„Die Hölle, das sind die anderen.“ An dieses Zitat aus dem Drama „Geschlossene Gesellschaft“ von Jean-Paul Sartre musste ich letztens bei der Demo auf dem Roncalliplatz denken. Thema: Gegen rechts und für Flüchtlinge willkommen.

Die Veranstaltung war ganz okay. Zwar kein Vergleich mit den Demonstrationen von früher gegen Atomkraftwerke oder den Nato-Doppelbeschluss, wo die Hubschrauber kreisten und noch Wasserwerfer am Start waren. Heute singt die Crowd auch keine Lieder mehr wie „Wehrt euch! Leistet Widerstand gegen was auch immer hier im Land!“ Man geht auch nicht mehr untergehakt Arm in Arm und ruft: „HOCH DIE INTERNATIONALE SOLIDARITÄT!“

Aber gut, wir sind ja alle nicht jünger geworden und brauchen nicht mehr so viel Aufregung.

Stattdessen ging es nach einigen stimmungsvollen Ansprachen und Musikbeiträgen im Trippelschritt vom Roncalliplatz zum Heumarkt – das sind schätzungsweise 700 Meter, auf denen wir uns von Eis schleckenden Touristen angaffen ließen.

Als wir in die Bechergasse einbogen, fiel mir folgende Begebenheit ein, die sich drei Tage vorher zugetragen hatte.

Donnerstag, später Nachmittag in der Südstadt, gegen 18 Uhr. Weil ich für einen Termin am Kartäuserwall viel zu früh unterwegs bin, denke ich mir: Was soll’s? Hock dich auf eine der Bänke am Chlodwigplatz und schau dir die Leute an.

Spricht mich der Mann an, der gleich neben mir sitzt. In sehr gebrochenem Deutsch schildert er mir seine aktuelle Lebenssituation. Es stellt sich heraus, dass er ein Flüchtling aus dem Irak ist, ein kurdischer Jeside. Damit ich ihm das auch glaube, holt er aus seiner Briefbörse seinen amtlichen Aufenthaltstitel hervor und zeigt ihn mir. Das Dokument sieht auf den ersten Blick nicht viel anders aus als ein normaler Personalausweis.

Untergebracht ist er in einem Haus, in dem der Vermieter wie auch etliche von dessen Verwandten wohnen. Alle türkische Muslime.

Von denen werde er, so der Bericht meines Gesprächspartners auf der Chlodwigplatzbank, tagein und tagaus gemobbt, ja bedroht, weil er sich weigere, den Koran zu lesen.

Er schildert mir einige der Drohungen, aber ich möchte sie hier nicht wiederholen, weil sie zu krass und zu widerlich sind.

Er habe die Polizei angerufen, und die habe ihm gesagt, sie könne ihm nicht helfen. Sie komme immer erst dann, wenn auch wirklich etwas vorgefallen sei. Blutiges Gesicht, gebrochene Körperteile, Schnittwunden und dergleichen.

Ob es ein Recht in Deutschland gebe, will er von mir wissen. Ja, sage ich, zweierlei sogar. Das, welches, du hast, und das, welches du bekommst.

Er wisse nicht mehr, was er noch machen solle. Deswegen – dabei zeigt er auf die dreiviertelvolle Bierflasche, die vor ihm auf dem Boden steht – trinke er jetzt Alkohol. Zum ersten Mal in seinem Leben. Dafür bitte er um Verzeihung. Er habe gehört, Alkohol helfe.

Schon gut, sage ich. Aber ich könne ihn aus persönlicher Erfahrung versichern, dass Alkohol keine Hilfe sei.

Er sei ganz allein in Köln, fährt er fort und erzählt weiter von seiner Familie, die er im Irak zurückgelassen hat. Vom ermordeten Bruder, von der Mutter, die ihn nach Europa geschickt hat, damit er hier bei uns ein besseres Leben finde. Er kämpft mit den Tränen, greift nach der Flasche und stellt sie kopfschüttelnd wieder zu Boden.

Er müsse nicht allein sein, sage ich. In Köln gebe es sehr viele Kurden, mit denen er sich treffen und sich in der Muttersprache austauschen könne.

Das seien alle Muslime, entgegnet er.

„Aber die kurdischen Muslime sind …“

„… nicht so schlecht?“ Er lächelt traurig und nickt. „Muslime sind Muslime“, sagt er. „Ich bin Jeside. Sie hassen mich.“

Wie kann ich diesem Menschen helfen? Ohne meinen Termin zu verpassen?

Es gebe einen Verein, beginne ich den Ausstieg aus dieser mulmigen Situation, der ihm bestimmt helfen könne. Die Kölner Flüchtlingshilfe. Keine Polizei, Religion völlig egal.

Wirklich sicher? Seine Augen schöpfen Hoffnung.

Ob er sein Handy dabei habe? Um auf der Website des Vereins die Adresse und die Kontaktmöglichkeiten herauszufinden. Ja, hat er. Aber es ist schwieriger als erwartet: Google auf Arabisch. Aber wir schaffen das. Nach einigem Hin und Her hat er einen Zettel, auf dem alles Nötige steht.

Ob er auch wirklich dorthin gehen werde?

Ganz bestimmt!

Zum Abschied geben wir uns die Hand.

Zurück zur Demo: Kurz bevor wir den Heumarkt erreichten, erzählte ich dieses Erlebnis meinen Freunden. Da erzählt einer von ihnen:

„Bei uns im Kaff wohnen in einem Haus zwei syrische Flüchtlingsfamilien. Eine oben, die andere unten. Die unterm Dach sind Muslime, die im Parterre sind Christen. Die hassen einander wie die Pest und machen sich gegenseitig Tag für Tag das Leben zur Hölle.“

Damals bei uns im Kaff, denke ich, hatten wir auch immer welche, die wir hassen durften. Hachen oder Hövel gegen Langscheid. Und wenn da nichts am Start war, hieß es eben Oberdorf gegen Unterdorf. Oder Katholen gegen Protestanten, Fußballer gegen Gummitwister. 

Ohne Hass können wir Menschen es offenbar nicht miteinander aushalten.

Wieder zurück zur Demo. Auf dem Heumarkt, wo viel mehr Menschen waren als vorher auf dem Roncalliplatz, gab es dann das übliche kölsche Rahmenprogramm.

Gut für die Gastronomie. Es war ja an diesem Wochenende keine andere Großveranstaltung angemeldet.
Unter anderem würden Kasalla und Frauke Bekus, ups!, Frau Kebekus auftreten.

„Ich hasse Kasalla“, sagte ich. „Mitgrölmucke ist nicht mein Ding. Das hier wird garantiert wieder so ‘ne Art Karnevalsveranstaltung.“

„Hm“, sagte die Freundin meines Freundes. Und ich hörte sie denken: „Ich hasse Caroline Kebekus.“

Wir sind dann direkt weitergegangen zur KVB-Haltestelle und haben Richtung Heimat eingecheckt. Und typisch, wie immer an heißen Tagen: Minutenlang kam keine Bahn! Ich hasse die KVB!

In den letzten Tagen denke ich oft an den Jesiden vom Chlodwigplatz. Warum habe ich ihn nicht um seine Telefonnummer gebeten? 

Text & Foto: -bevi

 

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