Kölner Stadtschreiber

Streifzüge im Schatten des Doms

Ein Besuch in der Heimat – Kapitel 1: Die Anreise

Jeder kennt den legendären Spruch: „Du kannst einen Mann aus dem Sauerland holen, aber niemals holst du das Sauerland aus dem Mann heraus.“ So oder so ähnlich. Jedenfalls war es für mich nach sechs Monaten am Stück in Köln mal wieder höchste Zeit, die Luft meiner Heimat im „Land der tausend Berge“ zu schnuppern. Saubere Natur, bodenständige Menschen, Ruhe und Erholung, liebevoll zubereitetes Essen: Das waren meine Ziele.

Weil ich aus vielerlei Gründen, die hier samt und sonders nichts zur Sache tun, das Auto – von Ausnahmen natürlich abgesehen! ‑ als Fortbewegungsmittel grundsätzlich ablehne, reise ich stets per Bahn und Bus. So halte ich es auch diesmal wieder, als ich mich an einem Samstagmorgen aufmache zu dem Dorf, in dem ich geboren und aufgewachsen bin.

Im Sauerland die Sau rauslassen

Wegen Bauarbeiten ist die Strecke zwischen Hagen und Wuppertal gesperrt. Daher geht die Fahrt diesmal über Düsseldorf, Essen und schließlich Dortmund, wo ich umsteigen und mit dem Sauerland-Express nach Arnsberg fahren werde. Von dort aus werde ich den letzten Abschnitt meiner Reise mit dem Linienbus antreten.

Die Deutsche Bahn nutzt gerne die Sommerferien für größere Baumaßnahmen auf ihren Strecken, um die Berufspendler nicht allzu sehr zu belasten. Für erholungsuchende Urlaubsreisende, so das Kalkül, sind Umwege, Verspätungen und Zugausfälle nicht weiter schlimm. Warum ist das so? Genau: Die haben doch Zeit, die haben doch Urlaub!

Im Kölner Hauptbahnhof herrscht das übliche Treiben, verstärkt um den ebenfalls üblichen Ferientrubel: vorüberhastende Smartphone-Junkies, schnorrende Penner, orientierungslose Reisegruppen, schreiende Kleinkinder, lauernde Taschendiebe, hektische Zuspätkommer, kreischende Zugräder. Eine Kakophonie aus Verwirrung stiftenden Lautsprecherdurchsagen und einem Gewirr menschlicher Stimmen, die gegen diesen Lärm ankämpfen, um Informationen auszutauschen. Hektik, Anonymität, Gedränge: Stress pur! Nicht einmal im Raucherbereich des Bahnsteigs – sonst eine Oase der Besinnung ‑ ist diesmal Ruhe zu finden, so groß ist der Andrang. Ist ja klar: Wenn eine der Hauptschlagadern abgeklemmt wird, steigt der Blutdruck im restlichen System.

In Düsseldorf steigt eine Gesellschaft bereits beschwipster Damen mittleren Alters zu, die alle keinen Hehl daraus machen, dass sie unterwegs sind mit der unbeirrbaren Absicht, über die Stränge zu schlagen. Und wer sich ihnen dabei in den Weg stellt, wird erbarmungslos niedergemacht. Aus ihrem Ghettoblaster dröhnt deutsche Schlagermusik, unablässig werden Sekt-„Piccolöschen“ aufgeschraubt und unter „Ein Hoch auf uns!“-Rufen geleert ‑ das Gelächter der Damen schwillt an, die Spannung meiner Nerven auch.

Wie es sich herausstellt, ist die Gesellschaft auf dem Weg nach Winterberg, um dort, im knietiefen Hochsauerland, ordentlich einen draufzumachen. Das kann ja heiter werden, denke ich. Das Theater geht also im Sauerland-Express ab Dortmund weiter bis zum bitteren Ende der heutigen Zugfahrt.

Meiner Meinung nach gibt es nur eines, das noch schlimmer ist als eine Horde betrunkener Frauen, und zwar ist das eine Horde betrunkener Männer. Und damit ich Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Geschlechter in einer solchen Situation ausführlich in Augenschein nehmen kann, steigen in Dortmund etwa ein Dutzend ordentlich angeheiterte Kerle zu, die dasselbe Ziel haben wie die Düsseldorferinnen: Winterberg ‑ um im Sauerland mal anständig die Sau rauszulassen!

Schon bald kann ich meine ersten Schlüsse ziehen: Männer trinken erstens lieber Bier als Sekt und zweitens urinieren sie lieber auf Bahnhöfen als im Zug. Zu diesem Zweck unterbrechen sie die Fahrt an jeder Station dadurch, dass zwei von ihnen die Türen mit aller Gewalt offen halten, während der Rest nach draußen stürmt und sich hinter Getränkeautomaten und Litfaßsäulen erleichtert. Drittens: Eine Gemeinsamkeit ist darin zu sehen, dass beide Gruppen dazu neigen, im Zustand der Trunkenheit ihre guten Sitten abzulegen und ihren niederen Instinkten freien Lauf zu lassen.

