Selbst wenn eine Reise einmal nicht alle Erwartungen erfüllt, die man in sie gesetzt hat, geht man doch jedesmal aufs Neue gestärkt daraus hervor – erfahrener, im wahrsten Sinne des Wortes. In jedem Fall aber ist man doch immer froh, endlich wieder daheim zu sein.

Kapitel 1 verpasst? Die Anreise – Kapitel 2 verpasst? Gartenfreuden

Um drei Uhr, mitten in der Nacht, schrecke ich aus dem Schlaf. Ostermanns Hahn, Jonathan mit Namen, kräht sich auf dem Nachbargrundstück die Lunge aus dem Leib. Dabei ist es doch noch stockduster! Wahrscheinlich schleicht der Fuchs um das Gehege, vielleicht der Dachs. Vielleicht, denke ich wütend, hat das Scheißvieh aber auch nicht mehr alle Latten am Zaun! Jonathan hört nicht auf. Er kräht wie am Spieß, bis im Osten die Sonne aufgeht. Dann ist er plötzlich still.

Die dazwischen liegenden Stunden, in denen an Schlaf nicht zu denken ist, nutze ich sinnvoll, suche in meinen alten Karl-May-Büchern den kompletten Namen von Hadschi Halef Omar hervor und lerne ihn noch einmal auswendig. Damals, in der Volksschule, war ich der Einzige, der ihn ohne zu stottern aufsagen konnte. Wer weiß? Vielleicht kann ich das irgendwann mal wieder gebrauchen.

Immer wieder sonntags

Der Tag beginnt mit blauem Himmel und Sonnenschein. Als endlich der Geruch von frisch aufgebrühtem Kaffee durch das Haus weht, gehe ich hinunter. Mama steht an der Tür zum Wintergarten und bläst Rauch nach draußen.

„Morgen, Mama. Du rauchst zu viel!“

„Was? Immer nur kleine Schachteln!“

Wie immer beim Frühstück dröhnt auch diesmal 70er-Jahre-Popmusik von WDR 4 aus den Boxen der Anlage.

„Nur noch ausländische Musik!“, schimpft Mama. „Nix mehr fürs Herz, mit deutschen Texten und so. Ich verstehe kein Wort!“

Draußen höre ich die ersten Motorräder über die Landstraße brettern. Die Gegend ist bei den Bikern aus dem Ruhrgebiet wegen ihrer anspruchsvollen Nadelkurven sehr beliebt. Immer bei gutem Wetter fallen sie rudelweise über das Sauerland her und liefern sich illegale, jedoch nicht als solche nachweisbare Rennen. Nachdem der Orkan „Kyrill“ im Januar 2007 alle Fichten auf den Hügeln umgeknickt hat, dröhnen die Motorengeräusche ungehindert durch die Täler.

„Wie siehst du eigentlich aus? Hasse etwa nich geschlafen?“

„Der Hahn hat gekräht. Ununterbrochen seit drei Uhr!“

„Der Jonathan? Den hör ich schon gar nich mehr.“

„Hast du’s gut!“

Nach dem Frühstück mache ich es mir wieder im Fernsehsessel bequem. Mama hat das Radio aus- und den Fernseher angeschaltet, denn da beginnt nun eine ihrer Lieblingssendungen: „Immer wieder sonntags“.

„Das verpasse ich nie! Nur schöne Musik, so richtig was fürs Herz!“

„Ja, Mama.“

Eigentlich wollte ich den Sonntagmorgen dazu nutzen, eine gute Runde in der frischen Waldluft spazieren zu gehen und das Grab meines Vaters zu besuchen. Aber leider fühle ich mich wegen akuten Muskelkaters und Schlafmangels nicht dazu in der Lage.

Jede Bewegung schmerzt und muss von meinem lahmen Willen langwierig in die Wege geleitet werden. Da ist es besser, wenn ich gar nicht erst versuche, gegen die „Immer wieder sonntags“-Situation anzukämpfen, und mich kampflos ergebe. Trübselig starre ich aus dem Wohnzimmerfenster auf die Straße. Da ist, wie immer, nichts los.

