Kölner Stadtschreiber

Streifzüge im Schatten des Doms

Kölle alaaf? Ich bin dann mal weg

Uns Westfalen sagt man ja nach, dass wir zum Lachen in den Keller gehen und sehr darauf achten, dass dann die Tür hinter uns gut verschlossen ist. Warum machen wir das eigentlich?

Weil unsere Witze so trocken sind, dass es staubt. Und Verunreinigungen im Wohnzimmer haben wir nicht so gerne. Außerdem ist unser Humor, sofern wir überhaupt welchen haben, bisweilen so hinterhältig und gemein, dass er nicht salonfähig ist. Im Keller kann man das machen. Da trifft man seinesgleichen und bleibt unter sich.

Tätä, tätä, tätäää – bumm bumm!

Karneval ist irgendwie das genaue Gegenteil davon. Die Witze sind so federleicht, dass sie nirgends haften bleiben. Der Humor ist vordergründig und augenzwinkernd, damit könntest du auf jedem Kindergeburtstag reüssieren.

Die Witzeerzähler im Karneval trauen ihren eigenen Pointen so wenig, dass sie immer einen Tusch erklingen lassen als Zeichen dafür, dass jetzt gelacht werden muss.

Und die Leute bleiben auch nicht unter sich, sondern laufen unablässig durch die Stadt, um möglichst viele fremde Menschen um sich zu haben. Dann allerdings benehmen viele sich so, als wären sie nicht in der Öffentlichkeit, sondern bei sich zu Hause im Keller.

Karneval … Nach nunmehr über 30 Jahren in Köln verstehe ich noch immer nicht, was das eigentlich sein soll. „Spass an d’r Freud“: Was ist das? „Drej Daach sech freue, nix bereue“: Was soll das heißen? Wenn man nichts zu bereuen hat, worüber, zum Teufel, hat man sich denn dann gefreut?

Karneval, das habe ich in einem schlauen Buch zum Thema gelesen, ist halt verkehrte Welt. Kann man nicht lernen, muss man können. Love it or leave it.

Das glaubt einem heute sowieso keiner mehr

Heute nehme ich Reißaus vor dem Karneval. Aber ich muss zugeben, dass das nicht immer so war. Damals ‑ 1988, als ich nach Köln kam, um hierzubleiben – wollte ich natürlich auch erst mal gerne ein Jeck sein.

Ende der 80er war das ja auch alles noch etwas anders. Da konntest du ungezwungen durch die Stadt ziehen – einfach so. Also, ohne mit Smartphones Selfies zu machen und die in Echtzeit auf Insta zu posten. Und nicht eine einzige Glasscherbe auf den Straßen!

Unvergesslich jener Donnerstag, als ich zu Weiberfastnacht mit einem Kumpel durch die Südstadt zog. Keine Ahnung, wie wir dahin gekommen sind, aber schließlich standen wir vor dem Bürgerhaus Stollwerck. Plakate kündigten irgendeine alternative Karnevalsshow an. Der junge Mann an der Kasse wusste es auch nicht so genau und sah extra für uns im Programmheft nach. Ah ja: „Stunksitzung“ heiße die Veranstaltung. Worum es da gehe? Keine Ahnung. Ob es noch Karten gebe? Ein paar schon noch: 8 Mark pro Nase. Kannst du das glauben?

Dat es ne jode Lade he!

Ein anderes Mal feierte ich mit einem Freund im „Stüsser“ auf der Neusser Straße im Agnesviertel. Ich erinnere mich – und das ist gar nicht so selbstverständlich ‑, dass ein als Schäl verkleideter Tünn mit seiner Quetsch den ganzen Laden auf Vordermann brachte, indem er unablässig aus voller Brust kölsche Lieder zum Besten gab.

Seine Stimme war tatsächlich operettenreif. Aber was sang der denn da? „Jodeladehe!“ Das hörte sich doch bayrisch an!

Mein Freund war ebenso ahnungslos wie ich, und so fragte ich den erstbesten Thekennachbarn, was es denn zu Karneval hier in Köln zu jodeln gäbe.

Was ich denn für einer wäre, wollte der wissen.

Nun, erwiderte ich bierselig, ich sei der Schmitze Schäng aus dem Nippeser Tälchen. Aber weil nun einmal Karneval sei, hätte ich mich als Imi aus dem Sauerland verkleidet und müsse nun auch so tun, als ob.

Das fanden die Umstehenden alle so gut, dass sie meinen Freund und mich den Rest des Abends in ihren Kreis aufnahmen, uns freihielten und uns freudig alle Texte in die Sprache übersetzten, die sie für Westfälisch hielten.

Was haben wir da gelacht!

Wenn es so weitergegangen wäre, wäre vielleicht doch noch ein Karnevalist aus mir geworden.

Witzjer brenge, Liedscher senge

Aber nach und nach ging es dann doch bergab. Es ist mir leider nie gelungen, die Rolle des Beobachters abzulegen. Immer stand ich ein wenig abseits und konnte nicht eins werden mit der großen Masse, der Unio mystica, die der Karneval aus den Menschen macht, denen er im Blut steckt.

Ich bedaure das, würde aber nicht so weit gehen zu sagen, dass ein Leben ohne Karneval zwar vorstellbar, aber sinnlos sei.

Zur Eröffnung der aktuellen Session habe ich es noch einmal versucht und mich in die Südstadt begeben, um Karnevalsluft zu schnuppern und Frohsinn zu finden. Es roch jedoch eher nach Urin, und was ich fand, war ein von Glasscherben übersätes Veedel, das von einem Heer jugendlicher Sauftouristen überfallen worden war.

Am schlimmsten aber fand ich den Ohrwurm, der mir dort eingepflanzt wurde und den ich den ganzen Rest des Tages nicht mehr losgeworden bin: „Ich hab ‘ne Zwiebel auf dem Kopf, ich bin ein Döner – denn Döner macht schöner.“ Gruselig!

Wie auch immer. Den Jecken wünsche ich nichts weniger als eine wunderbare Zeit. Ihnen untersteht nun das öffentliche Leben. Sie werden aus der Reihe tanzen, viel trinken und viel pinkeln und jede Menge Geld in der Stadt lassen. Das ist gut für die Stadt. Und was für die Stadt gut ist, ist gut für mich.

Aber ich bin jetzt mal weg. Auf Kurzurlaub dort, wo im Keller gelacht und ins Klo gepinkelt wird.

 

Text & Foto: -bevi

 

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2 Kommentare

  1. Gisela Siebert

    8. Februar 2018 at 19:38

    Du hast die sogenannte 5. Jahreszeit perfekt beschrieben. Ich musste schmunzeln 😁! Obwohl ich in Köln geboren bin und viel gefeiert habe „als ich jung war“ 😉, kann ich dem heutigen Karneval nichts mehr abgewinnen. Ich wünsche jedoch allen die Spaß dran haben eine gute Zeit!

    • Hallo Gisela, danke für deinen netten Kommentar! Es beklagen ja viele Kölnerinnen und Kölner, dass der Karneval völlig aus dem Ruder gelaufen ist. Die Hauptursache dafür ist wohl der ungehemmte Alkoholmissbrauch. Nicht wenige sehen darin nicht allein ein karnevalspezifisches, sondern vor allem auch ein gesamtgesellschaftliches Problem. Ich bin ja viel unterwegs, nicht nur in der fünften Jahreszeit. Und ich muss sagen, dass ich ihnen Recht gebe. Du siehst immer häufiger besinnungslos alkoholisierte Menschen in der Stadt. Die Frage ist jetzt nur, was man da machen kann.

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