Bis heute Morgen habe ich geglaubt, ich wäre als Typ alles in allem eigentlich ganz okay. Weder hübsch noch hässlich, weder genial noch blöd – einer von den ganz Gewöhnlichen halt. Jetzt weiß ich es besser: Es ist nicht gut, dass es mich gibt!

Mal wieder im Waschsalon.

John Doe ist auch da, wie jeden Mittwoch. Als Mensch hat man so seine Gewohnheiten, nenn es meinetwegen Rituale. John Doe hat das Ritual, jeden Mittwochmorgen zwischen 8 und 9 Uhr an diesem Ort seine Kleider zu waschen. Da ich selbst als langjähriger Stammkunde an allen möglichen Tagen und zu allen möglichen Zeiten schon dort gewesen bin und alle anderen Stammkunden und ihre Rituale kenne, weiß ich: John Doe kommt immer nur mittwochs zwischen 8 und 9 Uhr.

Bestimmt hast du dir schon gedacht, dass John Doe nicht sein richtiger Name ist, und vermutest, dass ich seinen richtigen Namen gar nicht kenne. So ist es. Ich nenne ihn so, weil mich seine äußere Erscheinung an die Rolle des Killers erinnert, den Kevin Spacey in David Finchers Film „Seven“ gespielt hat. Vom Alter her Ende dreißig, Anfang vierzig, schlank und kräftig.

Nichts für ungut, aber unser Waschsalon-John-Doe hat schon etwas leicht Serienkillermäßiges an sich. Zum einen macht er einen vollkommen normalen und ruhigen Eindruck, wie eben alle Serienkiller. Und zum anderen lauert in seinen Augen, die er für gewöhnlich starr auf den Boden richtet, unablässig die Gefahr eines abrupten Vulkanausbruchs.

Nun denn: Als ich heute Morgen den Waschsalon betrete, sitzt er auf der einzigen Bank, die es dort gibt. Eigentlich bietet diese Sitzgelegenheit Platz für drei Personen, aber weil John Doe genau in der Mitte hockt und seine Arme links und rechts über die Rücklehne ausgebreitet hat, haben sich die beiden anderen Anwesenden auf der steinernen Fensterbank niedergelassen.

Auf frischer Tat ertappt

Nachdem ich das Waschprogramm in die Gänge gebracht habe, schultere ich meinen Rucksack und gehe im Supermarkt schräg gegenüber einkaufen. Als ich zurückkehre, ist die Bank frei. John Doe befüllt den Wäschetrockner, indem er zuerst jedes Kleidungsstück gründlich ausschlägt und es dann sorgsam in die Trommel schichtet. Sehr vorbildlich.

Ich schnalle den Rucksack ab, setze mich in eine Ecke der Bank und beginne damit, ein Schoko-Nougat-Croissant zu verspeisen, wobei ich sehr darauf achte, dass keine Krümel zu Boden fallen.

Auf einmal steht er vor mir, Arme verschränkt, Kopf in den Nacken gelegt, und fixiert mich mit seinem stechenden John-Doe-Blick.

Ob ich eben beim Reinkommen nicht gesehen hätte, dass er auf dieser Bank gesessen habe, will er wissen.

Das sei mir durchaus aufgefallen. Und weiter?

Ich solle mal nicht so unschuldig tun. Da er da gesessen habe, sei das nun mal sein Platz. Das sei eine uralte Regel der Höflichkeit.

Das sähe ich zwar in diesem Fall grundsätzlich anders, erwidere ich und rutsche in die andere Ecke der Bank, aber andererseits sei mir der Platz auch egal. Er möge sich doch wieder dorthin setzen.

Darauf mustert er mich von oben bis unten mit einem so ehrlichen Ausdruck von Abscheu, dass ich plötzlich selbst nicht mehr glauben kann, dass irgendein Mensch auf dieser Welt Lust haben könnte, neben mir zu sitzen.

Egal!, zischt er, das habe er nicht anders erwartet. Ihm sei schon lange klar, dass, außer ihm, heutzutage allen anderen alles egal sei – außer dem eigenen Vorteil natürlich.

Wie er denn nun darauf komme?, frage ich und fühle eine leichte Erregung in mir aufsteigen.

Ob es mir denn schmecke, mein Schoko-Nougat-Croissant, will er wissen. Das bejahe ich. Schmilzt schön zart im Mund, fährt er höhnisch nickend fort, das billige Palmfett aus Indonesien, wo vorher ein Regenwald gewesen sei, nicht wahr? Wegen Menschen wie mir, denen alles egal sei, sei diese Welt in einem derartig jämmerlichen Zustand. Angewidert wendet er sich ab, schreitet, langsam wie ein Panther, zum Ausgang und geht hinaus. Wahrscheinlich erträgt er die Atemluft nicht mehr, die ich ihm verpeste.

Hilflos lächle ich die anderen beiden Kunden an. Sie lächeln kurz, aber teilnahmslos zurück, zucken mit den Schultern und schauen weg. Es ist ihnen egal.

Beim Verlassen des Salons treffe ich ihn draußen nicht an.

Warten auf das Urteil

Seitdem fühle ich mich schuldig. Am liebsten würde ich mir ein Loch buddeln, um mich darin zu vergraben. Aber es ist ziemlich wahrscheinlich, dass ich auch als Biomasse nichts tauge.

Wenn man das mal alles bedenkt: die Feinstaubpartikel und sonstigen giftigen Stoffe, die sich in drei Jahrzehnten Atmen in der Kölner Bucht in meiner Lunge abgelagert haben, die Plastikweichmacher und sonstigen Gifte, die über Verpackungen, Kochutensilien und Geschirr in mein Blut gelangt sind und sich dann in meinen Knochen und im Bindegewebe angereichert haben.

Das ist doch alles nicht gut für die Erde. Was soll ich denn jetzt bloß tun?

Mein Plan ist, dass ich ab jetzt jeden Mittwoch zwischen 8 und 9 Uhr in den Waschsalon gehe, um John Doe dort zu treffen. Vielleicht lässt er sich ja gelegentlich dazu herab, mir zu erklären, wie am besten mit einem wie mir zu verfahren wäre.

Text & Foto: -bevi

 

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