Wir Alten  wollen von euch Jungen an der Hand genommen und zum Ziel geführt werden. Ist das denn so schwer zu verstehen? Kommentar von Michael Waßerfuhr.

Ich bin ein Kind des Jahres 1968. Die Generation meiner Eltern ist die, die im Krieg geboren wurde, die Not und Elend in frühester Jugend miterlebt und anschließend mit Fleiß das Wirtschaftswunder mitgestaltet hat. Sicher, diese Generation hat zurückgeholt, was die Generation davor verspielt hat. Das ging eben nur mit Fleiß und Unterordnung. Für den Erfolg hat man oft seine eigenen Bedürfnisse zurückgenommen. Der Kuchen muss ja überhaupt erst mal gebacken sein, damit man ein Stück abbekommen kann.

In diesem Sinn wurde ich erzogen: Einsatz zeigen, auch wenn ich eigentlich überfordert bin. Nicht nachlassen, schaffen. Funktionieren, um Einkommen zu generieren. Ich habe mir 50 Jahre Mühe gegeben, und es hat funktioniert. Sicher können Schicksalsschläge das zunichte machen, aber das ist nicht in meiner Macht. Große Not habe ich nie kennengelernt, wie viele meiner Generation nicht.

Stutzig hätte ich eigentlich schon mit 16 werden müssen, als ausgerechnet mein Lehrer sagte: „Von der 68er-Generation ist nicht mehr viel übrig geblieben. Euer Jahrgang ist schon ziemlich angepasst.“

Das habe ich nicht verstanden.

Die Erziehung brachte mich erst mal zu dem Ziel, mit meinen Begabungen ein maximal erreichbares Einkommen zu erwirtschaften. Natürlich habe ich mit der Zeit mitbekommen, was 1968 so passiert ist. Ich habe auch die Gegenseite gehört, die Todesangst unter denen, die unter der bewunderten Revolte gelitten haben. „Berlin brennt“ – auch heute nicht mein Weg. Die Gewalt, der blöde Fehler der 68er. Vielleicht sähe es jetzt sonst heute anders aus.

Die Ölkrise von 1973, mit den Fahrverboten – die Luftverschmutzung, obwohl ich mich damals übergeben habe, als ich mit Mutter von Borkum kam und am Hauptbahnhof aussteigen musste – der Gestank des Rheins in den 70er-Jahren.

„Jute statt Plastik“, weil das Plastik-Problem ja nicht neu ist. Die verlorenen Lebensstunden im Stau, bescheuerte Nahrung mit Glutamaten und anderer Chemie, alles das zehrte an meinem Gewissen, änderte aber nicht mein grundsätzliches Verhalten.

Ich bin naiv und träge. Schlimm. Ich meine, das Problem ist ja, dass meine Generation grundsätzlich so ist. Wir sind ja jetzt die Generation, die die Gesellschaft führt. Das ist schwierig, wenn man auf Anpassung und Eigensicherung getrimmt ist und Umsicht, Rückgrat, konstruktive Kritik und Durchsetzungsvermögen nicht die Kernkompetenzen des führenden Teils der Generation sind.  

Gestern sitze ich im Park und genieße nach der alltäglichen Arbeit den ersten warmen Sonnentag. Dabei sehe ich drei Mädchen, die genauer hingucken. Sie sind um die zehn Jahre alt. Sie durchstreifen mit Säcken den Park und sammeln Müll ein. Sie spielen nicht, sondern sammeln den Scheiß der anderen ein.

Liebe Kinder, ihr sammelt Müll, geht auf die Straße und macht Radau. Viele Erwachsene schimpfen über den Teil, in dem ihr ungehorsam seid. Rufen euch zu: „Gewehr bei Fuß, ins Glied zurück!“

Wisst ihr, ich glaube, sie tun es, weil sie am Alten festhalten möchten ‑ und ja, weil sie lieber euch opfern als Gewinn und Bequemlichkeit. Außerdem ist es peinlich, sich eingestehen zu müssen, dass man etwas nicht kann. Aber genau das hat ja seinen Grund. Angst haben und jammern, das kennt auch meine Generation. Aufbegehren und Probleme lösen, das haben wir uns in der Mehrheit nie beigebracht.

Ihr seid anders. Ihr baut Druck auf, protestiert und passt euch nicht an. In zehn Jahren kräht kein Hahn mehr danach, wie oft ihr freitags in der Schule wart. Ihr werdet euren Weg finden, ganz sicher.

Aber in 30 Jahren blicken vermutlich die Reste meiner Generation auf euch zurück und sagen: „Der Protest damals war wichtig. Heute geht es uns besser.“

Bleibt friedlich, aber ungehorsam, und macht Radau.

Zeigt es uns Versagern!

 

Text: Michael Waßerfuhr

 

 

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