Im Sauerland findet das Leben nicht auf der Straße statt. Wenn du Leute treffen willst, musst du auf den Friedhof gehen. Da sind immer welche. Und falls du doch jemanden auf der Straße triffst, schaut er dir ins Gesicht und grüßt dich – egal, ob er dich kennt oder nicht.

Sauerländer Küchenpsychologie

Mich kennen hier die allermeisten noch von früher, als meinem Papa und meiner Mama ihr Sohn. Sie würden mich ansprechen, fragen, wie es mir geht. Nur kurz und nur das Nötigste natürlich. Aber daraus würden sie zu Hause am Mittagstisch eine profunde Bestandsaufnahme meines Charakters, meiner Lebensgeschichte, meiner aktuellen wirtschaftlichen Verhältnisse sowie meines seelischen Befindens ableiten.

Der Sauerländer sieht dir mit einem Blick tief hinter die Stirn! Das könnte ich in meinem derzeitigen Zustand nicht ertragen, ich würde kein gutes Bild abgeben.

In unserem kleinen Dorf werden abends um acht die Bürgersteige hochgeklappt. Wobei die ansonsten eh nur dazu benutzt werden, um sie zu fegen und im Winter vom Schnee zu befreien. Pass auf: In meiner Heimat ist jeder Hausbesitzer per Kommunalverordnung dazu verpflichtet, den Bürgersteig vor seinem Anwesen sowie die Straße bis zu deren Mitte sauber zu halten.

Und wenn es gegenüber mal keine Häuserreihe gibt, dann denken sich die auf der Seite mit den Häusern: „Komm hier, fege ich eben die ganze Straße.“ Das kann sich hier in Köln kein Mensch vorstellen. Aber – wie gesagt – das ist eigentlich egal, weil ja sowieso keiner über die Bürgersteige geht. Da geht jeder mitten über die Straße. Und warum auch nicht? Wenn ein Auto kommt, hört man es schon kilometerweise vorher und hat Zeit genug auszuweichen. Aber in der Regel kommt ja keins.

Plötzlich schrecke ich wieder auf. Am Fernsehen läuft der „ZDF-Fernsehgarten“.

„Na? Hasse dich schön ausgeruht?“ Mama sitzt feixend in ihrem Sessel. „Dann können wir ja jetzt Mittag essen, woll?“

Tatsächlich habe ich zwei Stunden lang im Sessel geschlafen, trotz lautem Fernseher und obwohl Besuch da war.

„Bin nicht zum Kochen gekommen. Suttrops Karl war hier und hat mal wieder kein Ende gefunden. Ich mach uns schnell ne Dose Erbsensuppe von Aldi auf.“

„Lecker, Mama“, seufze ich.

„Woll?“ Dann grinst sie. „War nur’n Scherz, Sohnemann. Natürlich gibt es was Ordentliches. Hab uns bei Landmanns Heini frische Forellen bestellt. Hat er gestern Morgen schon gebracht.“

Ich hasse es, wenn sie mich „Sohnemann“ nennt, und das weiß sie auch. Aber die Aussicht auf Landmanns Heini seine Forellen lässt mich diese kleine Spitze widerspruchslos erdulden.

Dazu gibt es gestern geerntete Kartoffeln und frischen Kopfsalat aus dem eigenen Garten mit Sauerländer Dressingsoße*. Ein wahres Festessen. Am Tisch erhalte ich nebenher einen ausführlichen Bericht über Herrn Suttrops aktuelle Lebenssituation, eine Übersicht über die gegenwärtigen Partnerschaftsverhältnisse meiner Cousins und Cousinen sowie Mamas Arzttermine der nächsten drei Wochen.

Mama ihrer Freundinnen ihre Polinnen

Da klingelt das Telefon.

„Wer ruft denn um diese Uhrzeit an?“!, fragt Mama mich, und weil ich das nicht weiß, zucke ich mit den Schultern und stopfe weiter das leckere Mittagessen in mich rein, das Mama extra für mich gekocht hat. Weil: Sie selbst hat ja schon lange gar keinen Appetit mehr und isst kaum noch was. Da macht ja auch das Kochen keinen Spaß – außer man hat Besuch!

Sie geht ran. Aus Gewohnheit will ich mir diese Auszeit nehmen, um gedanklich ein wenig wegzudämmern. Diesmal geht das aber nicht.

