Kölner Stadtschreiber

Streifzüge im Schatten des Doms

Kunst in der Kölner Südstadt – Rund um Zint Jan

„Das Wichtigste in der Kunst ist der Rahmen“ (Frank Zappa)

Wieder einmal ist es Samstag und ich habe nichts Besseres zu tun, als in der Gegend herumzustromern. Mein heutiger Spaziergang beginnt am Waidmarkt, gegenüber dem großklotzigen Hotelkomplex, der dort hochgezogen wurde, wo früher das Kölner Polizeipräsidium residierte.

Sankt Georg

Das Portal dieser unaufdringlich wirkenden Kirche verweist in einem golden schimmernden Mosaik auf den Namenspatron Sankt Georg, den Drachentöter, dessen Reliquien sie aufbewahren soll. Der Bau der Kirche wurde im Jahr 1067 fertiggestellt, 2017 begeht das Gotteshaus demnach sein 950. Jubiläum.

Im Laufe der Jahrhunderte musste St. Georg manche Angriffe überstehen. Nicht erst der Einsturz des nahen Stadtarchivs am 3. März 2009 und die unterirdischen Bohrungen für den Bau der Bahnstrecke haben ihr schwer zugesetzt. Zwar steht sie heute wesentlich schlichter da als zur Zeit ihrer Errichtung, aber sie steht noch und ist in Betrieb. Das heißt, sie ist eine lebendige Kirche.

Kölner Stadtschreiber: Skulptur Judas Thaddäus in St. Georg

Der hl. Judas in St. Georg

Im Vorraum des Baus erwartet uns ein ungewöhnliches Szenario. Auf der linken Seite sehen wir zwei Altäre mit jeweils einer Statue darauf. Beide Skulpturen sollen Judas Thaddäus darstellen. Auf der Wand dahinter finden sich Votivtafeln und Kritzeleien mit Dankesworten, die an diesen Heiligen gerichtet sind.

Judas Thaddäus gehörte zu den zwölf Aposteln, war also einer jener Auserwählten aus der Gefolgschaft Jesu, die damit betraut wurden, dessen Botschaft zu verbreiten und vor dem Vergessen zu bewahren. Seines Vornamens wegen wurde er lange Zeit mit Judas Ischariot verwechselt, jenem Follower also, der es auf sich genommen hatte, durch seinen Verrat die Prophezeiung zu erfüllen – wofür ihn die Christenheit eigentlich nicht aufhören sollte zu preisen.

Doch macht sie das lieber nicht, sondern sieht lediglich einen hassenswerten Verräter in ihm. Aber wie – frage ich mich – wäre die Geschichte denn wohl weitergegangen, wenn Ischariot sich in jener Nacht nach dem Abendmahl wie all die anderen auch einfach schlafen gelegt hätte?

Wie auch immer. Judas Thaddäus erlebte nach einer langen Zeit des Verwechselns und Vergessens im 19. Jahrhundert seine Resozialisierung und reüssierte zu einem neuen Star am Heiligenhimmel. Zu seinem Fachgebiet entwickelte sich die Hilfe bei besonders schwierigen, ja geradezu aussichtslos erscheinenden Vorhaben.

Kölner Stadtschreiber: Wandkritzelei für Judas Thaddäus

Dank und Bitte um weitere Hilfe

Die vielfältigen Dankesbekundungen, die in Sankt Georg um sein Steinbildnis versammelt sind, künden davon, was die armen Kölner Sünder darunter verstehen: ein bestandenes Examen etwa, oder eine erlangte Stelle.

„Niedrigschwellige Religiosität“, hat Dr. Hermann-Josef Reuther, der aktuelle Pfarrer dieser Kirche, das einmal genannt („Kölner Stadt-Anzeiger“, 30.4.2017). Die Vorhalle von St. Georg sei sein „Sorgenkind“, weil die Kritzeleien den Respekt vor dem geweihten Ort vermissen ließen.

Das sehe ich anders. Die Vorhalle von St. Georg ist ein herausragendes Alleinstellungsmerkmal unter all den romanischen Kirchen in Köln, zeugt sie doch vom tief in ihren Herzen verwurzelten Glauben der Kölner Christen. Aktuell, lebensverbunden, einfach und ehrlich – das nennt sich heutzutage Credibility, meine Herren Theologen, und steht an der Himmelspforte weitaus höher im Kurs als Katechismus und Enzyklika.

Der Ikarus am Friedrich-Wilhelm-Gymnasium

Kölner Stadtschreiber: Ikarus am Friedrich-Wilhelm-Gymnasium

„Schneller, höher, weiter!“

Nur wenige Schritte weiter in die Severinstraße hinein – vorbei an der offenen Wunde, die das eingestürzte Stadtarchiv bis auf den heutigen Tag hinterlassen hat -, gelange ich zum Friedrich-Wilhelm-Gymnasium. Dessen Wahrzeichen, der gen Himmel strebende Ikarus über dem Haupteingang, ist schon von Weitem zu sehen.

