ESSAY. Für die einen sind sie lebendige Gesichter der Stadt, für die anderen nichts weiter als olle Kamelle: kölsche Originale. Ist ihre Zeit vorüber?

Vor einiger Zeit habe ich in einer Umfrage Leute gesucht, die einen „Tünnes und Schäl“-Witz kennen und bereit wären, diesen zum Besten zu geben. Allgemeines Schulterzucken war die Reaktion darauf. Gerade mal ein Witz (s.u.) war die magere Ausbeute.

Und als ich letztens einen vor drei Jahren zugezogenen Freund fragte, ob er denn einen solchen Witz kenne, lautete die Gegenfrage, wer denn Tünnes und Schäl seien.

Na gut. Jetzt einmal abgesehen davon, dass das Erzählen von Witzen jenseits der Comedybühnen und Karnevalsbütten insgesamt einigermaßen out ist: Nach Tünnes und Schäl kräht heute offenbar kein Hahn mehr.

Klar, sie gehören zu Köln und seinem Lokalkolorit wie die Altstadt und der Rhein. Aber doch eher so wie die Düsseldorfer Radschläger oder die Berliner Droschkenkutscher in deren Heimat: Du findest sie in jedem Souvenirgeschäft, auf jeder Art von nutzlosen Mitbringseln. Aber im wirklichen Leben sind sie kein Thema mehr.

Das hat mich auf die Frage gebracht, ob es denn überhaupt noch kölsche Originale gibt – vielleicht sogar zeitgenössische, nicht nur die aus vergangenen Zeiten. Die meisten bekannten Originale der Domstadt stammen ja noch aus dem 19. Jahrhundert.

Da stellen wir uns erst mal ganz dumm und fragen:

Was ist eigentlich ein Original?

Das sagt das Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon von 1839:

„Auch Menschen werden Originale genannt, wenn sie sich durch Originalität ihrer Denkungsart oder ihres Benehmens auf eigenthümliche und auffallende Weise vom Gewöhnlichen entfernen; dies kann jedoch ebenso gut durch Seltsamkeit und Thorheit, wie durch edle und vortreffliche Eigenschaften geschehen.“**

Der Begriff umfasst also ein weites Bedeutungsfeld. Das Bild, das wir heute im Allgemeinen von den historischen Originalen haben, ist stark geprägt von der damals üblichen Art des Informationsaustausches: der Mundpropaganda.

Reale und im Rahmen der mündlichen Überlieferung oft übertriebene Eigenschaften und Anekdoten wurden da oft zu Sinnbildern für das Typische eines Menschenschlages. So wie Tünnes und Schäl, die es bekanntlich nie wirklich gegeben hat.

Aus einfachen Verrückten wurden Legenden: Fressklötsch, Läsche Nas, Maler Bock, Lehrer Welsch, Orgels Palm. Nie gehört? Kein Wunder, dabei handelt es sich ja fast schon um Spezialwissen, nachzulesen auf Wikipedia unter „Kölsche Originale“.

Hier und da treffe ich bei meinen Spaziergängen durch Köln auf Denkmäler von Menschen, die durch irgendwelche besonderen Fähigkeiten oder durch Fehler und Schwächen von sich reden machten. Der „Fuule Weet“ etwa auf dem Brücker Marktplatz. Oder die „Schnüsse Tring“ auf dem Brunnen vor der Dreifaltigkeitskirche in Ossendorf.

Kölner Stadtschreiber kölsche Originale Fuule Weet

„Fuule Weet“-Brunnen in Brück

Mit der Figur des faulen Wirtes wird der Gastronom Alfons Weiden († 1970) in Verbindung gebracht, der im Stadtteil als Original galt, weil er seine Gäste schon mal gerne selbst zapfen ließ.

Kölner Stadtschreiber Schnüsse Tring Kölsche OriginaleUnd die Dienstmagd und Köchin Katharina („Tring“) erwarb sich Mitte des 19. Jahrhunderts in Ossendorf einen Ruf als „Klassenkämpferin“, indem sie ihrer Herrschaft gegenüber den Mund („de Schnüss“) aufmachte und bessere Bezahlung sowie alle 14 Tage sonntags Ausgang forderte.

So leicht war es damals, berühmt zu werden.

Diese Originale leben zwar im Gedächtnis der Stadt weiter. Wir finden sie gelegentlich auf Biergläsern und Karnevalsorden – nach der Schnüsse Tring zum Beispiel hat sich eine heute noch sehr lebendige Karnevalsgesellschaft benannt.

