Noch eine Stunde bis zum Morgengrauen, dein Bett hat dich schon ausgespuckt. Du sitzt am Wohnzimmertisch beim Fenster zum Hof und wartest auf nichts. Zunächst hörst du nur dich selbst: das ruhige Pochen des Blutes in den Ohren, einen sanften Herzschlag, das leise Wehen des Atems. Dann das sanfte Brummen des Kühlschranks in der Küche, ein Klicken: Erschöpft röchelnd stellt sich die Maschine aus. Noch ist es still im Gemäuer um dich herum.

Die Häuserreihe, in deren Mitte deine Wohnung liegt, ist ein Organismus, einem Körper ähnlich. Du kannst ihr vegetatives Nervensystem vernehmen, wenn du achtsam hineinlauschst. Dann spürst du die Energiefelder der elektrischen Geräte der Nachbarn, die Sensoren deiner Haut registrieren verhaltene, schlaftrunkene Schritte auf dem Laminat in der Wohnung über dir. Gleich darauf flüstert eine Klospülung im Erdgeschoss und verebbt in gedämpftem Zischen. Jemand hustet nebenan, trocken und kurz, irgendwo steigt einer unter die Dusche.

Noch ist es dunkel draußen. Da hörst du den ersten Vogel rufen, von einem festen Standort aus. Wahrscheinlich sitzt er im Hinterhof auf einem Zweig des großen Kirschbaums, dessen dunkle Krone sich von der Fassade der gegenüberliegenden Häuserreihe als undurchdringlich schwarze Silhouette abhebt. Ein zweiter Vogel antwortet, sie zwitschern im Wechsel einander zu. Es ist, als vergewisserten sie sich ihrer Anwesenheit in der Dunkelheit der Nacht. Ihre Stimmen muten fröhlich und erleichtert an; ihre Töne klingen klar und ungetrübt von weiteren Geräuschen.

Dann ist es plötzlich wieder ruhig. Die Stille wirkt nun bleiern, als wäre etwas Schreckliches geschehen. Aber da ist nichts weiter, nur eine Lautlosigkeit, in die du gebannt deine Sinne richtest. Und dann hörst, nein spürst du es: Fast unmerklich schwillt das Grundrauschen der Stadt an.

Das Motorenbrummen von der nahen Autobahn bereitet den Boden für einen Teppich aus Klängen aller Art, Husten und Schniefen, Furzen und Gähnen erwachender Menschen, Rascheln von Bettwäsche und Kleidung, Stimmengewirr aus eingeschalteten Fernsehern und Radios, Nachrichten, Musik, einsetzendes Plätschern aus Duschen und Waschbecken, Klirren von Besteck und Geschirr. So stellst du es dir vor, nichts davon ist im Einzelnen zu vernehmen. Aber so muss es doch sein, denn das Rauschen aus undefinierbaren Quellen wird immer mehr.

Das erste Licht in einer Wohnung gegenüber, sofort darauf das zweite in der Küche drei Hausnummern weiter rechts. Die alte Frau, die dort lebt, lässt sich umständlich auf dem Stuhl am Fenstertisch nieder und schaut kurz herüber. Gleich senkt sich ihr Blick, als hättest du sie bei einer Untat ertappt. Über ihr, am westlichen Himmel, wächst Licht auf den Dächern und steigt merklich auf.

„Im Westen?“, denkst du. „Ist das Elektrosmog oder das Streulicht des Sonnenaufgangs im Osten?“ Das geht erst langsam und dann ganz schnell, und mit dem Morgengrauen setzt das Vogelzwitschern ein. Erst heben einzelne Rufer an, schnell folgen die Erwiderungen. Mehr und mehr Stimmen erklingen, die einen noch verschlafen, die anderen schon frisch. Du beobachtest ihr Treiben im Kirschbaum, das nervöse Flattern von Ast zu Ast. Sind das Meisen in der Hecke? Eine Elster landet auf einem Dach und stöbert in der Regenrinne nach Futter.

Ein Flugzeug dröhnt träge über die Stadt hinweg, weit oben zerteilt es – wie in akustischer Zeitlupe – die wummernde Luft. Eine Katze beginnt zu fauchen, panisch, immer schriller. „Ein Kampf“, denkst du, „auf Leben und Tod. Wer ist der Gegner?“ Auf einen Schlag ist es vorbei. „Wer ist der Sieger?“, denkst du jetzt.

Ein lautes Knacken im Sicherungskasten beendet das elektrische Laden der Nachtspeicherheizung. Außerhalb deiner Mauern wird das Rauschen zum Brausen, nun schälen sich einzelne Laute heraus: rufende Stimmen, schlagende Autotüren, die Laufgeräusche hochhackiger Schuhe. Oben trappelt das kleine Mädchen in seinem Zimmer umher, gleich wird es zum Kindergarten gebracht. Eine Taube beginnt ihr heiseres Gurren und findet kein Ende damit.

Du schließt noch einmal die Augen und stellst dir all die Menschen da draußen vor. Die in den Wohnungen, die unter den Brücken. Die, die es jetzt miteinander treiben, die gerade ihr Leben aushauchen, und die, die in diesem Moment geboren werden. Die Menschen an den Bushaltestellen, in den Bäckereien, über Gehwege eilend, in Kirchen knieend bei der Morgenandacht, in Autos hockend, an Ampeln wartend. Lachende, ernste, lebhafte und stumpfe Gesichter. Was verbirgt sich hinter den Masken? Wohin wendet sich das Leben?

„Sie sind wie ich“, denkst du. „Ein jeder hat sein Päckchen geschultert und trägt es in die Welt hinaus.“ Du öffnest die Augen, ein Blick auf die Uhr: Es ist Zeit, dass auch du dich herrichtest für den neuen Tag.

 

Text & Foto: -bevi

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