Kölner Stadtschreiber

Streifzüge im Schatten des Doms

Himmel un Ääd

Ob mein Freund Hermann nun ein Macho oder ein Chauvi ist, kann ich nicht sagen – die Grenze vom einen zum anderen ist mir nicht richtig klar. Für ihn ist jedenfalls in der Regel alles ganz einfach. Grau ist für ihn keine Farbe, Schwarz schon. Und die Behauptung, Weiß sei die Summe aller Farben, hat er bereits im Physikunterricht am Gymnasium dahingehend beschieden, dass er das Fach abwählte.

So hält er es auch mit den Frauen: Entweder die Alte taugt was, oder eben nicht. An ihm liegt’s jedenfalls nicht. Frauenversteher ist für Hermann ein Schimpfwort.

Verglichen mit ihm bin ich eher das Gegenteil: Wenn es in meinem Leben mit einer Frau schiefgelaufen ist, habe ich den Fehler immer gleich bei mir gesucht – und auch gefunden. In meiner Anschauung ist alles eher kompliziert und verbesserungswürdig – vor allem ich.

Warum Hermann trotzdem mein Freund ist? Hermann ist Sauerländer, so wie ich, wir haben beide dasselbe Gymnasium besucht und im selben Jahr Abitur gemacht. Hermann ist dann zum Studieren nach Köln gegangen und anschließend gleich hier geblieben, während ich erst noch ein paar Umwege genommen habe und später nachgekommen bin. Er hat mich damals in seiner Butze übernachten lassen, als ich mir in der Domstadt ein WG-Zimmer gesucht habe. Das ist nun über 30 Jahre her.

Wir sind also alte Kumpel. Außerdem kann Hermann ganz hervorragend kochen und lädt mich oft zu sich ein; und so einer kann doch kein wirklich schlechter Mensch sein, nicht wahr? Da kann man schon mal ein oder mehrere Augen zudrücken.

Heute soll es „Himmel un Ääd“ geben, eines meiner Leibgerichte, besonders wenn Hermann es zubereitet. Denn Hermann macht es mit Ahler Blootwoosch. Habe ich schon einmal erwähnt, welch großer Liebhaber von A L T E R  B L U T W U R S T ich bin? Doch es gibt etwas, das noch besser schmeckt als Ahle Blootwoosch, und das ist gebratene Ahle Blootwoosch.

Es gibt weitere Abweichungen vom kölschen Originalrezept, wenn Hermann „Himmel un Ääd“ zubereitet. Die „Ääd“ bereitet er mit Drillingskartoffeln, jeder Menge kleinstgehacktem Basilikum und gehobeltem Parmesan zu. Und vom „Himmel“ herab fallen Birnen statt Äpfel, gebraten sowie mit Zimt und Zucker karamellisiert. Außerdem gibt es Pils statt Kölsch, wie das bei Sauerländern eben so üblich ist.

Blootwoosch, Pils un e lecker Mädche

Nun sitze ich also mal wieder in seiner Küche. Meinen Freund beim Kochen zu beobachten macht mir immer großen Spaß. Während ich zu Hause zehn verschiedene Messer für alle möglichen Tätigkeiten habe, besitzt Hermann nur eines: ein Monstrum von einem Messer, mit dem er eine grobe Lammkeule ebenso filigran pariert, wie er damit feine Kräuter in mikroskopisch kleine Teilchen zerhackt.

„Weißt du noch, damals in den Siebzigern?“, fragt er mich hämisch grinsend, wobei er fachmännisch mit nur einem Schnitt sämtliche Stängel eines Basilikumstraußes absäbelt. „Als du stricken gelernt hast, um bei Frauke zu landen? Stundenlang hast du mit der zusammengehockt und ihr zugehört. Mann, ich schwöre, die hat dir beide Ohren abgekaut. Und du hast immer nur genickt.“

Und ob ich mich erinnern kann: an Frauke und auch an die Siebziger. „Eine Frau ohne Mann ist wie ein Fisch ohne Fahrrad“, lautete damals die Parole. „Ihr Männer verpisst euch, und keine vermisst euch.“

„Und was hat es genutzt?“, fährt Hermann ungerührt fort und beginnt mit seinem Buschmesser die kleinen Kartoffeln zu schälen. Auf die Antwort verzichtet er, denn wir kennen sie beide. Hermann hat Frauke bekommen, zumindest für ein paar Wochen, bis er ihrer wieder überdrüssig war. Sie hat sich ihm regelrecht an den Hals geworfen, obwohl er nichts anderes dafür getan hat, als sich jedesmal demonstrativ abzuwenden, wenn sie den Raum betrat.

Ich habe das verstanden. Wenn ich Frauke gewesen wäre, hätte ich es sicher genauso gemacht. Wäre ich eine Frau, würde ich dann einen strickenden und nickenden Mann wollen, der sich vor lauter „Ihr Männer verpisst euch“ nicht traut, endlich zur Sache zu kommen? Ganz sicher nicht.