Geschaffen wurde diese Plastik von Kurt-Wolf von Borries (1928‑1985), von dem im öffentlichen Kölner Raum noch weitere Werke zu sehen sind, etwa der Brunnen der Marktleute an der Venloer Straße in Ehrenfeld.

Auch der „Ikarus“ ist ein Opfer des Stadtarchiv-Einsturzes geworden. Nach der Katastrophe von 2009 war das Gymnasiumgebäude erheblich bruchgefährdet. Das führte dazu, dass der Lehrbetrieb in das VHS-Gebäude am Neumarkt evakuiert, der „Ikarus“ vorübergehend entfernt und das Schulgebäude generalsaniert wurde. Et voilà! Da ist er wieder: Drei Meter breit und 3,50 Meter hoch, gemahnt er uns daran, dass im Mittelmaß die beste Art zu leben liegt.

Zur Erinnerung: Als Strafe für seine Tätigkeit als Whistleblower (er hatte Theseus verraten, wie der Ariadnefaden zu handhaben sei) hielt König Minos den Dädalus mitsamt seinem Sohn Ikarus im Labyrinth des Minotaurus auf Kreta gefangen. Zur Bewerkstelligung ihrer Flucht stellte Dädalus künstliche Flügel her, deren Federn er mit Wachs befestigte. Aus diesem Grund war es wichtig, damit weder zu hoch noch zu niedrig zu fliegen. Im ersten Fall würde die Sonne das Wachs schmelzen, im zweiten würde es sich durch die Feuchtigkeit des Meeres auflösen.

Aber wie die jungen Leute nun mal sind: Ikarus wurde übermütig, flog zu hoch – und der Rest ist ein weltbekannter Mythos. Aber komisch: Alle Welt hat daraus gelernt, dass ein Mensch nicht zu hoch hinaus sollte. Niemand besinnt sich darauf, dass im Tiefflug dieselbe Gefahr steckt.

Sankt Severin in der Spielmannsgasse

Kölner Stadtschreiber: Statue St. Severin Spielmannsgasse

Schön das Gleichgewicht wahren!

Schräg links gegenüber in der Spielmannsgasse, gleich neben dem Turm von Sankt Johann Baptist (op Kölsch: „Zint Jan“), steht einer der Schutzheiligen der Stadt Köln: Severin, Namenspatron des Vringsveedels, das er dort mit weit ausgestreckten Armen beschirmt.

Der besagte Turm dieser ehemaligen Filialkirche von Sankt Severin kam 2004 als der „Schiefe Turm von Köln“ bundesweit in die Schlagzeilen. Da hatte er sich infolge des U-Bahnbaus bedenklich zur Seite geneigt.

Inzwischen sieht man absolut nichts mehr davon, aber seitdem denke ich immer, dass der Marmorheilige mit seiner Körperhaltung versucht, die Balance zu halten auf wackligem Grund.

Die Bauernregel zu seinem Namenstag am 23. Oktober lautet. „Wenn’s Sankt Severin gefällt, so bringt er mit die erste Kält’.“

Nachdem ich die Auffahrt zur Severinsbrücke überquert habe, biege ich rechts ab zum Karl-Berbuer-Platz.

Das Schiff der Narren

Kölner Stadtschreiber: Das Narrenschiff am Karl-Berbuer-Platz

„Nimm uns mit, Kapitän, auf die Reise!“

Der Kölner Bäcker, Komponist und Sänger Karl Berbuer wurde deutschlandweit bekannt vor allem durch „Heidewitzka, Herr Kapitän“, das Lied vom Müllemer Böötche, aber auch durch die heimliche Nationalhymne der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg „Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien“.

Mit „Trizonesien“ waren die Zonen der drei westlichen Besatzungsmächte auf deutschem Boden gemeint. Dieser Song wurde nach der Zerschlagung des Möchtegern-Reichs bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit in Ermangelung einer amtlichen Nationalhymne gespielt. Karl Berbuer hatte damit also den Nerv der Zeit getroffen.

Das seinem Gedenken gewidmete „Narrenschiff“ findet in jedem Stadtführer für Köln-Touristen Erwähnung.  Auf dem nach Berbuer benannten Platz findet sich jedoch ein weiteres bemerkenswertes Kunstwerk, das nicht in jedem Köln-Guide zu finden ist.

Das Mural am Karl-Berbuer-Platz

Das Wandgemälde erstreckt sich über zwei Mauern des Hauses mit der Nummer 1, dem Stützpunkt vom „SeniorenNetzwerk Altstadt-Süd“, und wurde von den MittwochsMalern angefertigt – einem Graffiti- und Jugendkunstprojekt des SKM e. V.  www.mittwochs-maler.de

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Kölner Stadtschreiber: Mural am Karl-Berbuer-Platz_1

 

Der Karl-Berbuer-Platz ist wahrhaftig eine Oase der Ruhe am Rand des hektischen Treibens auf der Severinstraße. Hier könnte ich gut auf einer der lauschigen Bänke unter dem Blätterdach der leise im Wind flüsternden Bäume eine Rast einlegen.

