GLOSSE. Ein Skandal von noch nicht absehbarem Ausmaß erschüttert das Kölner Rathaus. Offenbar ist die Sanierung von Kölner Oper und Schauspielhaus – jahrzehntelang das Aushängeschild der Rheinmetropole in Sachen Pfusch und Klüngel – bereits am 30. Oktober 2015 planmäßig abgeschlossen worden. Und nicht nur das: Mit 189 Millionen Euro Gesamtkosten waren die Baumaßnahmen rund 25 % billiger als ursprünglich veranschlagt. Wie kann es sein, dass dem Steuerzahler diese verstörenden Tatsachen so lange vorenthalten wurden?

Der Whistleblower, ein ehemaliges Ratsmitglied, erinnert sich:

„Anfang Juli 2015 wurden wir mit der Tatsache konfrontiert, dass die Sanierungsarbeiten kurz vor dem erfolgreichen Abschluss standen. Jürgen (der damalige Kölner Oberbürgermeister Jürgen Roters, Anm. KS) berief sofort eine Krisensitzung ein. Uns allen war absolut klar, dass wir damit nicht an die Öffentlichkeit gehen konnten. Das Image der Stadt stand auf dem Spiel!“

Der Weltuntergang findet nicht statt!

Da hatte also etwas so geklappt, wie es von Anfang an geplant gewesen war. Die Spitzen der Ratsfraktionen waren sich einig: Das geht gar nicht! Der Rheinländer ist schließlich bekannt und beliebt dafür, dass bei ihm alles kreuz und quer geht und nach hinten raus dann trotzdem alles irgendwie funktioniert. Schon zwar so, dass am Ende alle wieder Stippeföttche machen und sich gegenseitig lachend auf die Schultern klopfen können. Aber doch nicht so, wie es geplant gewesen war! „Deswegen“, so war man sich einig, „kommen doch so viele Touristen Jahr für Jahr zu uns. Um Spaß am Chaos zu haben!“

Auch der eigenen Bevölkerung wäre dieses Debakel nicht zu vermitteln gewesen. Der Whistleblower weiter: „Bei den Kölnern hieß es damals: Mit Oper und Schauspielhaus ist es genau wie mit dem Dom. Der wird bekanntlich auch nie fertig. Und wenn er doch fertig wird, dann geht die Welt unter. Ernsthaft: Sollten wir den Menschen etwa sagen, dass ihre Welt untergegangen ist?“

Streit, Pfusch und Klüngel

Also wurde der Beschluss gefasst, das Ungeheuerliche zu vertuschen. Die Presseabteilung des Rathauses nahm ihre Arbeit unter dem Codenamen „Sit esu jot un dot dat“ auf. Am 23. Juli wurde verlautbart, dass die für den 7. November 2015 geplante Wiedereröffnung von Oper und Schauspielhaus verschoben werden müsse. Unter anderem habe es Streit mit einer beteiligten Baufirma gegeben. Von Anfang an habe es keinerlei Koordination der Aktivitäten gegeben. Und überhaupt: Keiner fühle sich zuständig, keiner übernehme die Verantwortung! Pfusch und Klüngel, wohin man auch blicke!

Die Verträge mit den Ausweichspielstätten seien bereits gekündigt. Wo solle man denn jetzt Theater machen? An eine Wiedereröffnung von Oper und Schauspiel sei nicht vor dem Herbst 2016 zu denken. Köln stehe ganz schön blamiert da!

Die Sandwich-Methode

Aber Glück gehabt! Die Ausweichspielstätten sagten Verlängerung zu. Typisch kölsch: Für alles gibt es eine Lösung! Im Frühherbst 2016 trat Oberbürgermeisterin Henriette Reker vor die Presse und diktierte den plangemäß völlig überraschten Journalisten in die Notizblöcke, dass die Oper auch in der Spielzeit 2017/2018 nicht zur Verfügung stehen werde. Kulturdezernentin Susanne Laugwitz-Aulbach fügte hinzu, der angepasste Kostenstand der Unternehmung werde sich voraussichtlich auf 349 Millionen Euro erhöhen.

Doch Köln sei nun um eine Attraktion reicher: die Opernfähre zur Ausweichstätte Staatenhaus! Dass es sich dabei um den ollen „Strolch“ handelte, der sowieso schon immer diese Strecke über den Rhein geschippert war: geschenkt.

Am 30. Juli 2017 wurde behauptet, dass die ursprünglich geplanten Kosten von 253 Millionen Euro für die Sanierung inzwischen auf bis zu 570 Millionen Euro angewachsen seien. Die Arbeiten könnten vielleicht Ende 2022 beendet sein. Köln, so empörte sich eilfertig Inge Halberstadt-Kausch, zu jener Zeit baupolitische Sprecherin der SPD, stehe nun bundesweit blamiert da!

Alles eine Frage der Darstellung!

Im Sommer 2022 hieß es dann, die neuen EU-Richtlinien zur Gebäudesicherheit erforderten eine grundlegende Neukonzeption und –installation der Toilettenanlagen. Die Kosten des Großprojektes wurden nun mit „nur wenig mehr als 750 Millionen Euro“ beziffert. „Das“, so der frisch gewählte Oberbürgermeister Til Schweiger, „kann sich doch sehen lassen. Damit liegen wir fast gleichauf mit dem Berliner Flughafen BER. Und die Marke knacken wir auch noch!“

Es lief also eigentlich ganz gut. Doch dann trat der oben erwähnte Whistleblower auf den Plan und entlarvte alles als Lüge. Oper und Schauspielhaus sind schon lange fertig. Wie er KS glaubhaft versicherte, war im Juli 2015 aus übergeordneten Gründen eine Desinformationskampagne gestartet worden, die in weiten Teilen die Handschrift der Stasi trägt.

Daher lauten unsere nächsten Fragen: Ist das Kölner Rathaus von ehemaligen Geheimdienstlern des Warschauer Pakts unterwandert? Ist die Nord-Süd-Bahn etwa auch schon längst fertig? Und was ist mit dem Dom? Auch seit Jahren fertig? Ist die Welt vielleicht schon untergegangen, einzig die Stasiabteilung des Kölner Rathauses macht uns weis, es gäbe sie noch? Nur damit wir weiter Spaß an der Freud haben?

Eines steht jedenfalls fest: Köln steht nun mindestens weltweit blamiert da!

Und wie soll es nun weitergehen?

„Aber das ist doch ganz einfach!“ Gerhild Gelbleber-Auckmann, Chefin des Verbandes der Hotel- und Gaststättenbetreiber, gibt sich zuversichtlich: „Selbst wenn es stimmt, was diese Spaßbremse von Whistleblower da verbreitet: Was ist denn schon groß passiert? Keiner blickt mehr durch. Alles völlig normal! Lasst die Menschen da draußen weiter denken: ‚Guck dir die Jecken an! Die sind genauso bekloppt wie wir, wenn nicht sogar noch bekloppter! Die sind in Ordnung! Da fahren wir hin! Da gibt es immer was zu lachen!‘ Das ist gut für Köln. Und was für Köln gut ist, ist gut fürs Geschäft.“

Na dann.

Text & Foto: -bevi

 

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