Ein Blick aus dem Fenster zeigt mir, dass der Wettergott beschlossen hat, diese Tragödie angemessen zu untermalen. Ein Nieselregen hat eingesetzt.

Kann man nix machen. Muss!

Mit leichten Kopfschmerzen steige ich in Arnsberg aus dem Zug. Jetzt muss ich nur noch durch die halbe Stadt laufen bis zu der Haltestelle am Neumarkt, an der der richtige Bus hält. Übrigens der letzte, der heute noch in meine Richtung fährt. Normalerweise genieße ich diesen Spaziergang, gibt er mir doch Gelegenheit, mich an die Zeit als Pennäler in diesem schönen Städtchen zu erinnern. Was war das für eine wilde Zeit Mitte der Siebziger! Na ja … obwohl: irgendwie schon! Aber heute muss ich mich sehr beeilen, weil ich aus den oben erwähnten Gründen mit reichlich Verspätung eingetroffen bin. Also schreite ich zügig aus. Immerhin regnet es in Arnsberg nicht, zumindest vorübergehend nicht.

Kölner Stadtschreiber: Frisch gepflückter Pflaumenkuchen

Wie im Schlaraffenland: Im Sauerland wächst der Kuchen an den Bäumen!

Auf halber Strecke überlege ich vor dem Schaufenster von Bäcker Strathenschulte (Name geändert), ob ich schnell noch einige Stücke von dem frisch gepflückten Pflaumenkuchen kaufen soll, entscheide mich jedoch aus Zeitmangel dagegen. Einige Minuten zu früh an der besagten Haltestelle angekommen, fängt es wieder zu nieseln an. Dort steht ein Bus, aber es ist der falsche. Soeben wird der Motor abgeschaltet, die Tür geht auf. Der Busfahrer tritt heraus, taxiert den Himmel und stellt sich zu mir in das Wartehäuschen.

„Getz guck sich mal einer dieses Wetter an“, sagt er und steckt sich eine Zigarette an.

„Jau“, sage ich. „Kann man nix machen.“

„Nä.“

Schweigend rauchen wir unsere Zigaretten. Fünf Minuten später sagt er dann:

„Ich hau dann mal ab.“

„Jau“, sag ich. „Gute Fahrt.“

„Wird schon.“ Damit steigt er in seinen Bus, wirft den Motor an, schließt die Tür und fährt langsam davon.

Netter Kerl, denke ich. Quatscht nicht blöd rum. Find ich gut.

Und da kommt auch schon mein Bus, bis auf den Fahrer ist er leer. In der Regel begleiten mich noch zwei bis drei Gymnasiasten auf einer solchen Reise ins Hinterland, auf halber Strecke steigen sie dann für gewöhnlich aus. Weil jetzt aber Schulferien sind, bleibe ich die ganze Fahrt über allein. Für 5,40 Euro 13 Kilometer im Großraumtaxi – das finde ich schon in Ordnung.

Langsam, allerdings sehr langsam verspüre ich nun einen Hauch von Entspannung. Und während die Fahrt durch neblig-graue Täler ihren Lauf nimmt, schließe ich die Augen und genieße meine Vorfreude auf ein erholsames Wochenende im schönen Sauerland. Vor meinem inneren Auge erscheinen ruhige Wälder und Felder, lieblich geschwungene Hügelketten im Sonnenschein. Bäche, Flüsse und Seen inmitten grüner Natur. Liebevoll zubereitetes Essen, selbst gebackener Kuchen, laue Abende auf einer Bank unter leise rauschenden Linden, schmurgelnde Steaks auf einem Buchenholzgrill. Und Menschen, die nicht allzu viele Worte machen, auf die du dich aber ein Leben lang hundertfünfzigprozentig verlassen kannst, wenn sie erst einmal deine Freunde sind: ein Labsal für Geist und Seele.

Keine Neuigkeiten sind gute Neuigkeiten

Am Ziel meiner Reise angelangt, suche ich zunächst – wie jedes Mal, wenn ich dort ankomme – den kleinen Supermarkt des Dorfes auf. Von dem heißt es schon seit Jahren, dass er es nicht mehr lange macht, weil die Leute lieber im nahen Städtchen bei Aldi oder neuerdings auch bei Rewe einkaufen. Aber auf geheimnisvolle Weise gelingt es dem Besitzer des Ladens immer wieder, den Konkurs abzuwenden.

Es ist kurz vor zwölf Uhr Mittag, auch heute stören nur wenige Kunden den reibungslosen Arbeitsablauf des Personals. Die Kassiererin ist an der Obsttheke damit beschäftigt, faule Äpfel auszusortieren. An der Fleisch- und Käsetheke, die zugleich die örtliche Bäckerei, Postfiliale und Annahmestelle für Heißmangelwäsche ist, wird bereits die Auslage eingepackt, um sie in den rückwärtigen Kühlraum zu verfrachten.