Dann lieber einen wie Hermann, einen selbstbewussten Kerl, der weiß, was er braucht, und es sich nimmt, wenn er es will. Der darauf pfeift, was eine Frau von ihm hält, weil er es gar nicht nötig hat, hinter einer Frau herzulaufen. „Männer und Frauen“, sagt Hermann, „sind so wie Himmel un Ääd: Da kommen zwei grundsätzlich verschiedene Geschmäcker zusammen, muffig und süß. Eigentlich geht das nicht, und trotzdem schmeckt’s richtig geil. Man muss es nur auf die richtige Art zusammenbringen.“

Und während er mit liebevoller Sorgfalt die Ahle Blootwoosch pellt und in Sesamsaat wälzt, stelle ich mir vor, wie ich wohl als Frau wäre und ob ich als Alte für ihn etwas taugen würde.

In weiblicher Ausführung wäre ich bestimmt vor allem eins: verbesserungswürdig. Meine Nase wäre zu groß, meine Beine wären zu kurz, meine Haare zu dünn, meine Hände zu wulstig, meine Lippen zu schmal – also alles genau wie jetzt. Und sicher wären meine Brüste nicht ebenmäßig genug, mein Po wäre zu flach, und immer würde ich im falschen Moment mit verräterisch flatternden Augenlidern zur Seite schauen.

Wäre ich eine Frau, würde Hermann mich keines Blickes würdigen, und das würde mich rasend machen. Was bildet sich der Kerl eigentlich ein? Nach hinten raus ist er doch wie alle anderen Männer, und sein Denken kreist unablässig nur um das Eine. Die richtige Gelegenheit würde ich abpassen, dann würde ich ihn mir schnappen, und anschließend würde ich ihn mir so zurechtbiegen, wie ich ihn haben wollte.

Das wäre nur zu seinem eigenen Besten! Und zum Besten all der anderen Vertreterinnen meines Geschlechts, die nach mir kommen und angesichts seines perfekten Körpers, seiner charmant blitzenden Augen und seines umwerfenden Lächelns dahinschmelzen würden. Für sie alle würde ich ihn ein für alle Mal Demut und Hingabe lehren. Wir Frauen müssen schließlich zusammenhalten!

Doch als ich ihn jetzt dabei beobachte, wie er mit seiner Machete hauchdünne Scheibchen von einem Stück Parmesan hobelt, fallen mir seine sexuellen Präferenzen ein, die mir als seinem Kumpel natürlich bekannt sind ‑ und schlagartig bin ich wieder ein Mann: schrecklich kompliziert und verbesserungswürdig zwar, aber doch zweifellos wieder ein Mann. Von manchen Dingen kann und will ich mir nicht vorstellen, dass sie mit mir geschehen.

Meine Fantasie reicht nicht dafür aus, mich in die weibliche Welt der Lust zu versetzen. Es fehlt mir jeder Vergleich für das Gefühl, ein anderes Lebewesen in meinem Bauch heranwachsen zu spüren oder es gar aus meinem Unterleib zu gebären. Niemals werde ich nachvollziehen können, dass ein Mensch sich besser fühlt, nachdem er in 20 Geschäften 60 Paar Schuhe anprobiert und sich dann stattdessen lieber für einen Eisbecher mit frischen Erdbeeren und Sahne entschieden hat.

Abrupt werde ich von Hermann mit einem männlichen Schlag auf die Schulter aus meinen Gedanken gerissen.

Himmel un Ääd – Yin und Yang?

„Essen fertig!“, ruft er strahlend vor Stolz, zwei gefüllte Teller in den Händen. „Das mit der Liebe“, fährt er jovial fort und serviert uns die von ihm gezauberte Köstlichkeit, „ist eigentlich so ähnlich wie das mit dem Kochen: Einer steht am Herd und bestimmt die Zutaten, und der andere wird in die Pfanne gehauen. Das klingt zwar nicht besonders schön“, schließt er, setzt sich und weist einladend auf die herrlich duftenden Teller, „aber nur so wird ein leckeres Essen daraus. Und nun, mein lieber Freund: Guten Appetit!“

Text: -bevi, Foto: Wikimedia Commons

 

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1 Kommentar

  1. Cornelia Bremer

    25. Juli 2017 at 23:08

    Ein echter Vielhaber – mit viel Genuss gelesen und mich wiedergefunden. Allerdings kannte ich den Fahrrad fahrenden Fisch etwas anders: Ein Mann ohne Bauch ist wie ein Fisch ohne Fahrrad. Mag der lokale kleine aber feine Unterschied zwischen Ostwestfalen und Sauerland sein:-) Ansonsten wie immer: Klasse!

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