1989 dann unterirdisch. Seit diesem Zeitpunkt hat sich in Ehrenfeld einiges verändert.

Die Venloer Straße war plötzlich nicht mehr das, was sie vorher gewesen war. Und mir war damals irgendwie klar, und nicht nur mir: Das war es für Ehrenfeld.

Aus dem ehemaligen Arbeiterviertel, in dem ich groß geworden bin, wo mein Vater mich sonntags schon mal zum Frühschoppen mitgenommen hat und wo ich als Kind mit meiner Oma über einen Wochenmarkt gegangen bin, den man noch Wochenmarkt nennen konnte, ist ein langweiliges Kaff geworden.

Die Venloer Straße ‑ die Straße, auf der ich so gerne entlanggebummelt war. Damals, als ich noch den halben Vormittag zum Einkaufen einplanen musste, weil ich alle 10 Meter jemanden getroffen habe und auf ein mehr oder weniger kurzes Pläuschchen stehen geblieben bin. Diese Straße war eine Straße ohne Seele geworden.

Aber irgendwann habe ich bemerkt, dass sich wieder etwas veränderte. Nicht auf der Venloer Straße selbst, aber in den Seitenstraßen. Immer öfter hörte ich von neuen Ideen, an denen gearbeitet wurde, von tollen Gemeinschaftsprojekten, die man umgesetzt hatte, und von jeder Menge kreativen Menschen, die sich Ehrenfeld als neues Schaffensgebiet ausgesucht hatten.

Eine Seitenstraße, die dies ganz besonders deutlich macht, ist die besagte Körnerstraße, eine der ältesten Straßen in Ehrenfeld.

Hier entstand etwas vollkommen Neues

Von Anfang an fand ich es total inspirierend, durch diese „neue“ Körnerstraße zu spazieren und in Läden zu stöbern, die es vorher ‑ vor allem in Ehrenfeld, und vor allem auch in so einer geballten Ladung ‑ noch nicht gegeben hatte:

  • das „Kitsch deluxe“ mit Mode, Möbeln und Wohnaccessoires aus vergangenen Jahrzehnten,
  • das „Utensil“, in dem „Industriekultur für zu Hause“ angeboten wird,
  • die „Drahtflechterei“, in der Marko Rettig die alte Kunst des Drahtflechtens wieder aufleben lässt und in Kursen und Workshops weitergibt (kann ich aus Erfahrung empfehlen),
  • das Stoffgeschäft „Libelle“, wo es nicht nur Stoffe, sondern auch witzige und ungewöhnliche Geschenkartikel gibt.
Kölner Stadtschreiber Ehrenfeld Kitsch Deluxe

Ehrenfelder Edeltrödel: Möbel, Mode- und Wohnaccessoires

Natürlich kommen auch immer wieder neue Läden dazu. 2017 hat hier der „Veedelskrämer“ eröffnet. Ein Laden, in dem man Lebensmittel und andere Waren ohne die unnötigen Verpackungen kaufen kann.

Ja, ich gebe es zu, ich bin fasziniert von kreativen Menschen und vor allem natürlich von Leuten, die es hinkriegen, ihre Ideen auch in die Tat umzusetzen.

Kölner Stadtschreiber Ehrenfeld Givebox

Die Givebox vor dem Hochbunker zwischen Subbelrather und Grimmstraße

Beispielsweise Marion Dickhoven, Initiatorin der „Givebox“, die seit 2013 vor dem Hochbunker steht. Hier kann jeder Sachen, die er nicht mehr benötigt (die aber natürlich noch in Ordnung sind), hineinstellen, und jeder, der etwas davon brauchen kann, darf sie sich einfach herausnehmen.

Aber auch die Gemeinschaftsprojekte, die von den Bewohnern der Straße auf die Beine gestellt wurden, sind erwähnenswert:

Da gibt es den Bunkergarten, in dem gemeinsames Gärtnern angesagt ist, oder den Weihnachtsbazar, der jedes Jahr an einem der Adventssonntage stattfindet. Und nicht zu vergessen das Sommerfest, das fast schon beliebter ist als das traditionelle Straßenfest auf der Venloer Straße.

Zwei  Welten in einem Veedel

Es gibt da allerdings noch ein kleines Fleckchen in der Körnerstraße, das an das „alte Ehrenfeld“ erinnert: Beim Aggi „Em Höttche“. Hier kommen die Leute noch nach der Arbeit auf ein Feierabendbier rein, hier trifft man sich zum Knobeln, um dem 1. FC beim … was auch immer zuzusehen oder einfach nur, um über Gott und die Welt zu diskutieren. Zum Beispiel darüber, was aus Ehrenfeld geworden ist, oder was aus der Körnerstraße geworden ist, oder was aus dem FC … ok.

Kölner Stadtschreiber Ehrenfeld Em Höttche

Typisch kölsche Veedelskneipe: das Aggi „Em Höttche“

Man sagt, die „alten Ehrenfelder“ im „Höttche“ und die „neuen Ehrenfelder“ da draußen wären sich nicht ganz grün. Die einen sagen, die Kneipe sei noch ein Überbleibsel aus Ehrenfelds düsteren Zeiten ‑ was auch immer damit gemeint ist ‑ und die anderen sagen, hier in der Straße wohnen nur noch Spinner, die sich für etwas Besseres halten.

 

Das ist natürlich absoluter Quatsch. Ich trinke genauso gerne einen Kaffee im Van Dyck, wie ich bei Ute (so heißt die Wirtin vom „Höttche“) ein Bier trinken gehe. Und das nicht obwohl, sondern gerade weil man in beiden Lokalitäten auf vollkommen unterschiedliche Charaktere trifft.

Kölner Stadtschreiber Ehrenfeld Veedelbrett

Eine Pinnwand für alle: das Veedelbrett in der Körnerstraße

Ich finde, gerade diese Gegensätze machen doch den Reiz erst aus. Vor allen Dingen bin ich der Meinung, dass beide „Welten“ wunderbar voneinander profitieren könnten. Man muss eben nur aufeinander zugehen und hin und wieder in die andere Welt hineinschnuppern. Vor allem auch der anderen Welt vorurteilsfrei gegenübertreten. Denn das ist doch genau das, was ein Veedel ausmachen sollte: Voneinander lernen und sich voneinander inspirieren lassen.

Für mich ist die Hauptsache, dass Ehrenfeld wieder eine Seele bekommen hat. Vielleicht nicht … nein, mit Sicherheit nicht die, die sie früher hatte. Aber eine Seele.

Und wer weiß, vielleicht muss ich bald wieder den halben Vormittag einplanen, wenn ich mal eben „kurz“ etwas einkaufen möchte.

Monika Rosenbaum ist Bloggerin und Betreiberin der Website „Kölner Ecken“.

 

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