„Was?!“, ruft Mama. „Was macht die denn in Polen?“

Angestrengt lauscht sie in den Hörer ihres Schnurlostelefons, und ich bemerke, dass sich rötliche Hektikflecken auf ihren Wangen bilden.

„Das ist mal wieder typisch Hedwig!“, ruft sie entrüstet. „Die muss aber auch immer machen, was sie sagt!“

Sie steht auf und geht in die Küche, um dort das Gespräch fortzusetzen. Das war noch nie ein gutes Zeichen, muss aber respektiert werden.

Kurz danach kehrt sie einigermaßen derangiert zurück, knallt den Hörer auf die Ladestation und lässt sich prustend auf den Stuhl fallen.

„Das glaubst du nicht!“, beginnt ihr Bericht. „Hedwig ist bei Gerti ihrer Polin in Polen!“

„Ich wusste gar nicht, dass Gerti eine Polin hat“, sage ich.

Mama rollt die Augen: Wie kommt es nur, dass ihr 59-jähriger Sohn so wenig Ahnung vom wirklichen Leben hat?

„Hat sie aber! Schon die dritte. Die Polinnen müssen ja alle paar Monate wechseln. Wegen der Bestimmungen von der Krankenkasse.“

Meine Mama und ihre Freundinnen sind zwar alle über achtzig Jahre, aber sie sind nicht alt! Aus irgendeinem Grund, den ihnen keiner so richtig erklären kann, können sie nicht mehr alles wie vorher. Fenster putzen zum Beispiel, einkaufen gehen, Wäsche aufhängen, zu Beerdigungen oder weniger traurigen Anlässen kutschieren. Um nur einige Beispiele zu nennen.

Nach einer Prüfung durch einen Bevollmächtigten der Krankenkasse wurden sie in einen entsprechenden Pflegegrad eingestuft und haben nun ein Recht auf eine Betreuungsperson, die solche Dinge für sie erledigt.

Und da, wo ich wegkomme, hat es sich – Zufall oder Fügung? – nun einmal so ergeben, dass die besagten Betreuungspersonen allesamt Polinnen sind: Frauen in den besten Jahren, zupackend, sympathisch, ehrlich und verlässlich.

Ohne ihre Polinnen wüssten meiner Mama ihre Freundinnen ja gar nicht mehr, was sie überhaupt noch machen sollten!

Mama ist die Einzige, die noch keine Polin hat, weil ihre Krankenkasse ihr die dafür nötige Pflegestufe partout nicht zuerkennen will.

Sie sieht, dass ich Fragen zu stellen drohe, und wischt diese vorab mit einer energischen Handbewegung vom Tisch.

„Ist doch egal. Jedenfalls war das gerade Gerti. Sie hat jetzt für zwei Wochen eine Urlaubsvertretung. Weil: Was eigentlich ihre Polin ist, die hat Urlaub und ist nach Hause gefahren. Und da hat die Hedwig eingeladen, sie bei ihrer Familie in Polen zu besuchen! Weil die beiden ja immer so gut miteinander konnten, wenn Hedwig mal Gerti besucht hat. Und was macht Hedwig? Sagt Ja und fliegt dahin! Heute Morgen ist die mit’m Zug nach Düsseldorf und von da mit‘m Flieger nach Polen! Hedwig ist bei Gerti ihrer Polin in Polen!“

Die darauf einsetzende Pause nutze ich erbarmungslos aus, um die Klappe zu halten. Schließlich hat man als Sohn so seine Erfahrungen.

„Ich bin die Einzige, die noch keine Polin hat!“, stellt Mama vorwurfsvoll fest.

„Na und?“, entfährt es mir dann leider doch, und sofort bereue ich meine Ungeschicklichkeit, kann dann aber, wie das so meine Art ist, nicht mehr aufhören: „Darüber kannst du doch froh sein, Mama. Du kriegst alles noch wunderbar selbst geregelt.“

„Froh?!“ Jetzt rollt Mama so heftig mit den Augen, dass ich fürchte, sie möchten ihr aus den Höhlen fallen. Wie man denn darüber auch noch froh sein soll!

