Kölner Stadtschreiber

Streifzüge im Schatten des Doms

Es ist etwas geschehen

  • 1

Als ich meine Wohnung betrat, blinkte der Anrufbeantworter. Die Nummer auf dem Display kannte ich nicht, und es meldete sich auch niemand, nachdem ich den Wiedergabeknopf betätigt hatte. Stattdessen hörte ich Geräusche im Hintergrund, zwei heftig streitende Stimmen, deren Worte ich nicht verstand, Möbel wurden umgeworfen, Glas zerbrach, ein Schrei, die Stimme einer Frau: Dann war es plötzlich still. Eine Stille, die so abrupt und umfassend war, dass sie wie Lärm auf mich wirkte.

Schritte näherten sich, schnelle Schritte, schwer und zielbewusst, ein unwilliges Knurren, dann ein lautes Knacken. Der Hörer war aufgelegt und die Leitung unterbrochen worden.

Was sollte ich nun tun? Was war passiert? An welchem Geschehen hatte ich da teilgenommen? Eine Gewalttat? Oder nur ein Streit? Wie war der Anruf zustande gekommen?

Die automatische Stimme des Aufzeichnungsgeräts hatte eine Uhrzeit angegeben, die schon einige Stunden zurücklag. Was war in der Zwischenzeit geschehen?

Ich beschloss, mir die Nachricht noch einmal anzuhören, die Rufnummer aufzuschreiben und vielleicht zurückzurufen oder gegebenenfalls die Polizei zu verständigen.

Aber in meiner Aufregung betätigte ich die Löschtaste, und jetzt war es so, als wäre gar nichts geschehen. Aber es war doch geschehen, ich hatte es doch gehört! Wieder und immer wieder hämmerte ich mir diesen Gedanken ein: Es ist etwas geschehen. Es ist wirklich etwas geschehen! Irgendwo da draußen, ich weiß nicht, wo. Und ich habe den Kontakt dazu verloren. Die Leitung ist unterbrochen, aber es lässt mich nicht los.

 

  • 2

 

Ja, ich weiß, ich sollte in Frieden ruhen, aber ich kann es eben nicht. Dabei fühlte es sich zuerst so endgültig an: der kurze, scharfe, zuckende Schmerz im Fleisch und im Knorpel, dann der Hammerschlag im Kopf, im Gehirn, das plötzlich ohne Blut war und sich anfühlte, als würde es von einer großen Zange zusammengequetscht, der grelle Blitz, gleich darauf der wunderschöne Moment der Entspannung voller sanften Lichtes, meine Bereitschaft, die Augen zu schließen, alles loszulassen, an das ich mich noch geklammert hatte, und wegzutauchen in das Große Nichts, die schmerzfreie Stille.

Es hat nicht funktioniert, etwas ist schiefgelaufen. Ich bin noch da, doch ich habe den Kontakt verloren. Für die anderen bin ich unsichtbar, sie können mich nicht hören, sosehr ich mich auch bemühe. Sie können mich nicht einmal spüren, wenn ich in ihre Körper eindringe, und das kann ich, ich schwebe durch sie hindurch. Mein Körper ist fort. Ohne ihn gibt es keine Hoffnung für mich, der Einsamkeit zu entfliehen.

Da war ein Mann, er wohnte hier mit seinen Kindern. Ich kannte ihn, und doch war er mir fremd, alles ist fern und nah zugleich und ohne Gefühl, ohne Wärme. Ich sehe alles, aber ich fühle es nicht, nur den Schmerz, den fühle ich, immer wenn das Telefon klingelt.

Dieser Mann, sein Entsetzen, als er mich fand, als er meinen Körper fand, der da lag, so seltsam verkrümmt, der Teppich voll Blut, sein Entsetzen, die Verzweiflung, Trauer und Wut, alles Maske und Schall, ich fühlte es nicht. Auch die Kinder waren Fremde für mich, sie kamen erst in die Wohnung, nachdem viele Andere hier gewesen waren und alles untersucht und meinen Körper fortgeschafft hatten, meinen toten Körper, ohne den ich den Raum nicht verlassen kann, diesen Raum, das Gefängnis meiner Seele oder meines Geistes, oder was auch immer das ist, was von mir übrig ist, das nicht vergessen kann, dass etwas geschehen ist, aber nicht erinnert, was es war und was vorher war. Immer wieder und wieder hämmere ich mir diesen Gedanken ein: Es ist etwas geschehen, es ist wirklich etwas geschehen, als ich noch fühlen konnte, der Schmerz, das Licht, ein fremder Wille, der mich an diesem Ort hält.

