Abstand gewinnen von Lärm, Hektik und Oberflächlichkeit des Kölner Großstadtlebens. Zur Ruhe kommen und die Energiespeicher des Körpers und der Seele wieder aufladen mit guter Luft und menschlicher Wärme. Aus diesen Gründen war ich zu meinem Erholungswochenende in die Heimat aufgebrochen. Ebenfalls immer eine Reise wert ist die bodenständige, deftige Sauerländer Küche, die vor allem mit frischen Zutaten aus der Region punktet.

Kapitel 1 verpasst? Hier ist dein Umweg: Die Anreise

Nachdem Mama mich beim Mittagessen schnell mit umfassenden Informationen zu ihrer Krankengeschichte der vergangenen vier Wochen, den aktuellen Todesfällen im Dorf sowie dem neuesten Tratsch aus der Nachbarschaft versorgt hat, legt sie sich für ihre Mittagspause hin und ich bringe meine Sachen ins „Kinderzimmer“ im ersten Stock – also „unters Dach“.

Chronik eines Kinderzimmers

Das ist mein Reich gewesen, bis ich mit 18 auszog, um mich im Rest der Welt umzusehen. Auf den ersten Blick hat sich nicht viel geändert: das Bett, der Kleiderschrank, die Waschlappen und Handtücher von damals, der kleine Schreibtisch, das Bücherregal. Alles steht und hängt noch am selben Platz wie früher.

Auf den zweiten Blick merkst du schon, wie viel sich in den zurückliegenden 40 Jahren geändert hat. Zwar finden sich noch immer die alten Karl-May-Bücher im Regal, aber daneben stapeln sich all die Reader’s-Digest-Ausgaben sowie die Trivialromane und Ratgeber für Blödmannsgehilfen, die vom Parterre des Hauses in der Zwischenzeit ausgemustert wurden.

Aus dem Rahmen fällt die „Chronik des 20. Jahrhunderts“ – ein wirklich amtlicher Schinken, 1.310 Seiten mit vielen historischen Fotoaufnahmen, fast so schwer wie eine Kiste Bier. Ein sehr wertvolles Buch, das ich immer schon mal an mich bringen wollte.

Aber ansonsten? Noch in Zellophan verpackte Präsente wie Porzellan-Putten aus Italien, Seifenspender in Muschelform von der Nordsee, der Kölner Dom im Schüttelglas mit Schneegestöber – lauter lieb gemeinte Mitbringsel von Freunden und Verwandten, die zu nichts gut sind, aber zum Wegwerfen zu schade (die Mitbringsel, nicht die Freunde und Verwandten).

Und all die kleinen Schilder!

Mama ist so voll mit Lebensweisheiten, dass es ihr nicht leicht fällt, sie alle zu behalten. Deswegen hängen in ihrem Haus eingerahmte Schilder mit den wichtigsten Sinnsprüchen. Ich habe noch nicht genau darauf geachtet, schätze ihre Anzahl aber auf 30 bis 35 – allerdings hängen sie nur im Keller und im Kinderzimmer. Als wollte Mama nicht auf Schritt und Tritt von so viel Weisheit belästigt werden.

„Lebe jeden Tag, als wäre es dein letzter!“
„Geduld ist ein Kraut, das nicht in jedem Garten wächst.“
„Es ist besser, ein kleines Licht zu entzünden, als über große Dunkelheit zu klagen.“
„Ein Tropfen Liebe ist mehr als ein Ozean Verstand.“

Und so weiter. Wer diese Sprüche alle lebt, kann gar nicht anders, als ein strahlend glücklicher Mensch zu sein.

Ich packe ein paar Sachen aus, es ist nicht viel. Morgen am frühen Nachmittag geht es ja schon wieder zurück nach Köln, mit dem einzigen Bus, der sonntags das Dorf ansteuert.

Nachdem ich sichergestellt habe, dass mir auch nicht eine einzige der gerahmten Weisheiten entgangen ist, ziehe ich die Arbeitsklamotten an, die Mama für mich bereitgelegt hat: alles Kleidungsstücke aus längst vergangenen Zeiten, als ich noch jung und alles in allem etwas weniger war. Nun sehe ich darin aus wie eine Presswurst. Schicksalsergeben kehre ich zurück ins Erdgeschoss.

