Kölner Stadtschreiber

Streifzüge im Schatten des Doms

WTF Is Joiny?

PORTRÄT. Seltsam und rätselhaft, scheu und mitteilsam zugleich: Joiny, ein Hippiemädchen mit leicht ungelenker Körperhaltung, traut sich immer häufiger in die Öffentlichkeit.  Stets dabei: ein etwas größerer, leicht konisch geformter Gegenstand.

Heute war ich mal wieder auf der Schäl Sick gewesen, um frische Brombeeren zu ernten. Am Mülheimer Hafen bekommen sie täglich jede Menge Sonnenstunden ab. Das haben sie gern, dann werden sie groß und süß. Die genaue Stelle wird natürlich nicht verraten. Ich kann dir sagen: fette Beute! Ein richtig gutes Brombeerjahr. Und ich habe noch reichlich für meine Mitmenschen übrig gelassen, wie sich das gehört.

Jedenfalls schlendere ich danach noch ein wenig am Rhein entlang Richtung Hohenzollernbrücke, weil die Ufergegend zwischen Mülheimer Hafen und Tanzbrunnen einer meiner persönlichen Hotspots in Köln ist. Nichts gegen die Rodenkirchener Riviera. Aber entlang des Flusses Richtung Süden zu stromern, die Altstadt im Blick, das glitzernde Sonnenlicht auf dem Wasser, der rege Schiffsverkehr … Das hat schon was – also, finde ich.

koelnerstadtschreiber_joiny_I love my bad

Wie ich schließlich unter der Zoobrücke ankomme, sehe ich Joiny zum ersten Mal. Allerdings weiß ich noch nicht, dass es Joiny ist. Der Rheinpark ist ja voll mit Stickern, Tags, Paste-ups und Adbustern aller Art. Aber Joiny traut sich was. 

koelnerstadtschreiber_joiny_Am Aasch es et düster

Das hier ist schon mal eine Nummer für sich: größer als alle anderen Sticker, die ich heute noch zu sehen bekommen werde. Was es wohl kostet, so etwas herzustellen? Und was soll das genau bedeuten: „I love my bad Joiny“? Das hat was, denke ich und spaziere weiter durch den Rheinpark.

„Am Aasch es et Düster“ finde ich auf der Außentür einer völlig heruntergekommenen Kloanlage, und ich fange an zu begreifen, dass Joiny eine Figur sein soll. Vielleicht so etwas wie das Alter Ego seines Schöpfers oder seiner Schöpferin. Wer steckt dahinter? Nach diesen zwei Motiven kann ich weder einen Zusammenhang noch eine Aussage erkennen. 

koelnerstadtschreiber_joiny_echt kölnisch joiny

Nicht weit davon entfernt finde ich diese Neuinterpretation eines weltberühmten Motivs. „Wie schön“, denke ich. „Und was soll mir das jetzt sagen?“ Als ich später diesen Sticker mit dem Originalaufkleber von 4711 vergleiche, wird mir zum ersten Mal klar, dass auch dort tatsächlich „Gott und mein Recht“ draufsteht und schon immer stand.

koelnerstadtschreiber_joiny_liebe sticker im ensemble

Wieder nur ein paar Schritte weiter entdecke ich zum ersten Mal den einfachen „Joiny“-Sticker: das Logo sozusagen, das mich – mal in eckiger, mal in runder Ausführung – auf der Fährte hält, die ich in meinem Jagdfieber nun endgültig aufgenommen habe. Aufgeklatscht auf die Rückseite eines Schildes zusammen mit mehreren anderen Duftmarken vorüberstreunender Hunde. Das zeugt von Markenbewusstsein, die Frau oder der Mann hinter Joiny scheint zumindest mit einem Fuß in der Marketingbranche zu stehen.

koelnerstadtschreiber_joiny_dat bliev unger uns

„Dat bliev unger uns“! Ja nee, is klar. Ist doch auch sonst keiner hier.  Aber was genau soll unter uns bleiben? Was Joiny da in beiden Händen hält, soll wie ein Joint aussehen. Der Name „Joiny“ legt diese Assoziation ja auch nahe. Er kann – schließlich fehlt das „t“ – aber auch etwas anderes bedeuten. Und ich habe noch nie gesehen, dass jemand einen Joint auf diese Art und Weise hält. Bei einer Maschinenpistole wäre die Haltung eher angebracht.