Es ist nicht der Mann, der hier wohnte, auch die Kinder sind es nicht, sie haben die Wohnung verlassen. Sie lebten hier, aber sie gingen fort, und die Erinnerung an sie beginnt zu schwinden wie Schatten im Licht einer untergehenden Sonne. Die Möbel sind weg, die Wohnung ist leer. Manchmal kommt ein anderer Mann, ich kenne ihn nicht. Doch da ist noch jemand, nur finde ich ihn nicht. Er hält mich fest, er lässt mir meinen Frieden nicht, ich muss ihn finden, er soll mich lassen, ich muss mich befreien und endlich fort von hier.

Da klingelt schon wieder das Telefon, warum ist es noch hier? Der Schmerz blitzt auf, der grelle Schmerz, der wie Feuer brennt, der sich wie eine heiße Nadel in meinen Geist rammt, was ist nur mit dem Telefon? Mit ihm zuckt das Entsetzen auf, wieder und wieder zurück zu dem Moment, in dem mein Tod begann, mein Tod, der nicht enden will, was hält mich denn noch hier?

 

  • 3

 

„Grundgütiger! Du siehst ja aus wie ein Gespenst!“

„Ach ja? Gut möglich, ich fühle mich auch so … irgendwie.“

„Komm erst mal rein. Soll ich dir einen Kaffee machen?“

„Nein, ich glaube, ich brauche jetzt was Stärkeres.“

„Ach herrje. Du zitterst ja! Möchtest du vielleicht einen Cognac?“

„Ja, das wäre gut. Danke.“

„Setz dich doch schon mal. Entschuldige bitte, aber ich bin noch nicht zum Aufräumen gekommen. Wolltest du nicht eigentlich heute mit dem Tapezieren anfangen? In deiner neuen Wohnung?“

„Ja, wollte ich. Ich war auch da. Und dann hat das Telefon geklingelt.“

„Das Telefon? Du hast schon einen Anschluss in der neuen Wohnung?“

„Nein, habe ich nicht. Muss das alte sein, vom Vormieter. Er hat’s da gelassen.“

„Wie ungewöhnlich. Ist er nicht schon vor zwei Monaten ausgezogen?“

„Ja, dem konnte es nicht schnell genug gehen. Ist ja auch kein Wunder nach dem, was da geschehen ist.“

„Stimmt. Der arme Mann – und die armen Kinder! Möchtest du noch einen? Ich glaube, ich kann jetzt selbst einen vertragen.“

„Na ja, ich hatte ja sofort so ein merkwürdiges Gefühl, als es klingelte. Wenn ich genauer darüber nachdenke, hatte ich in dieser Wohnung eigentlich von Anfang an so ein merkwürdiges Gefühl. Schon bei der Besichtigung.“

„Wie meinst du das?“

„Keine Ahnung. Irgendwie gespenstisch, verstehst du?“

„Nein. Um ehrlich zu sein …“

„Ich verstehe es ja selbst nicht. Und es ist auch ganz sicher so, dass ich nicht an Gespenster glaube. Oder an Geister. Schließlich bin ich Naturwissenschaftler! Aber in dieser Wohnung … Es ist eine schöne Wohnung, wirklich toll geschnitten und nicht zu teuer. Aber irgendetwas stimmt damit nicht. Die Schwingungen oder so.“

„Glaubst du, es hat mit dem zu tun, was dort geschehen ist?“

„Sei bitte nicht albern! Entschuldige, ich wollte nicht … Ich bin noch immer ganz durcheinander.“

„Schon gut. Was ist denn nun eigentlich passiert? Mit dem Telefon, meine ich.“

„Na ja, ich hab gedacht, ich gehe einfach mal ran, oder? Ich hebe also ab, melde mich mit Namen, und in dem Moment, da …“

„Du liebe Zeit, was ist denn los mit dir? Du bist ja ganz weiß geworden!“

„Ja, es kam von hinten, und es drang durch mich hindurch, es schnürte mir fast die Kehle zu!“

