KOMMENTAR. Eine Gesellschaft entscheidet von Fall zu Fall, welche ihrer Kulturdenkmäler sie pflegt und welche nicht. Wenn das auf demokratische Weise geschieht, ist das in Ordnung. Denkmalpflege kostet nun mal Geld, und das wird vor allem in Bereichen benötigt, die der Gestaltung der Zukunft gehören: Infrastruktur, Bildung, Gesundheitsversorgung etc. Aber wenn eine Gesellschaft eine Entscheidung getroffen hat und dann nichts gemacht wird, ist das doch irgendwie doof – oder?

„Lass uns mal wieder wandern gehen“, sagte mein Freund.

„Gute Idee“, erwiderte ich. „Wie wär’s mit einer Tour von Ossendorf nach Müngersdorf?“

„Wandern in Köln? Auf so’n Quatsch kannst auch nur du kommen!“, prustete er.

Am Ende konnte ich ihn doch noch von den Vorzügen des Stadtwanderns überzeugen. Mit einem geeigneten und immer griffbereiten Spezialführer in der Tasche (Empfehlung: „Zo Foß durch Kölle jonn“ von Helmut Frangenberg oder „Kölschgänger – 11 Spaziergänge durch kölsche Veedel“ von Ronald Füllbrandt) kannst du Köln aus unvermuteten Perspektiven neu kennenlernen.

Mein Freund kam bei unserem Rundgang jedenfalls aus dem Staunen nicht mehr heraus und war zum Schluss völlig begeistert.

Hier möchte ich nur eine der vielen Begebenheiten dieses wundervollen Ausflugs erzählen.

Als wir in Müngersdorf in den Gerhard-Marcks-Weg einbiegen, der durch eine Wiese zum andächtig gepflegten Kölner Wohnhaus des Künstlers († 1981) führt, wird mir – weil ich schon öfter hier unterwegs war ‑ klar, dass wir bald beim Haus Belvedere sein werden.

„Haus Belvedere?“, sagt mein Freund (und er spricht es nicht französisch, sondern italienisch aus). „Nie gehört. Verzäll.“

Das lasse ich mir nicht zweimal sagen. Denn wenn ich einem zeigen kann, was für ein schlaues Kerlchen ich bin, steht mir der Mund nicht mehr still.

„Okay: Mach die Augen zu. Du bist doch im Agnesviertel aufgewachsen. Kannst du dir vorstellen, dass am Thürmchenswall mal ein Bahnhof war?“

„Komm schon, Bernd, verhohnepiepeln kann ich mich auch alleine.“

„Du sollst die Augen schließen! Am Thürmchenswall war ‑ so um 1830 rum und noch ein paar Jahre länger ‑ ein Bahnhof. Von da aus konntest du mit der Rheinischen Eisenbahn Richtung Westen fahren. Aber nur bis zum Bahnhof Müngersdorf. Da hörten die Gleise auf. Und deswegen haben sie dort das Haus Belvedere gebaut, das viele Kölsche, die sich das leisten konnten, zu Kaffee und Kuchen einlud. Es wurde zu einer beliebten Landpartie! ‚Heute fahren wir zum Belvedere‘, hieß es. Das Haus Belvedere war damals für die Leute so was Ähnliches, wie es für die von heute das Phantasialand ist.“

Mein Freund bleibt stehen und sieht mir in die Augen. Und wie das so ist, wenn mir einer aufmerksam zuhört, gerate ich nun ins Schwärmen.

„Das Haus Belvedere ist das älteste noch erhaltene Bahnhofsgebäude Deutschlands. Gut, ein Bahnhof ist es natürlich nie gewesen. Von der Station an den Gleisen musstest du erst einmal einen Serpentinenpfad hinaufgehen, um überhaupt dorthin zu gelangen. Es war eher ein Empfangsgebäude, in dem du unter anderem auch Fahrkarten lösen konntest. Hauptsächlich ging es aber darum, in einem wunderschönen Garten zu sitzen und die Aussicht auf Köln zu genießen.

Als dann die Strecke nach Aachen so richtig ausgebaut wurde, wurde der Bahnhof Müngersdorf geschlossen und dann hat sich natürlich keiner mehr für das Haus Belvedere interessiert.“

Jetzt gähnt mein Freund. Das ist wie bei Gelb vor der Ampel: Abbremsen oder beschleunigen? Ich entscheide mich für das Gaspedal:

„Deswegen wurde der Bahnhof im 19. Jahrhundert stillgelegt. Aber das Haus Belvedere gab es ja immer noch. Also vermietete die Stadt Köln die darin befindlichen Zimmer an ihre Bediensteten. Später fanden erst ein Landwirtschaftsbetrieb und dann eine Spedition darin ein Zuhause.