„Mama, guck mal: Hedwig hat doch auch keine Polin.“

„Die ist ja auch erst 79!“

Nun bin ich endgültig wieder auf das Niveau eines neunjährigen Hanswurstes hinabgesunken. Ist aber nicht schlimm: Auf der Ebene kenne ich mich bestens aus.

„Jetzt iss mal schön dein Stück Mokkatorte zum Nachtisch. Magste doch so gerne!“

„Ja, Mama.“

Im weiteren Verlauf des Mittagessens fügt sich ein genaueres Bild vom wahren Ausmaß der Katastrophe zusammen:

Immer wenn Mama mit ihren Freundinnen zusammenkommt, finden – und das war schon immer so – äußerst angeregte Unterhaltungen statt. Weil die Damen einander seit der Grundschule kennen, haben sie sich eigentlich schon längst alles mehrfach gesagt.

Worüber wird jetzt also unablässig gesprochen? Über die Polinnen natürlich! „Weißt du, was meine Polin sich letztens gebracht hat?“ „Nä! Erzähl …“ Und dann sitzt Mama, die doch auch so gerne redet, immer nur still dabei und hat nichts zu berichten. Das ist doch richtig gemein von Mama ihrer Krankenkasse, oder? Als ob das was mit irgendeinem Pflegegrad zu tun hätte!

Das Beste an den Polinnen ist: Die kennen all die anderen Geschichten von Mama ihren Freundinnen noch nicht und hören sie sich geduldig an. Zumindest tun sie so, als ob es sie interessieren würde. Ist doch auch egal! Als ob man immer gleich alles machen müsste, was man sagt! So wie Hedwig, die noch nicht mal achtzig ist und sowieso ständig in der Gegend rumgurkt und andere Leute besucht!

„Aber die“, sagt Mama dann beim Nachtisch mit zusammengekniffenen Augen, „kann was erleben, wenn sie zurückkommt!“

Nimm alles, was du kriegen kannst!

Bald danach muss ich los, den Sonntagsbus erreichen.

„Hasse auch alles?“

„Tja, Mama. Ich glaub schon. Aber irgendwas vergisst man ja immer.“

„Und wann kommse wieder?“

„Weiß ich noch nich. Hab ziemlich viel zu tun.“

„Was? Na ja, musse selber wissen. Deine olle Mama is ja nu auch nich mehr so wichtig, wonnich?“

„Ach Mama.“

Als wir uns zum Abschied umarmen, werde ich für einen Augenblick wehmütig. Wie alt sie geworden ist, so klein und zerbrechlich. Und was für eine starke und tapfere Frau sie doch geblieben ist, bei all ihren Schwächen.

Und wie sie alles beisammen hält: das Haus, den Garten, ihr Leben. Und obwohl ich zugeben muss, dass sie mir manchmal ganz schön auf den Senkel geht, ist doch nichts daran zu ändern, dass ich sie sehr liebe. Was soll ich tun? Sie ist meine Mama.

Jetzt glaub mal bloß nicht, dass ich rührselig werde. Da sei Gott vor!

„Ich hau dann mal ab, Mama. Mach’s gut.“

„Du aber auch! Und denk dran: Im Herbst is der Kompost fällig!“

Auf dem Weg zur Bushaltestelle gehe ich in die Knie, so schwer sind Rucksack und Reisetasche: ein Kilo Wildschweingulasch, drei Gläser selbst gemachte Johannisbeermarmelade mit Früchten aus dem eigenen Garten (es gibt nichts Vergleichbares auf der Welt!), eine große Hausmacher Leberwurst („Geh mir weg mit eurer Flöns!“), die „Chronik des 20. Jahrhunderts“ (endlich mein!), zehn Eier von Ostermanns Hühnern und zwei Stücke Apfelkuchen als Wiedergutmachung für „dem Jonathan sein blödes Spektakel mitten inne Nacht“ sowie ein Sack mit frisch geernteten Kartoffeln. Ach ja: und eine Birne, die ich aus Mamas Obstkorb entwendet habe. Fette Beute!

Ich beschließe, beim nächsten Besuch einen Trolley mitzunehmen. Das scheint meinem Alter angemessen zu sein. Oder sollte ich mir doch mal so langsam ein Auto zulegen? Nein, beschließe ich trotzig, das nicht! Kein Smartphone, kein Plasma-Bildschirm, kein Auto! Aus Prinzip!