„Was denn? Was drang durch dich hindurch?“

„Ich weiß es nicht! Ein Gefühl! Kälte! Eisige Kälte! Hoffnungslose Einsamkeit! Ein Grauen wie von einem unhörbaren, entsetzlichen Schrei! Und dann …“

„Ja? Was war dann?“

„Es verließ mich wieder. Es drang in den Telefonhörer und verschwand in der Leitung.“

„Ach.“

„Du glaubst mir nicht!“

„Doch! Natürlich glaube ich dir! Es ist nur …“

„Ja, ich weiß, es hört sich völlig verrückt an. Aber es ist wirklich geschehen. Und dann hörte ich am anderen Ende der Leitung ein Stöhnen. Ein dumpfes, kehliges Stöhnen. Wie ein Mensch stöhnt, wenn er einen heftigen Schlag in den Bauch bekommen hat.“

„Du meinst, der Anrufer stöhnte?“

„Weißt du, was ich glaube? Ich denke, dass das, was durch mich hindurch gefahren ist, dieses Gefühl, dieses Grauen, dass das über die Telefonleitung in ihn eingedrungen ist: in den Anrufer oder die Anruferin.“

„Also, jetzt mal ganz langsam …“

„Siehst du? Ich wusste, du würdest mir nicht glauben. Ich glaub’s ja selbst nicht. Aber es ist geschehen! Es ist wirklich etwas geschehen! Heute! In dieser Wohnung. In dieser verdammten leeren Wohnung ist heute etwas geschehen!“

 

  • 4

 

Etwas hat sich verändert. Ich bin in einem Körper und ich kann mich wieder erinnern. Aber es ist nicht mein Körper, es ist der Körper meines Verfolgers. Wochenlang hatte er mir aufgelauert, auf dem Weg zum Einkaufen, wenn ich die Kinder aus dem Kindergarten abholen wollte, wenn ich wie jeden Freitag meine Joggingrunde um den Weiher an der alten Mühle drehte. Er war einfach immer da, sagte nichts, stand nur da, lächelte überlegen und starrte mich an.

Und dann hat er angefangen mich anzurufen. Immer dann, wenn mein Mann nicht zu Hause war. Bei der Polizei habe ich um Rat gefragt, aber man konnte mir dort nicht helfen. Es war ja noch nichts geschehen, und ich konnte nicht mal einen Namen nennen. Man gab mir jedoch eine Telefonnummer, wo ich anrufen könnte, wenn der Stalker noch zudringlicher werden würde. Ich fühlte mich nicht wirklich ernst genommen.

Mein Mann beruhigte mich: „Versuche die Ruhe zu bewahren, irgendwann wird es ihm zu langweilig. Er will deine Angst spüren. Wenn du einfach deinen Alltag ganz normal weiterlebst, wird er dich wieder in Ruhe lassen.“

Er hat mich nicht in Ruhe gelassen, eines Tages stand er vor der Tür. Ich hatte mit dem Paketboten gerechnet und daher nicht zuerst die Gegensprechanlage benutzt, die Tür aufstehen gelassen und war zu meinem Portemonnaie gegangen. Von Zeit zu Zeit gebe ich etwas Trinkgeld, besonders wenn gerade wieder einige sehr schwere Pakete geliefert wurden mit Glasplatten für meine Mosaikarbeiten. Und dann stand er schon im Flur, lächelte und kam langsam auf mich zu. Ich ging, so ruhig ich konnte, zum Telefon. Warum ich nicht gleich die 112 gewählt habe, weiß ich nicht, ich versuchte die Nummer der Polizistin einzutippen, die auf einer Visitenkarte neben dem Telefon lag. Ich muss mich vertippt haben. Ein AB sprang an, es war nicht die Polizei, und dann stand er bedrohlich dicht vor mir. Ich wollte ausweichen, stolperte an der Teppichkante und fiel mit meinem Kopf auf die Kante der Marmortischplatte, auf die ich kurz zuvor das Tablett mit den frisch gebackenen Keksen abgelegt hatte.

„Der Tod muss sofort eingetreten sein“, sagte man, aber das stimmte eben nicht ganz. Ein Teil von mir konnte das Ende nicht akzeptieren und wollte für Gerechtigkeit sorgen. Nein noch mehr, ich wollte mich rächen: dafür, dass meine Kinder nun ohne Mutter aufwachsen müssen, dass ich all die Träume, die ich noch leben wollte, nicht mehr leben kann, dass ich von meinem Mann getrennt wurde. Wochenlang habe ich  mich nicht erinnert, kam nicht zur Ruhe, schwebte durch die mir fremd gewordene Wohnung.

