PORTRÄT. Letztens habe ich erzählt, wie ich nach der Brombeerernte im Mülheimer Hafen den Spuren eines Streetart-Characters namens Joiny gefolgt bin. Erstaunlicherweise fanden etliche Leute das interessant. Es erreichten mich danach sogar Anfragen. Um die dringendste davon gleich vorweg zu beantworten: Aus den Brombeeren habe ich natürlich Marmelade gemacht.

Eigentlich wollte ich die Sache danach auf sich beruhen lassen. Es gab so viele andere Dinge zu tun. Aber zu spät, ich zappelte am Haken.

Und wie das immer so ist: Wenn etwas erst einmal dein Interesse geweckt hat, siehst du es plötzlich an jeder Ecke. Und dann wunderst du dich, dass du es nicht schon viel früher bemerkt hast.

Und mir fielen jetzt auch all die anderen Characters auf, die sich in unserer Stadt an mehr oder weniger versteckten Orten herumtreiben. Besonders hervorheben möchte ich die Arbeiten der „Strassenmaid“, die von „Marshal Arts“ und „Planet Selfie“ sowie die von Tim Ossege, der seine Graffiti mit dem Pseudonym „seiLeise“ signiert. Von ihnen habe ich tolle Motive fotografiert, auf die ich irgendwann bestimmt noch eingehen werde.

Kölner Stadtschreiber: Joiny Auffahrt Mülheimer Brücke/Ecke Wallstraße

Aber diesen Beitrag möchte ich ausschließlich Joiny widmen, denn ich finde, dass sie ein besonderer Character ist. Warum? Weil sie mir im Gegensatz zu allen anderen direkt in die Augen schaut und mit mir spricht.

Nun war es so, dass ich zur Zeit der Brombeerernte von Streetart ungefähr so viel Ahnung hatte wie die Kuh vom Sonntag. Also fing ich an zu recherchieren.

Kölner Stadtschreiber: Joiny Wat wells de maache

Die terminologischen Grundbegriffe – wie „Tags“, „Sticker“, „Paste-ups“ usw. ‑ ließ ich mir von Regina Arentz in ihrem Blog streetart | urban art cologne erklären. Dort und bei Strassengold Forum für Street Art fand ich auch die ersten Informationen über den Character Joiny: Auf der Straße unterwegs seit 2013, nicht nur in Köln (wo scheinbar ihre Homebase ist), sondern auch immer gerne in Berlin und Hamburg. Selbst in Amsterdam und Tokio soll sie schon gesichtet worden sein.

Im Sommer 2017 war ich viel unterwegs. Und wo in Köln ich auch stand und ging, sah ich Joiny-Sticker, also handgroße Aufkleber mit dem Logo oder dem Schriftzug sowie mit einfachen Motiven.

Absolut bemerkenswert finde ich die optische Illusion der Sticker mit den rotierenden Rädern (siehe Foto ganz oben). Die beiden Ringe beginnen sich in entgegengesetzte Richtungen zu drehen, wenn du länger darauf starrst.

Seltenheitswert hatten für mich die Paste-ups mit Sprechblase. Glücklicherweise habe ich auch davon einige gefunden – weil ich danach gesucht habe. Immer häufiger habe ich mich dabei erwischt, wie ich mit Joiny gesprochen habe. „Ach, sieh an, Joiny. Da bist du ja wieder! Na? Alles klar so weit?“

Kölner Stadtschreiber: Joiny Wat en superjeile Zick

Scheinbar ist eine Kunstfigur wie Joiny, wenn sie wohldosiert und regelmäßig zum Einsatz kommt, durchaus dazu in der Lage, sich zu einer realen Bezugsperson zu entwickeln. So wie Wilson aus dem Film „Castaway – Verschollen“. Wilson ist ein Volleyball, mit dem der auf einer Südseeinsel verschollene Chuck (gespielt von Tom Hanks) während seines über vierjährigen Aufenthaltes Gespräche führt, die ihn vor dem Wahnsinn bewahren.

