Jeder kennt das: Mal bist du Baum, mal bist du Hund. Doch der Zahn der Zeit macht vor keinem Halt. Am Ende landen wir alle im Verdauungstrakt des Lebens. Bis es aber so weit ist, pflegen wir unsere aparten Marotten. In der Zwischenzeit gilt: „Always look on the bright side of life!“

Wieder einmal steige ich am Barbarossaplatz in die Linie 12 um. Ich komme von der Arbeit aus dem Büro in Klettenberg und will nach Hause. Es ist gegen 18.30 Uhr, und natürlich sind jede Menge Leute unterwegs. „Morgens fahren alle in die gleiche Richtung hin, abends fahren alle in die gleiche Richtung zurück“, sinniere ich und muss an die Anfangssequenz von Charlie Chaplins Film „Moderne Zeiten“ denken, in der sich eine aus der U-Bahn strömende Menschenmenge in eine Herde von Schafen verwandelt.

Als ich mich an eine schon seit Jahren stillgelegte Telefonzelle lehne und meine Blicke schweifen lasse, fällt er mir gleich auf. Ich habe ihn ja vorher schon oft genug gesehen. Morgens, wenn ich zur Arbeit fahre, steigt er für gewöhnlich an der Haltestelle „Pohligstraße“ zu. Am Barbarossaplatz wechselt er dann – ebenso wie ich – die Bahn. Nur dass er zum Bahnsteig gegenüber geht, Richtung Neumarkt/Dom, während ich vor dem „Merzenich“ auf die Linie 18 stadtauswärts warte. Vermutlich hat er die gleichen Arbeitszeiten wie ich. Angesichts seiner markanten Erscheinung kann ich mir ihn jedoch nicht als Mitglied einer Bürogemeinschaft vorstellen.

Als Frisur trägt er einen Huronenkamm auf ansonsten kahlgeschorenem Kopf. Vom Kinn abwärts ist sein Körper derart muskelbepackt, dass die sonnenbankgebräunte Haut darüber stets zu platzen droht. Damit das auch jeder sehen kann, pflegt er T-Shirts mit halben Ärmeln zu tragen – selbst wenn Warmduscher wie ich schon längst in langen Jacken herumlaufen.

In Gesprächen habe ich ihn mit anderen schon mehrmals türkisch sprechen gehört. Da ich ihn nicht persönlich kenne, nenne ich ihn in Gedanken Dschingis, nach dem legendären Khan der Mongolen. Das finde ich passend.

Da kommt die Bahn, wir steigen ein. Während ich einen Platz neben einem mittelalten Herrn in Freizeitkleidung mit dem Rücken zur Fahrtrichtung einnehme, bleibt Dschingis im Eingang stehen und schaut umher. Er erkennt eine junge Frau, grüßt sie und geht zu ihr. Ihre Erscheinung lässt ebenfalls eine türkische Herkunft vermuten. Sie sitzt gleich am Eingang links, schräg gegenüber, jedoch in Fahrtrichtung. Als sie Dschingis erkennt, wendet sie sich ruckartig ab und schaut mit finsterer Miene  aus dem Fenster hinaus. Ganz offensichtlich will sie nichts mit ihm zu tun haben.

„Some things in life are bad, they can really make you mad“

Breitbeinig baut er sich vor ihr auf, packt mit seiner rechten Hand ihr Kinn und zieht ihr Gesicht langsam, aber bestimmt in seine Richtung. Da ihr Nacken dieser Bewegung widerstrebt, verformt sich ihr Mund dabei auf unnatürliche Weise. Um ihn nicht ansehen zu müssen, ist sie gezwungen, die Augen zu schließen. Er beginnt leise, fast murmelnd auf sie einzureden, dabei herablassend lächelnd, mit leicht zur Seite geneigtem und in den Nacken gelegtem Kopf.

Sie bebt vor Wut über ihre Hilflosigkeit. Sitzt angespannt, mit steifem Rücken, zusammengepressten Knien, schwer atmend. Ihre Hände umklammern die Handtasche auf ihrem Schoß. Aber vielleicht hält in diesem Moment die Handtasche auch die Frau, da die Handtasche das Einzige ist, auf das die Frau sich verlassen kann.

Bin ich der Einzige, der diesen Akt körperlicher Gewalt bemerkt? Langsam werden auch die anderen Fahrgäste aufmerksam, unterdrücktes Unbehagen breitet sich aus. Die Missbilligung steht jedem ins Gesicht geschrieben. Doch keiner wagt es, einzuschreiten.