Aber wenn diese Figuren überhaupt noch eine Rolle spielen, dann im Hänneschentheater, im Karneval oder auf Kölnseiten im Internet. Im Alltag der Menschen aber ganz sicher nicht mehr.

Mensch bleiben!

Im 20. Jahrhundert hat es zwar noch einige Personen gegeben, die zumindest in der Presse als kölsche Originale bezeichnet wurden. Willy Millowitsch zum Beispiel, der Boxer Peter Müller („Müllers Aap“), die Kleinkriminellen „Dummse Tünn“ und „Schäfers Nas“, die Gastwirte Hans Lommerzheim („Lommi“) und Paula („Oma“) Kleinmann sowie der Kunstsammler Hermann Götting.

Doch werden es diese Figuren jemals auf Bierdeckel oder Kölschgläser für Touristen schaffen? Und wenn nicht: Wäre das schlimm?

Wie wir sehen, stammen alle sogenannten Originale aus längst vergangenen Zeiten, als Köln noch überschaubar war. Als die Welt noch klein war. Damals gab es noch keine Massenmedien, kein Social Ranking und keine Popkultur mit weltweit bekannten Stars und ihren Fangemeinden. Kein „Besser, Höher, Schneller, Weiter“. Keinen Body-Mass-Index, kein Psycho-Modelling, keinen Lifestyle. Weder XING noch „Next Top Model“-Competitions, noch Instagram-Blogger.

Der Mensch war ein Mensch, nicht Produktionsfaktor oder Zielgruppe.

Alle Wesensmerkmale der ehemaligen kölschen Originale gehen heutzutage in der Masse von uns normal Durchgeknallten völlig unter.

Bei so vielen Adipösen, wie sie an jedem Wochentag in der Stadt zu sehen sind, würde der Fressklötsch doch gar nicht mehr auffallen! Wir sind alle so jeck, dass es keine Jecken mehr gibt!

Und eine renitente Reinigungskraft, die zwei Stunden in der Woche mehr Zeit für ihr Privatleben haben wollte, würde von ihrer Zeitarbeitsfirma durch die erstbeste Hartz-IV-Empfängerin aus der Warteschlange ersetzt.

Es ist egal, was du bist. Es interessiert keinen mehr

Viele sehen in den kölschen Originalen nichts weiter als abgehalfterte Stereotypen. Traditionskitsch für Touristen.

Das Köln von heute ist nicht überschaubar und gemütlich. Es ist laut, schnell, anonym. Das Zusammenleben der Menschen ist geprägt von höflicher Nichtbeachtung. Hier musst du smart und unauffällig sein, um heile durchzukommen. Wer sich durch Eigenart aus der Masse hervorhebt, wird schlicht ignoriert.

Originalität gibt es zwar noch, und sie wird auch gefeiert. Aber sie wurde aus dem Alltag verbannt. Sie findet nunmehr in Fernsehshows und auf YouTube-Kanälen statt – wo ich sie wegklicken kann, wenn sie mir auf die Nerven geht.

Für manche sind die kölschen Originale nach wie vor wichtig: Sie dienen ihnen als Identifikationsfiguren und Projektionsflächen. Sie sind die Gesichter ihrer Sehnsucht nach einem Leben, in dem sie auch schwach und auf ihre ganz persönliche Art jeck sein dürfen – eben anders, als es die Norm von ihnen verlangt. Der Sehnsucht nach einem übersichtlichen Veedel, in dem die Leute sich kennen, einander grüßen, Kölsch miteinander reden und ihre Eigenart behalten.

Die Zeit der kölschen Originale ist vorbei. Jetzt leben wir im Zeitalter der Stars, und Köln ist nichts weiter als die Hintergrundkulisse für das nächste Selfie. 

Love it or leave it. 

 

Text & Fotos: -bevi, 

 * Tünnes und Schääl stehen an der KVB-Haltestelle. Neben ihnen ein immer ungeduldiger werdender Düsseldorfer, der plötzlich laut fragt: „Wann kommt denn endlich die Bahn?“ „Kann nimmieh lang duure“, sagt der Tünnes zu ihm. „De Gleise liejen jo schon do.“

** Aus: Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon, 1839, 1. Auflage. Band 3, F. A. Brockhaus, Leipzig 1837–1841, S. 351.

Das könnte dich auch interessieren: „Die gute, echte kölsche Art“

 

Teilen