So ähnlich, wenn natürlich in sehr viel milderer Form, ging es mir in diesem Sommer mit Joiny. Einmal habe ich mir sogar eingebildet, sie habe mir zugezwinkert – aber das kann ja nun wirklich nicht sein. Oder etwa doch?

Joinys Fründe

Aber wo sind ihre alten Freunde geblieben: Knopfi und JaDa!?  

Kölner Stadtschreiber: Joiny Freund Knopfi

Knopfi entdeckte ich zum einen an der rechtsrheinischen Auffahrt zur Mülheimer Brücke (Foto rechts), wo er seit 2016 anlässlich der Ausstellung „Strassengold“ im Kreise vieler Kollegen zu finden ist.

Kölner Stadtschreiber: Knopfi hat kein Stroh im Kopf

Zum anderen begegnete ich ihm in der Brüsseler Straße (Foto links). Dieses Paste-up muss allerdings schon älter sein, denn Joiny, die gleich daneben zu erblicken ist und offenbar aus derselben Periode stammt, ist noch ein kleines, gedrungenes Gör – und nicht die schlanke und hochgewachsene junge Dame, als die sie mir ansonsten begegnet ist.

JaDa! habe ich nur ein einziges Mal entdeckt: Auf der Nordseite der Hohenzollernbrücke, oben in der Fußgängersackgasse kurz vor dem Hauptbahnhof (Foto ganz rechts).

Kölner Stadtschreiber: gehighm JaDa

Kölner Stadtschreiber: Joiny Smile 2016

Smile 2016

Als neuer Gefährte von Joiny hat sich offensichtlich „Smile“ durchgesetzt. Ebenso wie Joiny hat auch er ein paar Entwicklungsstufen durchlaufen.

Kölner Stadtschreiber: Joiny Freund Smile Hohenzollernbrücke 2017

Smile 2017

 

Und ebenso wie Joiny hat auch er einen leicht fiesen Touch.

Kölner Stadtschreiber gehighm: Smile als abgerissene Hand

Von einem leicht fiesen Touch kann ich mich selbst allerdings auch nicht freisprechen …

 

Joiny antwortet – ihre Botschaft bleibt gehighm

Der Künstler oder die Künstlerin hinter Joiny möchte unerkannt bleiben. Erfreulicherweise hat sie oder er mir aber schriftlich ein paar Fragen beantwortet.

Kölner Stadtschreiber: Joiny Bus auf HohenzollernbrückeIst der formschöne, aber herrenlose Joint, den ich in letzter Zeit öfter sehe, auch von dir? Zum Beispiel an der Hohenzollernbrücke?
Da müsste noch ein VW Bus von mir sein (habe ich gefunden, siehe Foto rechts – Anm. BeVi). Meistens klebe ich die ein bissl versteckt. Wer Streetart mag, findet die dann auch. Auf der Rückseite der Brücke müssten noch 2 Vinylplatten kleben. 

Gibt es psychologische Profile zu den Charakteren? Wenn ja, wie lauten sie?
Eigentlich nicht, ist halt nur ein bekifftes Mädchen.

Gibt es so etwas wie eine übergeordnete Botschaft?
Es gibt wenig Kunst mit Sprechblasen. Meine Botschaft ist der Dialekt verschiedener Städte. In Köln benutze ich meistens kölsche Redensarten (damit hat’s angefangen). Weil z.B. die Berliner oder Hamburger das nicht verstehen, habe ich das mit dem Dialekt ausgebaut, passend zur Region.

Kölner Stadtschreiber: Joiny gehighm Hohenzollernbrücke DeutzGibt es langfristig eine kommerzielle Absicht – so wie etwa Reliew mit Angst Yok, der seine Motive u.a. als T-Shirts verkauft? Einen anderen Plan?
Man kann meine Kunst zwar in ein paar Ausstellungen kaufen, das hält sich aber in Grenzen. Vielleicht 1 oder 2 Mal im Jahr. Ich gehe lieber auf die Straße, da erreiche ich ein breites Publikum.