Der Maler und Bildhauer Günther Maas lebte dort mehr als 30 Jahre, setzte das stark heruntergekommene Haus und den Garten instand und schuf dort sein Hauptwerk. Nachdem er 2009 ausgezogen war, wollte die Stadt Köln Gebäude und Anwesen eigentlich verkaufen, aber als sich, um dies zu verhindern, der Förderkreis Bahnhof Belvedere gründete, übernahm der damalige Oberbürgermeister Roters flugs die Schirmherrschaft über das Projekt.

Jetzt steht das Haus Belvedere sogar offiziell im Förderprogramm der Landesregierung. Das ist doch was: Denkmalschutz und so was alles! Europäisches Kulturerbe! Außerdem hat der sehr engagierte Förderkreis voll gute Ideen! Lesungen im Kuppelsaal, Zeichenkurse im Wintergarten, Theateraufführungen im Park hinter dem Gebäude, Hochzeitsfeiern mit Blick über ganz Köln. Glaub mir, das ist ein richtig geiler Ort, an dem eine Million Sachen möglich sind! Ein tolles Gebäude mit einem wunderschönen Garten drum herum.“

„Cool“, seufzt mein Freund. „Dann können wir da im Biergarten was trinken. Hab nämlich vergessen, Wasser mitzunehmen.“

„Ganz klar“, erwidere ich und lege beruhigend meinen Arm um seine Schulter. „Du wirst schon sehen: Die Kölschen mögen solche Plätze! Sie pflegen ihre Vergangenheit. Wenn wir da ankommen, wird es einen Biergarten geben. Dann können wir uns im Schatten der wunderbaren Bäume ausruhen und uns die Bäuche vollschlagen.“

Kölner Stadtschreiber Haus Belvedere frontal BalkonAber als wir dann um die Ecke biegen, ist die Enttäuschung groß. Das Haus Belvedere bietet einen erbärmlichen Eindruck. Ein Bauzaun verwehrt den Zugang zum ungepflegten Garten, ein paar Meter entfernt entdecke ich ein Schild mit der Aufschrift „Vorsicht wegen Unebenheiten im Gelände! Kölner Stadtschreiber Haus Belvedere Unebenheiten im GeländeStolpergefahr!“ Für wen steht das da? Da kommt man doch eh nicht hin.

Jetzt bin ich zum dritten Mal innerhalb von acht Jahren hier, und habe den Eindruck, dass sich die Wirklichkeit diametral zu allen Verlautbarungen und Versprechungen entwickelt hat.

Was hat sich denn in den letzten Jahren getan? Wenn es einen Förderkreis gibt, was hat er dann gefördert? Wenn es ein Förderprogramm der Landesregierung gibt, hat es zu nichts weiter geführt als zum Druck und Kölner Stadtschreiber Haus Belvedere Denkmal Schild am Bauzaunzur Aufhängung eines Banners am Zaun, der das lauschige Gelände vom Rest der Welt trennt. Wenn es Ideen gab, diesen absolut einmaligen Ort einer sinnvollen Nutzung zuzuführen, sind sie allesamt den Bach hinuntergegangen.

„Was für eine Schande“, seufzt mein Freund, krallt seine Finger um einige Drahtmaschen des Bauzauns und spinxt verträumt in den Garten. Dann schließt er – endlich! – die Augen und fährt mit hörbar trockener Zunge fort: „Ich sehe Tische und Bänke. Menschen sitzen dort, sie essen sommerliche Speisen und haben kühle Getränke vor sich stehen. Kinder spielen unter den Bäumen, entspannte Servicekräfte schweben zwischen Theke und Grillstation hin und her.“

Da bekomme ich doch glatt Mitleid, schnalle den Rucksack ab und hole meine zweite Wasserflasche hervor.

„Komm hier“, sage ich. „Du zuerst.“

Ausklang

Die Stadt Köln lehnt es aktuell ab, die Sanierung wie auch den Betrieb des Anwesens zu finanzieren. Im Dezember 2010 gründete sich der Förderkreis Bahnhof Belvedere e.V., dessen Ziel soll die „zukünftige Erhaltung und kulturelle Nutzung des Gebäudes“ sein soll. Auf seiner Website hält der Verein Pläne zur Nutzung des Gebäudes für Kultur und Bildung, als Begegnungsstätte und für „bürgerschaftliche Aktivitäten“ bereit.

In seiner Sitzung vom 23. Juni 2015 hat der Rat der Stadt Köln einstimmig für die Sanierung von Haus Belvedere gestimmt. Im Zeitpunkt der Entstehung dieses Kommentars liegt ein Erbbaurecht und somit ein „Eigentum auf Zeit“ beim Förderkreis Bahnhof Belvedere e.V. Darüber hinaus existiert ein Ratsbeschluss, dass sich der Kölner Kämmerer an den Kosten von Sanierung und Ausbau des Gebäudes beteiligt.

Text & Fotos: -bevi (Beitragsfoto: Wikimedia Commons)

 

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