Sie sind mitten unter uns. Sie sind raffiniert und gemein. Und sie scheuen das Tageslicht nicht.

Schon als er durch die Tür wankte, gingen alle anderen Fahrgäste der voll besetzten Straßenbahn in den Beschützermodus. Sie wichen aus, griffen ihm unter die Arme, stützten und führten ihn zu dem Platz neben mir, den ein junger Mann bereitwillig frei machte.

Ächzend ließ er sich neben mich auf die Bank sinken. „Zeitlupe“ wäre ein viel zu hastiges Wort dafür. Er war schmächtig, trug einen abgewetzten Anzug und einen ausrangierten, viel zu kleinen Hut auf den schütteren Haaren. Fahle Haut, ungepflegte Fingernägel, eingefallene Wangen.

„Ach herrje“, seufzte er mit einem tiefen Rasseln in der Brust und bedachte mich mit einem langen Dackelblick. „Ich hab wohl einen Schlaganfall gehabt.“

„Geht mich nichts an“, sagte ich.

„Ja ja“, fuhr er fort. „Da lebt man noch, aber irgendwie auch nicht. Den einen Moment sitzt man im Sessel vor dem Fernseher – und im nächsten wird man im Krankenhaus wach und kann nicht mehr sprechen.“

„Interessiert mich nicht“, erwiderte ich und sah aus dem Fenster.

Die junge Frau mir gegenüber maß mich mit einem vorwurfsvollen Blick und neigte sich unter demonstrativer Fürsorge dem Greis zu. „Das wird schon wieder“, sagte sie sanft. „Sie machen das doch schon wieder sehr gut.“

Ach du liebe Zeit, dachte ich, darauf hat der doch nur gewartet.

„Nä nä, junge Frau!“, widersprach er sogleich und winkte mit flatternder Hand ab. „Das wird nichts mehr! Ich hab’s hinter mir!“

„So dürfen Sie aber nicht denken“, sagte sie tröstend und war drauf und dran, seine Hand zu drücken.

So denkt der auch nicht, dachte ich. Wie alle anderen glaubt auch der, unsterblich zu sein. Er jammert nur gerne. Die alten Leute wollen nicht getröstet werden. Sie wollen jammern, nichts als jammern wollen sie.

„Sie werden schon sehen“, fuhr die junge Dame fort. „Bald sind Sie wieder ganz der Alte.“

„Ha!“, entfuhr es dem Greis. „Das bin ich jetzt schon: der Alte! Mehr tot wie lebendig! Besser, sie hätten mich vor dem Fernseher liegen lassen und dann direkt eingebuddelt! Dann hätte ich endlich meine Ruhe!“

„Aber nein, nein.“ Sie sah ihn nun ernsthaft betrübt und voller Mitleid an. „Sie sind doch nicht allein. Es gibt bestimmt ganz viele Menschen, denen Sie etwas bedeuten.“

Jetzt hat er sie, dachte ich. Nun kann er sagen, dass sie es so haben wollte.

Also begann er zu erzählen, wie einsam er sei und wie undankbar seine Kinder wären. Wie sehr sich die Welt verändert habe, und zwar zum Schlechten. Wo es ihn überall schmerze, jeden Tag aufs Neue. Wie süß die Jugend sei und wie bitter das Alter. Und wie grausam die moderne Medizin den Menschen behandle, da sie ihm nicht das Leben verlängere, sondern nur das unaufhaltsame Sterben.

„Als ich so alt war wie Sie, junge Frau, dachte ich auch noch, nichts könnte mir was anhaben. Man ist jung und stark, man genießt das Leben, macht Pläne und glaubt, man hätte alle Zeit der ganzen Welt. Wie schnell ist das vorbei! Und dann erkennt man, dass alles, ausnahmslos alles, worum man sich bemüht hat, für die Katz ist. Nichts bleibt. Die Welt scheißt auf einen jeden von uns. Es gibt keinen Trost!“

Im Laufe seines Sermons konnte ich beobachten, wie neue Kraft ihn zu durchströmen begann. Nicht nur kehrte Farbe in sein Gesicht zurück, auch seine Bewegungen wurden flüssiger, seine Haltung straffte sich. Im Gegensatz dazu schien seine Zuhörerin immer weniger zu werden.

„Zum Glück“, grinste der Greis nun und trachtete danach, einen versöhnlichen Eindruck zu machen, „wachsen im Alter die inneren Werte eines Menschen.“

Genau, dachte ich: Cholesterin, Leberwerte, Blutzucker. Aber diese wunderbare Gelegenheit, einfach mal die Klappe zu halten, wollte ich mir partout nicht entgehen lassen. Und weil ich sowieso mein Ziel erreicht hatte, stieg ich aus.

Draußen blieb ich kurz stehen und blickte durch das Fenster zurück auf das ungleiche Paar in der Bahn.

Der Greis machte nun einen sehr lebhaften Eindruck, rosiges Gesicht, heftig gestikulierend. Die junge Frau sah bleich aus, mit leeren und stumpfen Augen, kraftlos in sich zusammengesunken. Er hatte ihr alle Lebenskraft ausgesaugt und sich selbst einverleibt. So konnte er ein paar Stunden weitermachen, bis er wieder Hunger bekam. Dann würde er sich das nächste Opfer suchen.

Hilflos sah sie mich an. Mit einem leichten Kopfnicken und hochgezogenen Augenbrauen erwiderte ich ihren Blick.

Dann wandte ich mich ab und kümmerte mich um meine eigenen Angelegenheiten.

 

Text: -bevi, Foto: Wikipedia (Kultszene aus dem Film „Nosferatu“ von Wilhelm Murnau)

 

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