Siehst du den Sticker darüber? „Grünerrr wirds nich“. Scheint an die Sprechblase angepasst zu sein. Gehören die beiden zusammen? Oder ist das Zufall?  Auch diesen Sticker sehe ich heute recht häufig. koelnerstadtschreiber_joiny_micky mouse und fressmonster

Joiny hat also einen Gefährten. „Lunz“ ist sein Name. Er hat sie offensichtlich zum Fressen gern. Und Micky Maus hält Kopf und Magen zusammen … 

 

koelnerstadtschreiber_joiny_liebe sticker groß quer

„Liebe“ ist die Botschaft. Das Logo in großer Ausführung, wieder auf der Rückseite eines Schildes. Liebe ist gut. Aber ist das alles, was Joiny mir vermitteln will?

 

Mir geht der erste Sticker nicht aus dem Kopf:
„I love my bad Joiny.“
Und auch nicht: „Am Aasch es et Düster“.

koelnerstadtschreiber_joiny_ich han disch jän

Ich bleibe Joiny auf den Fersen und finde ihre nächste Botschaft kurz vor der Hohenzollernbrücke: „Isch han Disch jän!“ Wie schön. Danke, Joiny. Lass Lunz zu Hause! Wie geht es jetzt wohl weiter? Wohin wäre ich gegangen, wenn ich Joiny wäre? Weiter geradeaus zum Rheinboulevard vor dem Hyatt Regency? Sicher nicht.

Auf die Hohenzollernbrücke wäre ich gegangen und hätte, vorbei an den Millionen von Liebesschlössern, meinen Weg zum Dom gesucht.  Dort könnte ich all den Touristen meine Sticker zeigen. Was für eine Reichweite!

Oben beim Reiterdenkmal angekommen, feiere ich zunächst einmal meine brillante Intelligenz. Finde ich doch sowohl auf einem roten Holzpfahl als auch auf der grünen Streumitteltonne Joinys Logo-Sticker: Ich bin der Liebe auf der Spur!

Leider finde ich auf der ganzen Brücke keine weiteren Spuren meiner neuen, geheimnisvollen Freundin. Kurz vor dem rechtsrheinischen Brückenpfeiler gerate ich ins Fachsimpeln: Wahrscheinlich war ihr der Streuverlust für ihre Botschaft auf dieser Touristenmeile einfach zu groß, denke ich.koelnerstadtschreiber_joiny_logo auf zementpfahl rechtsrheinisch

Da lächelt mich kurz vor dem Heinrich-Böll-Platz dieser blumige Sticker an, und ich denke, dass ich meine Spur beim nächsten Mal genau an dieser Stelle wieder aufnehmen werde. Jetzt aber will ich erst einmal schnell nach Hause, bevor die Brombeeren in meinem Rucksack zu gären beginnen.

In meiner Wohnung angekommen, schaue ich mir die Fotos noch einmal in aller Ruhe an und mache ein kurzes Brainstorming: „Blümchen, Liebe, Konsumkritik, innere Dämonen, Zerrissenheit, Kreativität, Talent, Geld (oder doch zumindest Zugriff auf grafische Produktionsressourcen), marketingaffin, intelligent, angriffslustig, schüchtern. Einsamkeit, Hoffnung, Zynismus, Hippiekultur“ – das alles steht zum Schluss auf meinem Zettel. Und das alles ergibt irgendwie keinen Reim.

Auf der Suche nach mehr Informationen werde ich auf dem Blog streetart | urban art cologne von Regina Arentz fündig. Dort ist Joiny längst keine Unbekannte mehr. Der Künstler wolle anonym bleiben, heißt es dort. Aha! Der Künstler! Jetzt wird mir klar, dass ich die Person hinter Joiny die ganze Zeit insgeheim doch für eine Frau gehalten habe. Sehr rätselhaft. Sehr interessant. Ich bin gespannt, was noch daraus wird.

28. Juli 2017

Text & Fotos: Bernd Vielhaber

Hier geht es zu Teil 2: Joiny und Fründe in gehighmer Mission

 

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1 Kommentar

  1. Stefan von Berg

    29. Juli 2017 at 15:16

    Sehr gut beobachtet und formuliert! Bin auf weitere Streifzugberichte durch Köln gespannt! VG, Stefan

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