Inzwischen hat es aufgehört zu regnen.

Sinfonie der Heimatklänge

Mama ist schon wieder auf und hat den Restkaffee vom Morgen aufgewärmt.

„Bin nicht zum Backen gekommen“, eröffnet sie mir. „Künders Änne war gestern hier und hat mal wieder kein Ende gefunden. Hab aber noch Weihnachtsplätzchen. Die müssen sowieso endlich mal weg.“

„Lecker, Mama.“

„Woll? Wir können im Wintergarten sitzen gehen.“

„Ah!“, denke ich, als ich mich am gedeckten Tisch niederlasse. „Diese Ruhe!“

In diesem Augenblick gehen in der Nachbarschaft die Rasenmäher an. Echte Benziner. Viertakter! Nicht so’n neumodisches Gedöns mit Stromkabeln!

„Das sind Sinnings Heribert, Kolvensteins Bubi und Ossen Werner“, erklärt Mama. „Schulten Heiner fängt bestimmt gleich auch noch an.“

„Muss dieser Krach ausgerechnet jetzt sein?“, maule ich.

„Was? Wann sollen die das denn sonst machen? Es ist Samstagnachmittag!“

„Das sind doch alles Rentner, seit 20 Jahren! Die können das jeden verdammten Tag in der Woche machen!“

„Was hat das denn damit zu tun? Die haben das ihr Leben lang samstags um diese Uhrzeit gemacht. Nur weil sie jetzt Rentner sind, dürfen die das nicht mehr? Außerdem regnet’s grad mal nich! Und fluche bitte nicht! An meinem Tisch wird nicht geflucht. Da sei Gott vor!“

„Schon gut, Mama.“

Konzentriert lauscht sie in die Gegend hinein. Als ein paar Steinwürfe entfernt eine Kreissäge zu singen beginnt, hellt sich ihre Miene auf. „Ah!“, stellt sie erleichtert fest. „Suttrops Gerd macht sein Holz für‘n Winter. Das hätten wir dann also auch erledigt.“

Schulten Heiner fängt jetzt auch noch an.

„Bisse heute Abend schon wieder mit Freunden verabredet?“

„Diesmal nicht, Mama. Sind alle im Urlaub.“

„Wie schön! Dann hab ich dich ja ganz für mich!“

Da schwant mir Schlimmes. Und während ich mich mit lauwarmem, bitterem Kaffee und ranzigem Weihnachtsgebäck für den Garteneinsatz stärke, lauschen wir geduldig dem Konzert aus Rasenmähern, der Kreissäge und einer am nahen Waldrand einsetzenden Kettensäge.

Das, erfahre ich umgehend, ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Heuschulten Holger. Der kümmert sich um die Fichten am Hittenplack, die der letzte Sturm umgeknickt hat. Wollte der eigentlich schon vor einem Monat machen, aber dann ist er Schützenkönig geworden … und wie das dann immer alles so ist.

„So! Und jetzt gehn wir inne Kartoffeln! Danach ist der Lavendel fällig. Und wenn noch Zeit ist, kannste eben die Hecke scheren. Die hat’s dringend nötig!“

Du bist, was du erledigt hast

Vier Stunden später stehe ich unter der Dusche und resümiere das Ergebnis meiner Tätigkeiten: Kartoffeln geerntet, Acker umgegraben, den Lavendel und die Hecke geschnitten, alle Strünke und das zusammengeharkte Laub auf dem Kompost entsorgt, Werkzeug gereinigt und wieder in den Schuppen gebracht.

Mama hat mir bei allem sehr gut dadurch geholfen, dass sie nicht im Weg stand.

Kölner Stadtschreiber: Euterpflege in der Heimat

Im Sauerland hat man noch Zugriff auf echte Naturprodukte

Auf der Fensterbank entdecke ich eine Flasche „Euterpflege“. Kurz überlege ich, ob ich meiner alternden Haut einmal etwas Gutes tun und mich mit einem unverfälschten Naturprodukt einreiben sollte, bin dann aber zu kraftlos dafür.