Ist ja auch klar: Dschingis holt einmal tief Luft, und du klebst ihm quer vor der Nase. Gegen dieses aufgepumpte und gewaltbereite Muskelpaket, dem die Meinungen seiner Mitmenschen offensichtlich egal sind, hätte keiner von uns auch nur den Hauch einer Chance. Ich auch nicht. Und obwohl mir die Situation Nierenschmerzen bereitet, senke ich meinen Blick, falte die Hände im Schoß und versuche meinen Atem flachzuhalten.

„You must always face the curtain with a bow“

Auf einmal höre ich mich sagen: „Hey, Mann. Kannst du die Frau endlich mal in Ruhe lassen?“

Da ist er wieder, dieser magische Moment, wenn du meinst, eine Stecknadel fallen zu hören, obwohl die Welt ringsum in voller Betriebslautstärke weitermacht. Erschrocken blicke ich auf, um zu sehen, wie Dschingis reagiert: Er hält inne, richtet sich zu voller Größe auf und dreht sich langsam, beinahe wie in Zeitlupe, zu mir herum.

„Ey Alter, bist du bescheuert oder was? Was mischst du dich ein?“

„Lass einfach die Frau in Ruhe.“ Die Worte plumpsen aus meinem Mund. Hat meine Zunge sich selbstständig gemacht?

„Ey Alter, das ist meine Freundin. Mit der mach ich, was ich will!“

„Nein! So geht das nicht!“ Herrje, das bin ja schon wieder ich. Warum sagt mir denn jetzt nicht endlich mal einer, dass ich die Klappe halten soll? Verstohlen blicke ich in die Runde. Alle blicken starr zu Boden. Ich bin völlig allein in einer rappelvollen Bahn. Also fasele ich weiter: „Sie will das nicht, was du da machst. Also lass sie jetzt in Ruhe.“

Bitte schön, ich habe es ja nicht anders gewollt. Spöttisch schaut er mich an. Nicht zornig, eher leicht ungläubig und amüsiert darüber, dass so ein Knilch wie ich es wagt, ihm, dem großen Dschingis, auf den Schatten zu treten.

„Ey Alter, ich polier dir die Fresse!“ Höhnisch grinsend macht er einen Schritt auf mich zu.

„Nein!“, meldet sich da seine „Freundin“. Sie steht auf, umklammert seinen linken Arm mit beiden Händen und zieht daran. Er bleibt zwar stehen, bewegt sich aber nicht einen Zentimeter zurück. „Nein“, fleht sie, „tu das nicht, nein, komm schon!“

Jetzt mischt sich eine andere junge Frau ein, die an der gegenüberliegenden Eingangstür steht und die Situation unter heftigem Kaugummikauen beobachtet hat.

„Hallo? Geht’s noch? Du willst doch wohl keinen alten Mann schlagen!“ Ihre Miene drückt völliges Unverständnis aus sowie den Vorwurf: Also, einem Blödmann ein paar vor die Fresse hauen ist ja okay. Aber doch keinem alten Mann!

Das ist ja jetzt wohl die Höhe!, denke ich. Alter Mann? Was soll das denn heißen?

Dschingis grinst die junge Frau an. „Wieso nicht?“, fragt er achselzuckend. „Ist doch egal.“

Genau! Ich bin nicht alt! Vielleicht hier und da ein wenig aus dem Leim gegangen. Aber nicht alt! Und deswegen habe ich ein Recht darauf, geschlagen zu werden!

„Nein, komm jetzt.“ Dschingis‘ Freundin zerrt weiter an seinem Arm. „Komm, wir steigen aus. Komm jetzt.“

„Enjoy it – it’s your last chance anyhow“

Die Bahn fährt in die Haltestelle „Pohligstraße“ ein, die Türen öffnen sich. Dschingis mustert mich noch einmal kalt lächelnd von oben bis unten. „Ey Alter“, sagt sein Blick, „diesmal lasse ich dich noch laufen. Aber wir sehen uns wieder!“

Die beiden verlassen die Bahn. Als ich ihnen nachschaue, sehe ich, dass Dschingis mit seiner Freundin zu schimpfen beginnt. Wird er sich an ihr abreagieren? Wird er sie spüren lassen, was eigentlich mir zugedacht war?

Im Abteil hebt ringsum ein Stimmengewirr an.