Im Getränkebereich des Ladens treffe ich Brinkschulten Jüppi (Name geändert). Wir waren damals in der Volksschule gemeinsam in einer Klasse und haben uns seither, also gut und gerne seit 50 Jahren, nicht mehr gesprochen. Auch er trägt mittlerweile auf dem Kopf ein ausgeprägtes Melatenblond* und bewegt sich nicht mehr ganz so schnell wie früher.

Im Sauerland ist deine Familie wichtiger als du selbst. Daher wird immer zuerst darauf verwiesen, aus welchem Stall du kommst. Heißt du beispielsweise laut Personalausweis Max Mustermann, so bist du Mustermanns Max. So wird aus einem Josef Brinkschulte halt ein Brinkschulten Jüppi. Genau wie in Köln also.

Brinkschulten Jüppi hat es geschafft, auf dem Einkaufswagen, den er mit krummem Rücken vor sich her schiebt, sage und schreibe acht 24er-Kästen mit Sauerländer Pilsener zu stapeln.

„Jüppi“, sage ich, tippe mir zum Gruß an die Stirn und zeige auf die Bierkästen. „Party heute?“

Er erkennt mich erst auf den dritten Blick, schüttelt dann langsam den Kopf. „Nä“, antwortet er, „nur das Nötigste. Man muss doch was zu trinken haben.“

„Und? Wie isset?“

„Na ja. Wie das immer alles so ist.“

„Gibt’s was Neues?“

„Nä.“

„Gut“, resümiere ich, weil ja klar ist: Was Neues ist selten was Gutes.

„Jau“, sagt Jüppi und nickt mir freundlich zu. „Ich hau dann mal ab.“

So ist das im Sauerland: Alte Freunde vergessen dich nie!

Home is where your mother cooks

Nachdem ich eine kleine Schachtel Zigaretten gekauft habe, ziehe ich weiter. Jetzt fängt es wieder an zu regnen, aber zum Glück ist es nicht mehr weit. Nur noch den Echterberg rauf, über die Hauptstraße, kurzer Anstieg am Hittenplack und den Heuweg lang. Dann um Werthschulten Kallis Weihnachtsbaumschule herum und gleich hinter der Biegung in den Kortenkamp hinein: Da steht unser Haus. Klitschnass komme ich an.

Ich klingle, die Tür geht auf. Endlich steht sie vor mir und strahlt mich an: Mama (Name geändert).

„Na? Bisse auch mal wieder da?“

„Jau.“

„Und? Hasse mir Zigaretten mitgebracht?“

„Jau, Mama. Schönes Kleid hasse an.“

„Woll?“ Stolz streicht sie den Stoff über ihren Hüften glatt. Sie umarmt mich herzlich, drückt mich fest an sich, tritt wieder einen Schritt zurück und mustert mich kritisch von oben bis unten.

„Und? Hasse Hunger?“

„Jau.“

„Komm rein. Gibt gleich Essen.“

„Gut.“

„Bin aber nich zum Kochen gekommen. Feldkamps Gerti war heute Morgen hier und hat mal wieder kein Ende gefunden. Deshalb gibt es nur ne warme Bockwurst und‘n Stück Brot dazu.“

„Lecker, Mama!“

„Woll?“

Wir setzen uns an den bereits gedeckten Tisch und beginnen das Mahl.

„Und?“, fährt Mama fort. „Was machen deine Kinder dieses Wochenende?“

„Keine Ahnung.“

„Was? Du weißt nicht, was deine Kinder dieses Wochenende machen? Was bist du denn für ein Vater?“

„Mama, meine Kinder sind inzwischen erwachsen und führen ihr eigenes Leben.“

„Na und? Ich weiß immer, was du am Wochenende machst!“

„Ja, Mama.“

„Nach’m Essen leg ich mich’n halbes Stündchen hin, und dann gehn wir inne Kartoffeln**.“

Da fällt mir fast die Gabel aus der Hand, und meine Nervenspannung ist schlagartig wieder auf dem Kölner Pegel.
„Mama, es regnet“, wende ich mit zitternder Stimme ein.

„Das bisschen Regen! Is doch nur Wasser! Bisse aus Zucker? Der Lavendel is auch noch fällig heute. Muss sein! Nu iss mal schön.“

„Ja, Mama.“

Zum Nachtisch gibt es für jeden eins von den Nougat-Eiern, die noch von Ostern übrig sind. Und weil ich ja ein Mann bin, der ordentlich was vertragen kann (Mama selbst isst nicht viel, weil sie auf ihre schlanke Linie achten muss), darf ich sogar noch ein zweites nehmen.

Weiter zu  Kapitel 2: Gartenfreuden

Text & Fotos: -bevi

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1 Kommentar

  1. Woll (oder wo‘, wie es bei uns im Ruhrtal heißt) bleibt ungeschlagen die schönste Gegenfrage, die ich kenne.

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