Aufrecht gen Westen

Im Bus bin ich erwartungsgemäß der einzige Fahrgast. Doch auf halber Strecke steigt eine Frau zu. „Au!“, entfährt es dem Fahrer, als er sie schon von Weitem an der Haltstelle warten sieht. „Schwer was los heute!“

Alle zwei Kilometer spricht sie den Busfahrer an und sagt Dinge wie „Schönes Wetter heute, woll?“ oder „Heute is Schützenfest in Enkhausen“. Er bleibt höflich, aber das unablässige Geschnatter geht ihm sichtlich auf die Nerven. Also packt er sein Mittagessen aus, ein XXL-Schnitzel im Brötchen, und beginnt zu kauen. Jetzt muss er nur noch nicken, um Höflichkeit zu simulieren. Denn mit vollem Mund spricht man ja nicht. Da ist ihm nichts vorzuwerfen! Ganz schön clever – also, finde ich.

Kölner Stadtschreiber Ein Besuch in der Heimat Rückfahrt

Bahnhof in Arnsberg an einem Sonntagnachmittag

Wegen der Streckensperrung zwischen Hagen und Wuppertal habe ich am Bahnhof in Arnsberg eine Stunde Aufenthalt. Gut, dass ich Wegzehrung dabei habe. Zeit für eine Zwischenbilanz.

Mein Kopf ist leer, meine Muskeln schmerzen, ich habe Blasen an den Händen. Mein Gepäck ist so schwer, dass ich kaum weiß, wie ich es nach Hause bringen soll. Warum habe ich mir das eigentlich angetan? Weil ein Mann hin und wieder zurück zu seinen Wurzeln muss, um den Kontakt mit dem Boden nicht zu verlieren.

Im Zug treffe ich meine alten Bekannten von gestern Morgen wieder, die Frauen fehlen diesmal. Allerdings sind die Jungs jetzt nicht mehr ganz so ausgelassen wie auf der Hinfahrt. Mit bleichen Gesichtern und dunklen Ringen um die Augen hängen sie gähnend und furzend auf den Sitzen. Die Sauerländer Bergluft bekommt nicht jedem.

Der Intercity ab Dortmund hat wegen hohen Fahrgastaufkommens eine Dreiviertelstunde Verspätung. Weil alle Sitzplätze belegt sind, bin ich gezwungen, die Fahrt über im Durchgang zwischen zwei Waggons zu stehen. Das ist aber besser so, denn wie sich herausstellt, funktioniert die Klimaanlage nicht, sodass es in den Abteilen kaum Luft zum Atmen gibt.

Als langjähriger KVB-Kunde und Besucher von Tanzbrunnenkonzerten weiß ich, mit diesen Umständen angemessen umzugehen: Ich deaktiviere meine Stresshormone, indem ich die Artikel des kölschen Grundgesetzes wie ein Mantra wiederhole, und mache leichte Lockerungsübungen für Beine und Rücken. Bei dem ständigen Gedrängel der ein- und aussteigenden Fahrgäste kommen mir meine Erfahrungen von Rosenmontagszügen, CSD-Paraden und „Arsch huh!“-Veranstaltungen zugute.

Als wir in den Hauptbahnhof von Essen einfahren, fällt mir ein, was ich diesmal vergessen habe. Meine Kleidungsstücke, die ich auf der Hinfahrt getragen und zum Trocknen an die Wäscheleine im Heizungskeller gehängt habe, befinden sich noch immer dort. Umso besser, denke ich, die hätten eh nicht mehr in die Tasche gepasst.

Und wie wir dann mit dem Zug durch die wunderbare Landschaft zwischen Bochum und Leverkusen fahren, fällt mir ein alter Hannes-Wader-Song ein. Sein Refrain begleitet mich, bis der Intercity, wie gewohnt, rechtsrheinisch im Stau vor der Hohenzollernbrücke zum Stehen kommt:

„Aufgewachsen auf dem Lande, in einem kleinen Ort –
Ich glaube, ich war zu lange nicht mehr dort!
Denn zwischen Kartoffeln und Blumenkohl
Fühl‘ ich mich heute nicht mehr wohl!“

Als die Domspitzen endlich zu sehen sind, wird es mir, wie jedes Mal bei diesem Anblick, warm ums Herz: Endlich wieder daheim!