„Noch so’n bisschen, und ich hätte dem in den Arsch getreten! Aber sowas von!“

„Was man sich heutzutage alles bieten lassen muss!“

„Scheiß Kanaken!“

Scharf fasse ich die zurückgebliebene junge Frau ins Visier. Sie schenkt mir einige verachtungsvolle Augenaufschläge, reckt das Kinn und blickt durch die Türfenster nach draußen.

Aber natürlich fällt mir nun ein schwerer Stein vom Herzen. Meine Anspannung löst sich zunächst in ein heftiges Zittern der Gliedmaßen auf. Wie benommen glotze ich die Leute an. Feiern sie mich jetzt als Helden des Alltags? Keine Spur davon. Ihre Blicke weichen den meinen aus. Jeder ist in ein angeregtes Gespräch mit seiner Umgebung vertieft und schildert lautstark, wie kurz davor er war, einzuschreiten und dem „unverschämten Kerl die Glatze zu polieren“. Wieder bin ich absolut allein.

Langsam beruhige ich mich. Ohne weitere Zwischenfälle erreiche ich mein Heim, meine Burg, in der ich mich für den Rest des Tages verschanze.

In den nächsten beiden Monaten fahre ich dann doch lieber mit dem Linienbus einige Umwege zur Arbeit und zurück, nur um Dschingis nicht zu begegnen. Erst als ich glaube, dass ausreichend Gras über die Sache gewachsen ist, nehme ich wieder meine alten Gewohnheiten auf.

„Life’s a piece of shit, when you look at it“

Das ist jetzt schon über sieben Jahre her. Warum ich erst jetzt davon erzähle? Weil ich es einfach vergessen hatte. Erst neulich ist es mir wieder eingefallen, als seine Prophezeiung ist eingetroffen ist.

Nach der Arbeit war ich mal wieder bei meinem Lieblings-Lidl einkaufen. Und wie ich da an den Aktionsdisplays Ausschau halte nach etwas, von dem ich noch nicht weiß, dass ich es dringend benötige, kommt er mir entgegen: bleich, schmächtig, mit dünnen, schulterlangen und frisurfreien Haaren und dunklen Augenrändern, einen Einkaufswagen vor sich her schiebend. Oder hält er sich am Einkaufswagen fest, um nicht zusammenzuklappen? Seine mageren Arme – Knochen unter faltiger Haut, wenig erfolgreich in den Ärmeln einer Bomberjacke getarnt – liegen schlaff auf dem Griff des Wagens. Kaum dass er die Füße vom Boden bekommt, so kraftlos ist sein Gang.

Erst kann ich es gar nicht glauben, doch er es ist es tatsächlich! Nun bin ich es, der ihm körperlich haushoch überlegen ist. Trotz meinem Alter. Er sieht mich kurz an, schlägt die Augen nieder, wendet das Gesicht ab und schlurft an mir vorbei. Hat er mich etwa nicht wiedererkannt? Oder hat er mich erkannt und fürchtet nun, dass ich es ihm heimzahle? Jetzt, wo ich viel kräftiger bin als er?

„Ach herrje“, denke ich, „was ist denn mit dem passiert?“ Vielleicht eine Krankheit, vielleicht kein Geld mehr für die Nutrition-Präparate, vielleicht Drogen? Ich weiß es nicht. Mich überkommt eine Welle aus Schadenfreude. Gerechtigkeit!, denke ich triumphierend. Es gibt also doch so etwas wie eine höhere Gerechtigkeit!

Aber noch bevor ich mich in die Schlange an der Kasse einreihe, wird mir klar, dass meine Gefühle sich nicht aus Gerechtigkeitsempfinden, sondern aus Rachlust nähren. Die ist schnell verraucht. Was bleibt, ist die Leere im Herzen, wenn dir radikal bewusst wird, dass jede Kraft unweigerlich vergehen wird, auch deine eigene. Vielleicht habe ich ja ein Recht darauf, geschlagen zu werden. Aber habe ich auch ein Recht darauf, zurückzuschlagen? Oder gar ein Erstschlagsrecht? Und in diesem Moment fühle ich mich plötzlich alt bis tief in die Knochen hinab, müde und verbraucht.

„Just remember that the last laugh is on you!“

Einer wird schon kommen und mich schlagen, denke ich, und danach stehe ich nicht wieder auf. Aber bis dahin, schließe ich, fühle wieder Kraft in mir und knalle wütend jeden einzelnen meiner Einkaufsartikel auf das Band, so dass die Kassiererin und die anderen Kunden irritiert zu mir herüberschauen, bis dahin eben nicht. Erst dann gebe ich mich geschlagen, und nicht eine Sekunde früher!

Text: -bevi

 

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