Kölner Stadtschreiber

Streifzüge im Schatten des Doms

Kölner Sternsinger 2018

KOMMENTAR. Als ich ein Junge war, haftete der Ehre, ein Sternsinger zu sein, noch ein Hauch von Abenteuer und Freibeutertum an. Heute scheint es sich dabei eher um eine buchbare Dienstleistung im Rahmen der gesellschaftlichen Freiwilligenkultur zu handeln.

Wo ich wegkomme – also in einem Dorf im Sauerland – war ich als Panz nicht nur jahrelang Messdiener, sondern natürlich auch Sternsinger gewesen. Warum „natürlich“? Weil es im ganzen Kaff keine bessere Gelegenheit gab, sich bis zum Beginn der Fastenzeit mit Unmengen von Süßigkeiten einzudecken – und zwar für umme!

Und glaub mal bloß nicht, dass wir jedes Jahr dieselben Klamotten trugen. Schon Wochen vorher begannen wir damit, unsere jeweils aktuelle Königsverkleidung zu basteln und zu schneidern. Silberne Stecken mit sich drehenden Sternen oben dran: Das war echte Laubsägearbeit! Wallende Umhänge mit Pailletten und Troddeln, Kronen aus edelster Wellpappe.

Glücklicherweise – frag mich nicht, wie ich das geschafft habe – war ich jedesmal der Melchior. Der Einzige, der sich nicht schminken musste. Die beiden anderen Jungs schmierten sich vor der Runde Schuhwichse (nein, nicht Creme) in die Gesichter, vom Haaransatz bis weit unter den Hals. Das hatte regelmäßig zur Folge, dass sie wochenlang danach mit schlimmem Ausschlag durch die Gegend liefen. Aber egal. Hauptsache Süßigkeiten.

Dann zogen wir los – allein, ohne Aufpasser ‑ und klingelten an jeder Tür in dem Teil des Dorfes, den seine Hochwürden der Pfarrer uns zugewiesen hatte. Wenn eine Tür sich nicht auf Anhieb öffnete, klingelten wir Sturm, bis sich endlich jemand blicken ließ. Überfall!!!

Und wir mussten ja auch nie lange warten, bis die Tür aufging. Denn wo ich wegkomme, war es damals Christenpflicht, uns zu empfangen, ein wenig Kleingeld in unsere Sammelbüchse zu stecken und uns dann mit Süßigkeiten zu überhäufen. Trotzdem fühlten wir uns ein wenig wie die Räuber.

Dann krähten wir den Vier-Strophen-Song, den wir wochenlang im Religionsunterricht geübt hatten, aus voller Brust: und zwar auf Sauerländer Platt! Das willst du gar nicht hören. Aber die alten Leute machte das richtig glücklich. Zum Schluss malten wir dann mit nicht abwaschbarer Kreide unser Zeichen auf die Haustür: C*M*B. Das hielt locker bis zum nächsten Jahr.

Anschließend haben wir dann unsere Beute inspiziert und entsprechend unseren individuellen Vorlieben die Plombenzieher untereinander getauscht.

Christus Mansionem Benedicat anno 2018

Heute ist scheinbar alles anders.

Auf dem Rückweg vom Einkauf heute Morgen habe ich mich schon gewundert. Da waren fünf (!) Pänz, notdürftig als Heilige Drei (!) Könige verkleidet, mit zwei erwachsenen Aufsichtspersonen unterwegs. Aber die haben nicht an jeder Tür geklingelt. Die hatten eine Liste dabei, auf der die Personen standen, die offenbar um ein Ständchen gebeten und sich rechtzeitig angemeldet hatten. Auch nicht schlecht: Sie hatten Aufkleber mit dem Spruch 20*C+M+B+18 dabei. Leicht entfernbar, versteht sich.

Das fand ich ja noch ganz okay. Schließlich will nicht jeder sein Geld in eine Dose stecken, ohne zu wissen, was später daraus wird. Und dann gibt es hier in Köln ja auch viele mit einem geschulten musikalischen Gehör. Für die kann ein Trio aus halbwüchsigen Nebelkrähen durchaus eine Zumutung sein. Und auch das Kürzel C*M*B kann von weniger gutmeinenden Zeitgenossen durchaus missverstanden werden.

Aber eben habe ich dann im Radio auf WDR 2 gehört, dass die Pänz ihre ergatterten Süßigkeiten gar nicht für sich selbst behalten dürfen. Sie treffen sich anschließend mit allen anderen Sternsingern der Stadt (und vermutlich deren erwachsenen Begleitpersonen), werfen alles in einen großen Topf, und dann darf sich jeder genau drei Süßigkeiten aussuchen. Nur drei! Der Rest geht an die Tafeln!

Wer mich kennt, weiß, dass ich trotz meines Alters im Herzen noch immer so eine Art Sozialist bin. Aber das ist Sozialismus in seiner miesesten Form! Wo bleibt denn da der gesunde Wettbewerb? Was ist mit dem inneren Jubilieren über die fette Beute, von der ein Kind wochenlang zehrt, bis es ab Aschermittwoch in eine Wüste aus zuckerloser Freudlosigkeit geschickt wird?

Wird ein so behandeltes Kind sich im nächsten Jahr wieder wochenlang auf das Sternsingen freuen, liebevoll sein Kostüm vorbereiten und sich Schuhwichse ins Gesicht schmieren? Wird es 50 Jahre später als alter Sack noch leuchtende Augen bei der Erinnerung daran bekommen?

Ich behaupte: Nein, es wird schon im nächsten Jahr eine Angina pectoris oder Ähnliches vortäuschen, nur um diesen Quatsch nicht noch einmal mit sich machen zu lassen. Und es wird sich auch nach Aschermittwoch mit allen Süßigkeiten vollstopfen, derer es habhaft werden kann. Und wie soll es denn auch gelernt haben, auf sich selbst aufzupassen?

Diese Auswüchse von Gleichmacherei lehne ich aus tiefstem Herzen ab!

Aber ach, es kam noch schlimmer: Kaum war die Radioreportage über die armen Kölner Sternsinger beendet, spielten sie „Irgendwie Irgendwo Irgendwann“ von Nena im modernen Disco-Dance-Mix – zweisprachig, auf Deutsch und Englisch.

Da habe ich dann schnell einen anderen Sender gesucht. Also ernsthaft, bevor ich mir den ganzen Tag versauen lasse …

Text: -bevi, Foto: Wikimedia Commons

 

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2 Kommentare

  1. Et schnigget et schnagget, dat deiet us nix …
    LG
    Sabine

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