Nenn mich Felix. Das bedeutet „der Glückliche“ – und das ist es, was ich bin: ein glücklicher Mann. Weil ich nichts besitze, muss ich mich auch nicht sorgen.

Mein Trick ist: Ich sehe normal aus. Normal bedeutet: halbwegs intakte, farblich aufeinander abgestimmte Kleidung, gepflegtes Äußeres, ein aufrechter, zielstrebig wirkender Gang.

Weißt du, ich bin keiner von diesen Pfandpiraten. Am Anfang, in den ersten Monaten meines Lebens als Sozialhilfeempfänger, habe auch ich leere Flaschen gesammelt, um mir von dem Pfand Essen zu kaufen. Aber diese Tätigkeit erfordert einen großen organisatorischen Aufwand.

Du musst Taschen mit dir herumtragen, am besten benutzt du einen Trolley. Es empfiehlt sich ebenfalls, Wegwerfhandschuhe zu tragen, um sich vor all dem Schmutz zu schützen und vor den Viren. Diese Gerätschaften kosten ja auch Geld. Und ständig wühlst du in Müllfängern herum, läufst im Zickzack über die Plätze.

Das fällt auf. Jeder sieht sofort, was du bist. Das ist mir zuwider. Deswegen gehe ich auch nicht zur Essenausgabe der Kölner Tafeln. Ich habe meinen Stolz.

Ich bin auch keiner von diesen Alkoholikern, die auf den Plätzen herumhängen und volltrunken aller Öffentlichkeit hemmungslos ihr erloschenes Selbstwertgefühl präsentieren. Sie sind die lebenden Beweise dafür, dass die Würde des Menschen sehr wohl antastbar ist.

Meine beste Tarnvorrichtung ist ein altes, defektes Smartphone. Ich habe es in der Nähe einer Schule im Müllfänger gefunden und an mich genommen. Immer, wenn ich ganz besonders normal wirken möchte, halte ich es mir vor den Mund und spreche hinein. Das wirkt wie eine Tarnkappe. Damit kann ich alles machen, ohne dass jemand Verdacht schöpft.

So gehe ich auf Nahrungssuche, jeden Tag. Normal gekleidet, mit dem Smartphone im Anschlag eile ich zielstrebig wirkend an Straßencafés vorbei und klaube im Vorübergehen die liegen gelassenen Kekse von den Untertassen. Oder die verschmähten Teigränder auf Pizzatellern, übrig gebliebene Pommes und Salatstreifen.

Im Sommer gehe ich durch die großen Biergärten, im Winter über die Weihnachtsmärkte. Du glaubst ja gar nicht, was die Leute alles verschmähen. Aber ich nehme nur, was ganz offensichtlich niemand mehr will. Ich bin kein Dieb.

Systematisch suche ich die Wochenmärkte auf, inspiziere unauffällig die Rückseiten der Stände und hebe aussortiertes Obst vom Boden auf. Meine Beute verzehre ich stets vor Ort. Nichts trage ich mit mir herum, nur das Smartphone. Immer in Bewegung bleiben, ein Ziel im Auge vortäuschen. Nie herumlungern oder unentschlossen wirken.

Am liebsten sind mir die Spezialitätenmärkte, wie sie oftmals im Rheinauhafen oder auf dem Heumarkt stattfinden. Delikatessen- und Feinkostmärkte, Winzerwochen und dergleichen. Da koste ich mich mit wichtigtuerischem Gesicht durch all die feinen Pröbchen, lasse mir interessiert Visitenkarten überreichen und gehe erst wieder, wenn ich so richtig vollgefressen bin.

Wenn sie Eintritt wollen, finde ich schon einen Weg. Es gibt immer ein Schlupfloch, ich komme schon rein. Denn Geld habe ich ja keins übrig. Das wenige Geld, das ich bekomme, benötige ich für meine vier Wände, für Strom und Gas und meine normale Kleidung. Das alles ist wichtiger als Essen. Solange ich meine eigenen vier Wände habe, bin ich noch ein ganzer Mensch. Dann kann ich es schaffen und wieder auf die Beine kommen.

Zu Hause benötige ich weder Kühlschrank noch Herd. Das spart viel Strom, der kostet ja auch Geld.

Es ist wichtiger, nach außen wie ein normaler Mensch zu scheinen, als innen drin ein normaler Mensch zu sein. Um ehrlich zu sein, weiß ich gar nicht, was ein innen drin normaler Mensch überhaupt ist.

Aber das ist ja auch nicht so wichtig, solange ich weiß, wie ein normaler Mensch aussieht und unauffällig bleibt. Ich komme schon klar, ich werde schon satt. Man muss zufrieden sein mit dem, was man hat.

Mehr brauchst du nicht zu wissen.

Text & Foto: -bevi

 

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