Sie hat lange leer gestanden, nur das Telefon stand einsam auf dem Fußboden des ehemaligen Wohnzimmers. Und es klingelte, immer wieder. Das Geräusch machte mich halb wahnsinnig, aber ich wusste da noch nicht, warum. Jetzt verstehe ich es. Es erinnerte mich an die unzähligen Anrufe des Unbekannten und meinen verzweifelten Versuch, Hilfe zu holen.

Ein fremder Mann ist vor einigen Tagen in die Wohnung gezogen. Und als das Telefon das nächste Mal klingelte, war er sehr erstaunt, ging aber an den Apparat. Dann geschah es, ich wurde durch ihn hindurch gesogen, spürte kurz seine Überraschung, dann war ich schon durch den Telefonhörer katapultiert, kam mir vor wie in einer Zentrifuge und wurde am anderen Ende hinausgeschleudert, direkt in das Innerste des Anrufers. Es war mein Verfolger. Der Mann, der für meinen Tod verantwortlich ist. Auch er hat nicht loslassen können und anscheinend immer wieder meine Nummer wählen müssen, obwohl er doch weiß, dass ich tot bin. Oder weiß er es etwa nicht? Kann auch er nicht glauben, dass etwas geschehen ist?

Jetzt bin ich in ihm, meine Gefühle werden seine werden. All meine Ängste, die mich in meinen letzten Lebenswochen begleitet haben, werden ihn zitternd durch die Straßen schleichen lassen. Meine brennende Wut wird ihm den Schlaf rauben, und meine dunkle Trauer soll ihn zermürben. Es wird ihn verrückt werden lassen, dass ich Besitz von ihm ergriffen habe. Und wer wird ihm glauben?

 

  • 5

 

Da! Es klingelt schon wieder, dieses verdammte Telefon! Und wieder tun hier alle so, als würden sie es nicht hören!

Lauter blasierte, minderwertige und nichtsnutzige Affen hier! Nein! Beleidige nicht die Affen! Das hier sind Menschen. Alles das hier sind Menschen! MENSCHEN! Viel schlimmer als Affen!

DAS TELEFON SOLL ENDLICH AUFHÖREN ZU KLINGELN!

Was mache ich hier eigentlich?

Was ist das überhaupt für ein beschissenes Telefon? Das ist doch nichts weiter als eine bescheuerte alte Telefonzelle! Mitten auf dem Barbarossaplatz! Guck mal: Das Kabel ist ist total dreckig! TELEKOM! Die Scheiben sind alle TOTAL VERSCHMIERT. Wahrscheinlich funktioniert das Ding schon seit hundert Jahren nicht mehr!

WARUM GEHT NICHT ENDLICH MAL EINER RAN?! HÖRT IHR BESCHEUERTEN HIER NICHT, DASS DAS TELEFON KLINGELT?

Alles muss ich selber machen. Das war ja schon immer so. Immer musste ich alles selber machen. Und dann hieß es: WARUM HAST DU DAS GEMACHT?

Ich gehe da jetzt endlich mal ran und frage, warum da einer anruft.

IHR AFFEN! AUF DEM GANZEN PLATZ HIER BIN ICH DER EINZIGE MENSCH!

Und ich gehe da jetzt dran. Was ist das eigentlich für ein beschissener Geruch hier? Wo bin ich? Ach, Barbarossaplatz. Wie bin ich denn hierhergekommen? Eigentlich bin ich doch immer am Chlodwigplatz. Ich bin der, der immer lacht. Das sag ich den Leuten da. Allen Leuten am Chlodwigplatz sage ich, dass ich immer lache! Und dann lasse ich mein Tablett kreisen. Das mögen die nicht immer. Aber ich lache weiter. Ich bin der, der immer lacht.

Warum geht denn jetzt nicht endlich mal einer an dieses Telefon? Das kann ja wohl nicht sein, dass ich der Einzige bin, der das Klingeln hört! Warte: Da ist doch noch der Blödmann da auf der Bank. Dem sage ich jetzt Bescheid: „Arschloch! Warum guckst du mich an?“, werde ich ihm sagen. Nein, anschreien werde ich ihn. ICH WERDE IHM DIE WORTE MIT MEINEM TABLETT INS GESICHT SCHLEUDERN! Nein, lieber nicht.