 

Abendbrot gibt es um sieben, das war schon immer so. Gleich wird Mama sagen, dass sie jeden Abend eine Schnitte Brot mit Camembert und einigen rohen Zwiebelringen isst, denn es gibt „nichts Besseres gegen Krebs wie rohe Zwiebeln“.

„Endlich Ruhe“, seufze ich. „Keine Rasenmäher, keine Kettensägen, keine Heckenscheren. Nur Stille.“

„Schlimm, woll?“, sagt Mama. „Hier ist es oft so ruhig, dass ich die Wände hochgehen könnte! Du solltest mal unter der Woche hier sein!“

Das ziehe ich durchaus in Erwägung.

„Nu iss mal schön. Hast ja ordentlich was geleistet. Ich esse übrigens jeden Abend eine Schnitte Brot mit Camembert und rohen Zwiebelringen. Solltest du auch machen. Es gibt nämlich nichts Besseres wie …“

Im Fernseher läuft die „Aktuelle Stunde“ des WDR, die guckt Mama jeden Abend. Deswegen weiß sie viel mehr über Köln als ich. Zum Beispiel kennt sie ‑ im Unterschied zu mir, der ich wirklichkeitsfremd bin (im Unterschied zu ihr) ‑ unsere hohe Feinstaubbelastung. „Eigentlich“, sagt Mama, „müsstet ihr Kölner eure Lungen beim Sondermüll abgeben, bevor ihr euch ins Grab legt.“

Sie versteht nicht, dass ich in einer solchen Stadt leben kann. Messerstechereien an jeder Ecke, täglich illegale Autorennen mit Todesopfern, hinter jedem Busch Islamisten mit entsicherten Sprengstoffgürteln unterm Kaftan, Einbrecherbanden vom Balkan, die systematisch einen Ortsteil nach dem anderen ausplündern. Arbeitslosigkeit, Lärm, schlechte Luft, Sittenlosigkeit, Klüngel ‑ und was noch alles!

„Komm doch wieder ins Sauerland. Kanns hier bei mir unterm Dach wohnen, im Kinderzimmer. Das wär doch schön! Kanns dich jeden Tag im Garten austoben, wiede lustig bis. Machse doch so gerne!“

„Ach, Mama.“

Kokolores brauchen wir hier nicht!

Nach dem Abendbrot lasse ich mich in den Fernsehsessel meines längst verstorbenen Vaters sinken, um in Ruhe meine Knochen zu zählen und den Abendfrieden zu genießen.

Es klingelt an der Haustür.

„Ach herrje“, ruft Mama und schlägt die Hände überm Kopf zusammen. „Wer kommt denn jetzt noch, um diese Uhrzeit?“ Dann fällt es ihr ein. „Ach, das wird Margaret sein, Hugenkamps Anton seine Frau. Die bringt bestimmt die Leberwürste. Hab uns nämlich drei Hausmacher bestellt: zwei kleine für mich und eine große für dich zum Mitnehmen.“

Du musst wissen, Herr Hugenkamp ist neben seiner Hauptbeschäftigung in der Kreisverwaltung noch Jäger und unterhält einen Schwarzhandel mit frisch geschossenem Wildbret. Weil momentan Schonzeit ist, gibt es nichts Frisches, aber ich weiß, dass in der Tiefkühltruhe unten im Keller ein Kilo Wildschweingulasch vom letzten Herbst auf mich wartet.

Dass er auch Würste herstellt, erfahre ich jetzt zum ersten Mal.

„Hat er denn dafür auch eine Zulassung?“, frage ich. „Ich meine vom Gesundheitsamt oder so?“

„Was? So‘n Kokolores brauchen wir hier nich. Der macht das schon ordentlich. Auf der ganzen Welt gibt es keine besseren Hausmacher wie Hugenkamps Anton seine!“

Kaum dass Frau Hugenkamp im Haus ist, geht das dann los.

