Kölner Stadtschreiber

Streifzüge im Schatten des Doms

Kopfsprung in die Jauchegrube

Das hier wäre beinahe eine Predigt geworden. Aber letztendlich ist es doch nur eine Geschichte. (Die Predigt folgt später.)

Chlodwigplatz, Kölner Südstadt. Habe mich letztens dort mit einem Wildfremden unterhalten. Der saß auf einer der Rundbänke und nuckelte Bier aus einer Flasche. Jeder Schluck kürzer als der davor. Hin und wieder streichelte er die Saiten seiner weißen, abgewetzten Gitarre, die er gegen die Bank gelehnt hatte.

Sein Alter schätzte ich auf knapp über 60. Er trug eine schlohweiße Mähne auf dem Kopf, eine mächtig ausgebeulte Jeansjacke, schwarze Lederhose und Cowboystiefel. Ein Typ wie aus einem amerikanischen Heimatfilm.

Ich setzte mich neben ihn und sagte Tach.

Er sei auf der Durchreise, erwiderte er, so wie immer. „Heute hier, morgen dort!“ Ob ich diesen Song von Hannes Wader kenne?

Zur Bestätigung intonierte ich einige Zeilen. Wow! Das fand er nicht übel! Wieder streichelte er die Saiten seiner Gitarre.

Ob er auf diesem Instrument denn auch spielen könne?

Ja, sagte er, aber er habe jetzt keine Lust dazu. Was ich denn hören wolle?

„Blowin‘ in the Wind“.

Da musste er lachen. Seine Augen leuchteten rot im Schein der aufgehenden Sonne. „Immer dieselbe Scheiße!“

Er selbst habe schon mit den Stones auf der Bühne gestanden! Na ja, natürlich nicht gleichzeitig, sondern als Gitarrist der Vorband. 40 Jahre her, das Ganze. Ob ich ihm mal eine Zigarette drehen würde?

Warum er das denn nicht selbst könne?

Er hielt mir seine zitternden Finger vors Gesicht. Wie einer denn wohl damit eine Zigarette drehen solle?

Jetzt wusste ich, warum er in diesem Moment nicht die Gitarre spielen wollte, und drehte ihm eine.

Damals habe die ganze Scheiße angefangen.

Was er damit meine?

Na, das mit den Drogen und dem Alkohol natürlich. Jahrelang hacke wie Harry. Und dann: Frau, zwei Kinder, ein Job im Büro. Trotzdem weitergemacht mit „Hacke wie Harry“. Daran gewöhne man sich eben. Aber das lasse sich eine Frau eben nicht lange bieten.

„Und sie hat recht damit!“

Das war’s dann also: Scheidung, Trennung, Leben vor die Wand gefahren.

Jetzt fing er an zu weinen. Danach sei er zehn Jahre lang trocken gewesen. Aber dadurch habe sich rein gar nichts geändert. Frau und Kinder hätten nichts mehr mit ihm zu tun haben wollen. Und den Job habe er schließlich auch verloren: betriebliche Gründe.

Also Anlauf genommen und Kopfsprung zurück in die Jauchegrube.

Nachdem ich ihm einen sanften Magenstüber verabreicht hatte, fing er sich wieder.

Durchgeknallt und obszön, das sei sein Wahlspruch.

„Alles Scheiße, alles Mist, wenn man nicht besoffen ist.“

sagte er mit höhnischem Grinsen.

Vor seiner Ehe, zwanzig Jahre lang, habe er alle gefickt, die nicht bei „3“ auf dem Baum gewesen seien. Dann erzählte er mir jede einzelne diese Begebenheiten. Du würdest es bestimmt gerne hören, aber ich darf das einfach nicht online stellen.

Wenn alles stimmt, was er erzählte, hatte er zwar seinen Spaß, konnte ihn aber nicht wirklich genießen. Denn am nächsten Morgen war jedes Mal die Frau weg, und König Alkohol war noch immer da und verlangte nach mehr.

Ich fischte mein Portemonnaie aus der Jacke und sah nach: Es gab einen Zehner und einen Zwanziger darin. An diesem Tag sollte es der Zwanziger sein.

„Hier, hol dir ne Packung Fluppen und was zu saufen.“ Er stand auf und ging los.

Erst als er zurückkam, dankte er mir. Ein Päckchen Zigarillos und nicht nachgezählte Wodkapöttchen waren seine Beute.

„Wir Alkoholiker sind alle Arschlöcher“, sagte er, „ausnahmslos. Und Lügner. Zuerst belügen wir uns selbst, und dann belügen wir alle anderen. Und dann lachen wir uns über die anderen kaputt, dass sie so blöd sind, unseren Lügen zu glauben.“

Dann begann er damit, sich vollzutanken: drei Wodkapöttchen hintereinander, in weniger als drei Minuten.

Schließlich hielt er sich beide Hände vor die Augen, und ich hatte schon Angst, dass jetzt die Szene aus „Momo“ kommen würde: „Das sind doch starke Hände“ und so weiter. Glück gehabt: „Jetzt bin ich so weit!“, strahlte er, griff seine Gitarre und fing zu spielen an. Gar nicht übel. Plötzlich hörte er wieder auf.

„Hab dich noch gar nicht nach deinem Namen gefragt“, sagte er.

„Stimmt“, sagte ich.

Und dann sangen wir gemeinsam „Blowin‘ in the Wind“.

„How many times must a man look up
Before he can see the sky?“

Viele lächelten. Manche sangen im Vorübergehen mit.

 

Text & Foto: -bevie

 

Teilen

2 Kommentare

  1. Schön….🙏

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.