ICH HALTE DIESES KLINGELN NICHT MEHR AUS! ICH GEHE DA JETZT DRAN!

„Was willst du von mir? Ich habe meine Familie ernährt! Alles habe ich getan! Ich habe mir den Arsch in der Fabrik aufgerissen! In der Fabrik! In einer verschissenen Fabrik! Verstehst du, was das bedeutet: in einer Fabrik? Und jetzt habe ich nichts mehr zu sagen! Verstehst du: Sie haben mich alle im Mittelmeer verlassen, und jetzt habe ich nichts mehr zu sagen! Was sagst du, Frau? Ich soll mich zusammenreißen? Oh, du! Du hast ein Kind! Aber ich bin keine Frau! Du sollst die Fresse halten! Jetzt rede ich! Ich wollte diese Frau nicht umbringen! Ich wollte es nicht! Ich singe mein Lied! Ich habe nichts weiter zu sagen! Ich habe meine Familie ernährt und alles getan! Dein Kind? Ich bin ein Mann, Frau, verstehst du? Und ich habe auch ein Kind! Aber ein Mann hat nichts zu sagen in diesem Land! Und jetzt lache ich! Ich gehe zurück und lache nur noch! Ich habe nichts zu sagen!“

Jetzt haue ich diesen bescheuerten Hörer auf diese bescheuerte Gabel! So ein bescheuerter Barbarossaplatz, so ein bescheuertes Telefon!  Aber der hab ich’s gegeben!

Wo ist mein Tablett? Ach, ich hab’s ja in der Hand. Jetzt lache ich wieder. Ich bin ein guter Mensch. Wer immer lacht, so wie ich, der ist ein guter Mensch. Ist doch so.

 

  • 6

 

Manchmal wird mir einfach alles zu viel und ich brauche dringend eine Auszeit. Andere gehen dann ins Wellness-Center oder in die Kneipe op d’r Eck. Ich gehe zum Chlodwigplatz.

Dort setze ich mich auf eine der runden Bänke unter den Bäumen und beobachte das quirlige Treiben um mich herum: all die Leute in Bewegung, Menschen aus allen Altersklassen, sozialen Schichten und Ländern dieser Welt, die in Köln ihre Heimat gefunden haben.

Levve un levve losse. Sich selbst nicht so wichtig nehmen. Und immer freundlich sein, denn jeder Mensch trägt etwas in sich, das sonst keiner sehen kann. Jeder ist das Kind einer Mutter, geliebt und unter Schmerzen geboren.

Vor mir die Severinstorburg, durch die der Weg führt, den schon die Römer gingen, als sie hier die ersten Herren waren. Der Weg, der direkt zum Dom führt, zum Herzen der Stadt. Hier befinde ich mich an ihrer Hauptschlagader ‑ hier kann ich ihren ruhigen, seit über 2.000 Jahren rauschenden Puls spüren.

Dann spüre ich jedes Mal eine tiefe Entspannung, und ich denke: So muss sich eine Insel im Strom fühlen.

Plötzlich stand er vor mir, der Mann mit dem Tablett, den ich vor Monaten am Barbarossaplatz beobachtet habe, als er in einer lädierten Telefonzelle mit einer toten Leitung sprach. Er gehört zur Chlodwigplatz-Szene wie all die anderen Durchgeknallten auf diesem Spot. Er ist immer da, so wie der Merzenich und die Severinstorburg.

„Du“, sagte er, „verstehst du? Ich will kein Geld.“

„Was willst du dann?“, fragte ich.

„Gar nichts“, sagte er. „Ich will ü b e r h a u p t gar nichts. Ich will nur lächeln.“

Allerdings lächelte er nicht. Seine Augen waren stumpf. Er wandte sich ab, schlug sich ein paar Mal das Tablett vor die Stirn und tanzte davon.

Was ist denn nur geschehen?, dachte ich.

 

Text: -bevi & Claudia Kellana

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2 Kommentare

  1. Eine gute Geschichte! Hat Spaß gemacht sie zu lesen!

    • Bernd Vielhaber

      4. Dezember 2018 at 16:47

      Das freut mich wirklich sehr. Vor allem, dass jemand mal überhaupt reagiert. Normalerweise schreibe ich ich hier ins luftleere Universum. Vielen Dank, liebe Gisela!

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