Die Sonne scheint ja immer. Aber nicht jedes Mal sind keine Wolken am Himmel. Wenn das aber doch einmal so ist, setze ich mich nach der Rückkehr von meinem Halbtagsjob gerne für ein halbes Stündchen auf eine der beiden Bänke am Höninger Platz in den Schatten der Zwillingsbirke und lasse mich von den warmen Strahlen unseres Muttersterns verwöhnen.

Dann rauche ich eine Zigarette, denke darüber nach, was ich auf der Arbeit erlebt habe, und auch daran, was ich mit dem Rest des Tages anstellen möchte. So auch diesmal.

Die andere Bank war bereits besetzt von vier Menschen, die ich nach kurzem Hinsehen für ein Großelternpaar mit zwei Enkelkindern hielt: ein Junge und ein Mädchen, beide im Vorschulalter, vier bis fünf Jahre alt. Zweieiige Zwillinge, wie es mir schien. Sie alle schleckten eifrig Eis, und da wurde mir klar, was ich direkt nach meiner Besinnlichkeitszigarette machen würde: Rüber zu „Van der Put“ und nach langer, wirklich langer Zeit mal wieder einen Krokantbecher genießen.

Wie süß, dachte ich. Wie gerne wäre auch ich ein Großvater und würde mit meinen Enkeln unterwegs sein! Habe diesbezüglich auch schon bei meinen Kindern angeklopft, aber sie meinten beide, dafür sei es noch zu früh. Wenn ich es erleben und dann auch genießen wolle, solle ich auf meine Gesundheit achten und beispielsweise mit dem Rauchen aufhören … Hm.

Kaum hatte ich meinen Tabakbeutel hervorgeholt und ein Blättchen aus dem Heft gefischt, kamen die beiden Lütten angelaufen und starrten mich mit ihren eisverschmierten Gesichtern an.

„Was ist das?“, fragte der Junge und zeigte auf den Tabak, den ich auf dem Papier verteilte.

„Das ist nichts für kleine Kinder!“, bemerkte der Großvater schmunzelnd und kniff mir ein Auge.

„Stimmt“, erwiderte ich. „Eigentlich ist das nicht einmal was für große Männer.“

„Was machst du?“, fragte das Mädchen und sah mich neugierig an.

Beide hatten ihr Eis vergessen, das nun auf ihre Schuhe zu tropfen begann.

„Ich drehe mir eine Zigarette“, antwortete ich. „Passt auf, das geht so.“

Während ich tat, was ich angekündigt hatte, wunderte ich mich, warum die Großeltern nichts unternahmen, um ihre Enkel vor meinem schlechten Vorbild zu schützen. Die beiden Kinder waren von meiner Darbietung derart fasziniert, dass ich mehr und mehr ein schlechtes Gewissen bekam.

Was für ein bescheuerter Großvater, dachte ich, wäre ich denn wohl, wenn das jetzt meine Enkelkinder wären? Plötzlich wurde mir klar, warum die Großeltern der beiden nicht in diese Situation einschritten. Sie wussten, dass ich keinerlei Einfluss auf ihre Enkel hatte. Sie wussten, dass ich nichts ausrichten konnte.

„Warum hast du an dem Papier geleckt?“, wollte der Junge jetzt wissen.

„Damit es zusammenklebt“, antwortete ich und steckte mir den Sargnagel in den Mund.

„Willst du das jetzt essen?“, fragte das Mädchen.

Als ich mein Feuerzeug hervorholte, die Zigarette ansteckte und den Rauch ausbließ, zuckten beide heftig zusammen.

„Warum machst du das?!“, rief das Mädchen und blickte mich zornig, traurig und vorwurfsvoll zugleich an. Der Junge schüttelte nur seinen Kopf, widmete sich wieder seinem Eis und lief zur Zwillingsbirke. Dort hockte er sich zwischen die beiden Stämme und rief: „Hüah!“ Da begriff ich, dass die Zwillingsbirke auch ein Pferd sein kann, wenn du nur Lust darauf hast.

„Guck mal auf deine Schuhe“, sagte ich zu dem Mädchen.

Sie tat es und war ganz erschrocken: „Och!“

„Lauf zum Opa. Der macht das wieder sauber!“

Der Junge verkündete nun, dass er „Kacka machen“ müsse. Die Oma entschied, das am besten in der Eisdiele zu erledigen. Endlich war ich die Quälgeister los und konnte in Ruhe meine Zigarette rauchen.

Aber irgendwas ist ja immer. Zu Hause angekommen, fiel mir ein, dass ich den Krokantbecher vergessen hatte.

 

Text & Foto: -bevi

 

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