Mama kann das nicht verstehen. „Du bist Sauerländer“, bläut sie mir ständig ein. „Hier bist du geboren, und hier bist du großgeworden. Hier ist deine Heimat! Nicht in Köln!“

Von einer gewissen Warte aus betrachtet mag sie ja recht haben. Und ich kehre ja auch immer wieder gern auf eine Stippvisite dorthin zurück. Aber es hat sich nun einmal so entwickelt, dass ich mich in diesem kleinen Dorf nicht mehr heimisch fühle. Hannes Wader würde mich verstehen.

Ubi bene, ibi patria

Auf dem Bahnhofsvorplatz in Köln angekommen, treffe ich die beste Entscheidung des Tages: Für die Fahrt zu meiner Wohnung nehme ich ein Taxi. Als der Fahrer mein Gepäck schwungvoll anheben will, um es in den Kofferraum seines Wagens zu verfrachten, höre ich es kurz knacken. Auf dem Beifahrersitz warte ich, bis er sich ächzend hinter seinem Lenkrad in das Polster sinken lässt.

„Jung“, keucht er, „was habt ihr denn da im Gepäck? Dachziegel?“

„Nee“, antworte ich und versuche zu grinsen wie Willem Dafoe als Green Goblin in „Spider-Man“. „Wildschweinfleisch!“

Wie sie es mir beim Abschied aufgetragen hat, rufe ich nach meiner Ankunft zu Hause als Erstes Mama an, um ihr zu sagen, dass ich heile angekommen bin.

„Und? Hat dir die Birne geschmeckt, die du mir geklaut hast?“

„Hm, die Birne. Ja, war ganz okay. Hätte sie besser gründlich waschen sollen. Hat ganz schön nach Spritzmittel geschmeckt.“

„Was? Nach Spritzmittel? Also, die anderen Birnen schmecken alle ganz normal. Da ist kein Spritzmittel dran!“

Siehst du, was ich meine? Von allen Birnen, die Mama gekauft hat, war nur eine einzige gespritzt. Und ich Vollpfosten suche mir natürlich ausgerechnet die aus! Kein Wunder, dass man einem wie mir die einfachsten Dinge erklären muss.

„Pass schön auf dich auf!“

„Ja, Mama. Du aber auch.“

„Ich? Ach was! Ich lebe doch sowieso nicht mehr lange!“

„Doch, doch, Mama. Du wirst hundert Jahre alt.“

„Was? Da sei Gott vor! Glaubst du etwa, das will ich?“

„Ja klar.“

„Ich will keine neunzig werden!“

„Na, dann sieh mal zu, dass du das auch hinkriegst, Mama!“

„Hach du, geh mir weg! Na ja, wer weiß? Wir werden sehn!“

Mir tun nur all die anderen 58-Jährigen da draußen leid, die keine so gute Mutter wie ich oder – noch schlimmer – gar keine Mutter mehr haben. Woher sollen die eigentlich wissen, dass sie gut auf sich aufpassen sollen? Woher sollen die wissen, dass sie vorsichtig fahren und heißen Tee trinken sollen, wenn sie erkältet sind?

Glücklich schalte ich den Fernseher an, lege mich auf das Sofa und schlafe augenblicklich ein.

 

Text & Fotos: -bevi

Anmerkung: Alle Namen geändert.

*Sauerländer Dressingsoße: Sahne, Zitronensaft, etwas Zucker, frischer Schnittlauch, Salz und Pfeffer.

Disclaimer

Dass die Story von meinem Besuch im Sauerland von vorne bis hinten erstunken und erlogen ist, sieht man schon an folgenden Tatsachen, die in krassem Widerspruch zu Behauptungen im Text stehen:

1.) Im Sauerland regnet es nie. Schau dir nur einmal all die Fotos auf „Sauerland Tourismus“ an, dann lernst du schnell, dass im „Land der tausend Berge“ immer nur die Sonne scheint.
2.) Der Sauerländer ist weder schweigsam noch stur …
3.) Und vor allem: Mama ist nicht alt. Vielleicht hier und da ein wenig aus dem Leim gegangen. Aber sie ist nicht alt!

 

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