Aber ich weiß etwas noch Besseres.

Kölner Stadtschreiber: Der Brunnen auf dem Vorplatz von Sankt Johann Baptist

Der Brunnen auf dem Vorplatz von Sankt Johann Baptist

Also gehe ich zurück, überquere die Severinstraße und lasse den Brunnen auf dem Vorplatz von Zint Jan links liegen.

Nur wenige Schritte später betrete ich den Hof von Sankt Gregorius im Elend. Hier – das weiß ich aus Erfahrung – wird niemand meine Muße stören, wenn ich meine Stulle auspacke und den lieben Gott für eine halbe Stunde einen guten Mann sein lasse.

Sankt Gregorius im Elend und Schönstatt-Heiligtum

Kölner Stadtschreiber: Kunst in der Südstadt Elendskirche

Sankt Gregorius im Elend

Du gehst durch das Tor der hohen Mauer, die den menschenleeren Vorhof der Elendskirche von der Straße „An Sankt Katharinen“ trennt, und trittst in eine andere Welt. Nicht nur, weil es augenblicklich viel stiller wird um dich herum, kannst du es körperlich spüren. Sondern auch weil die Geister längst vergangener Tage auf diesem kleinen Anwesen noch lebendig sind.

Es sind die Geister jener, die die Katholischen in Köln über viele Jahrhunderte hinweg für menschlichen Ausschuss hielten und deren „unkatholische“ Leichname sie nicht in ihrer geweihten Erde duldeten: Ehrlose, Selbstmörder, Hingerichtete, heimatlos in Köln Verstorbene ‑ aber auch die Protestanten, bis diese 1576 mit dem Geusenfriedhof ihre eigene Begräbnisstätte erhielten.

Kölner Stadtschreiber: Kunst in der Kölner Südstadt SchönstattLinks neben dem Ehrfurcht gebietenden Portal der Elendskirche, das in einem Relief die Embleme des „Triumphierenden Todes“ vereint (siehe Beitragsfoto ganz oben), befindet sich der Eingang zu einer 1963 eingeweihten kleinen Kapelle, hinter dem sich das Schönstatt-Heiligtum verbirgt.

Hier, auf dem Friedhof der unkatholischen Toten, umgeben von verwitterten Gedenktafeln und moosüberwachsenen Grabinschriften, genieße ich eine kleine Auszeit und erfreue mich am Anblick einer kleinen Gruppe von Tierskulpturen, die inmitten all dieser Morbidität erfrischend lebendig wirkt.

Kölner Stadtschreiber: Kunst in der Südstadt Tiergruppe auf dem Friedhof Elendskirche

Untote Tiere auf dem Friedhof der Elendskirche

Aus dem Wohnhaus gleich neben dem Vorhof zur Elendskirche dringt der leidenschaftliche Gesang eines talentierten jungen Mannes. Er improvisiert zu dem Geklapper von Pfannen, Schüsseln und Besteck.

Vielleicht ist er gerade damit beschäftigt, das Essen für seine Familie zu kochen? Mit hoher, souliger Stimme besingt er einen Engel: „Then there was an angel! Oooh an angel knocking at my door! A wonderful beautiful powerful …“ Immer verzückter klingt sein Gesang, er scheint schwer verliebt zu sein. Endlich schwingt er sich in die höchste für ihn erreichbare Oktave hinauf, das Klappern von Besteck und Geschirr nimmt rhythmische Muster an – und ich vergesse ganz, meine Mahlzeit fortzusetzen, so fasziniert bin ich.

Natürlich fährt in diesem Moment ein Notarztwagen mit laut tönendem Martinshorn vorbei und zerstört den magischen Moment. In dieser Stadt muss ständig irgendeiner gerettet werden.

Oben in der Küche geht unter lautem Fluchen eine Schüssel zu Bruch.

Hm, denke ich mit einem Blick auf meine trockene Käsestulle, ich könnte eigentlich auch mal wieder was Ordentliches vertragen. Jetzt gehe ich erst mal einkaufen, und dann widme ich mich der Kochkunst. Meinen Spaziergang setze ich lieber ein anderes Mal fort.

Text: -bevi, Fotos: -bevi & Özge Kabukcu

Erster Spaziergang: Von Sankt Pantaleon zum Chlodwigplatz

Dritter Spaziergang: Durch den Rheinauhafen zum Ubierring

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1 Kommentar

  1. .Margi Engels de Manrique

    10. Juli 2022 at 17:33

    Also in Ehren☝🌺🌹,wirklich eine sehr schöne historisch erzählte Beschreibung der kirchl.&kulturellen Denkmälermit lebendigerWegbeschreibung durchs besondere Kölner Südstadtviertel..👌🏼Dankeschön

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