„Schon gehört? Stratmanns Willi seiner Schwester ihr Sohn hat gestern Wiesenhoffs Elke geheiratet.“

„Was?“, frage ich. „Wer ist das denn?“

Mama guckt mich vorwurfsvoll an. Wie ich denn bloß einen aus meiner Heimat nicht kennen kann! „Die bei Landmanns Heini in der Küche arbeitet, der ihre Tochter“, erklärt sie, und plötzlich weiß ich es natürlich wieder. „Ach die!“

Herr Landmann ist der Wirt der Dorfkneipe, die zugleich die einzige Frittenbude des Ortes ist. Außerdem betreibt er im Ossental an der Grenze des Dorfes eine Forellenzucht, zu welchem Zweck er den kleinen Kraßbach in der Talsenke zu drei Becken gestaut hat. Mama schwört, dass es auf der ganzen Welt „keine besseren Forellen gibt wie Landmanns Heini seine“.

Die beiden setzen sich auf ein Likörchen am Esszimmertisch zusammen, und Frau Hugenkamp versorgt Mama mit den nötigsten Informationen: Kurscheids Werner sei Trauzeuge gewesen und habe mal wieder wie der letzte Hanebummel ausgesehen: kuwelige Lössen und klaterige Klüsen vom Vorabend, und anschließend bei der Feier schon wieder Brand wie ne Hitte. Der hat ja noch nie ins Glas gespuckt! Seine Frau – Klärchen, die olle Schladacke – sei dadrüber richtig ewenig geworden. Aber du kennst ja Werner, die Twerstbrake! Na ja, wie das immer alles so ist. Und dat Elke: Wie eine echte Prinzessin habe sie ausgesehen, also picobello. Da gäb’s ja wohl kein Vertun!

Da kann man nichts machen …

Und während Mama und Frau Hugenkamp in allen Einzelheiten und sehr leidenschaftlich den Hergang der Hochzeitsfeierlichkeit ausloten, sitze ich im Sessel und kämpfe gegen den Schlaf. Sehr behilflich ist mir dabei eine von diesen Samstagabend-Shows im Fernsehen. Und während der Apparat in für Senioren üblicher Lautstärke das Vier-Augen-Gespräch der beiden Frauen mit guter, ausgelassener und sehr deutscher Freude untermalt, spüre ich wieder einen leichten Kopfschmerz in mir wachsen.

Wenn ich mich jetzt ins Bett verabschiede, überlege ich angestrengt, dann bin ich hier unten durch. „Typisch Städter“, wird es heißen, „burseln mal’n bissken im Garten, un abends sindse gleich am Arsche des Propheten.“ Und morgen weiß das ganze Dorf, was für ein Weichei ich bin. Könnte mir ja egal sein. Aber es wird heißen, was für ein Weichei meiner Mama ihr Sohn ist – und das geht gar nicht! Dann kommt mir die Erleuchtung.

„Schade!“, rufe ich mit letzter Kraft, quäle mich aus dem Sessel und schlendere lächelnd zum Tisch. „Aber ich muss mich jetzt leider zurückziehen. Ich erwarte noch einen Anruf auf mein Handy.“

In der dramaturgischen Pause, die ich dieser Ankündigung folgen lasse, studiere ich die Gesichter der beiden Damen und lese ihre Gedanken: „Aufs Handy, aha! Da kann man nichts machen. Das ist die neue Zeit. Schlimm, wirklich schlimm! Aber da kann man nichts machen.“

„Tja“, sagt Mama. „Da kann man nichts machen.“

„Genau“, bestätige ich. „Tschüs, Frau Hugenkamp. Schön, dass wir uns mal wiedergesehen haben. Grüße an Ihren Mann.“

„Mach ich glatt! Pass schön auf dich auf!“

„Mach ich doch immer.“

Nachdem ich Mama einen Kuss auf die Stirn gedrückt habe, ziehe ich mich für diesen Tag zurück. Im „Kinderzimmer“ angekommen schaffe ich es gerade noch, mir die Hose auszuziehen. Dann falle ich in Ohnmacht.

Weiter zu Kapitel 3: Die Rückfahrt nach Köln

Text & Fotos: -bevi, Beitragsfoto: SteveK via Wikimedia Commons

 

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