Welche Motivation steckt dahinter, Streetart zu machen, als Künstler anonym zu bleiben und Werke Kölner Stadtschreiber gehigm: Joiny Alaaf youfür den schnellen Verfall zu produzieren?
Es gibt Künstler, die wollen nicht anonym bleiben, ich sehe das anders. Kunst sollte schon eine Geschichte erzählen können. Je länger man anonym bleibt, umso interessanter wird es für die Leute.
Welche Motivation … hm … gute Frage. Motivation ist für mich, die Stadt mitzugestalten, auch wenn es illegal ist.
Grau sind die Wände und unser Alltag, in dem wir leben. Und wenn ich einem das Lächeln ins Gesicht zaubern kann, dann bin ich auch glücklich.

Kölner Stadtschreiber: Joiny Kopf mit Lamettahaaren hochWie kriegst du so etwas hin? Feuerwehrleiter? (siehe Bild links)
Nein, ich habe ein Stangensystem entwickelt, mit dem ich bis zu 6 Meter hoch kann.

An der Nordseite der Auffahrt zur Mülheimer Brücke ist mir eine Art „Gruppenausstellung“ aufgefallen. Neben Joiny, Smile und Knopfi („Kopflos in Köln“) sind dort u.a. seiLeise und Marshal Arts vertreten. Das Ganze wirkt auf mich abgestimmt.
Das stimmt, wir hatten letztes Jahr dort in Mülheim die Ausstellung „Strassengold“ www.strassengold.org. War vor ein paar Wochen in Ehrenfeld.

Wenn der Hund nicht geschissen hätte …

Erst da wurde mir klar, dass die Häufung der Joiny-Auftritte und der ihrer Kollegen im Sommer 2017 direkt zusammenhing mit dem diesjährigen Cityleaks-Festival und der gleichzeitig stattfindenden Streetart-Ausstellung bei Straßengold. Diese großartige Gelegenheit, mich in direkten Kontakt mit der Szene zu bringen, habe ich dann also fürs Erste verschnarcht.

Tja, wie der Sauerländer so schön sagt: „Wenn der Hund nicht geschissen hätte, hätte er einen Hasen gefangKölner Stadtschreiber: Joiny und Smile in gehighmer Missionen.“

Es bleiben noch jede Menge Fragen offen, zum Beispiel die nach der wirklichen Botschaft. Aber ich muss mich zunächst zufrieden geben. Das zweite Ersuchen nach Auskunft hat Joiny bislang unbeantwortet gelassen. Das ist wahrscheinlich auch besser so, sonst würde es schnell langweilig.

Und es gibt ja noch so viele andere Dinge zu tun.

Herbstlicher Epilog

Vielleicht wird Joiny irgendwann wieder verschwunden sein, genauso unauffällig, wie sie vorher in meinen Alltag gestolpert ist. So wie all die realen Charaktere auch: die Nachbarn auf Zeit – die Veedelsgesichter, die ich lediglich vom Einkauf am Büdchen oder in der Bäckerei kenne – die markanteren Typen aus der Bahn, die immer auf denselben Plätzen sitzen – die Kassiererinnen und Regaleinräumer in den Supermärkten – die Schnorrer von den Ecken und Bänken, die sich langsam, aber verbissen zu Tode saufen – all die flüchtigen Charaktere am Ufer des Rheins.

Irgendwann werde ich mal wieder durch Köln gehen und denken: Da war doch mal was. Was war das noch gewesen?
Aber bis es so weit ist, werde ich mich immer wieder aufs Neue freuen, wenn ich Joiny begegne. Hoffentlich wird das noch oft und lange Zeit der Fall sein. Bis ich dann halt irgendwann verschwunden sein werde.

4. Oktober 2017, Text & Fotos: -bevi

 

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