Kölner Stadtschreiber

Streifzüge im Schatten des Doms

Lass es bimmeln!

Oft sitze ich in der Straßenbahn und kann beim besten Willen nicht verstehen, warum es nicht weitergeht. Die Signale stehen auf freie Fahrt, kein Fahrerwechsel, die Türen sind verschlossen, alles funktioniert – aber die Bahn fährt nicht los. Der Fluch der KVB.

Zum Beispiel gestern. Direkt nach dem Ausstieg aus der einen Linie fährt mein Anschlusszug in die Station ein. So ein Glück habe ich eigentlich nie! Ich nehme die vorderste Tür und finde sogar einen Sitzplatz, gleich hinter der Fahrerkabine, deren Tür offen steht.

Die Zugführerin blickt hinaus und spricht mit einem etwa vierjährigen Dreikäsehoch, der auf dem Schoß seines Vaters hockt.

„Na?“, sagt sie. „Willst du die Bahn mal bimmeln lassen?“

Und ob der Döppke das will! Mit leuchtenden Augen und glühenden Wangen lässt er sich von ihr auf den Schoß hieven. Sie zeigt ihm den Knopf, auf den er drücken soll, und macht es ihm einmal vor. Sofort ahmt er es nach und kann die Allmacht über die Welt der Geräusche nicht fassen, die ihm soeben verliehen wurde. Jauchzend vor Freude betätigt er den Kopf, wieder und immer wieder.

Die Bahn fährt nicht nur nicht los. Keiner der Anwesenden will, dass sie jetzt losfährt. Überall nur strahlende Gesichter. Zumindest hier bei uns im vorderen Bereich.

„Nun ist es aber gut“, sagt der Vater und lächelt die Fahrerin freundlich an. Dann zu seinem Sohn: „Sag danke und komm wieder her zu mir.“

Der Kleine bedankt sich, indem er die Frau so feste drückt, wie es ihm mit seinen kurzen Armen nur möglich ist.

„Ach, lassen Sie ihn doch noch ein bisschen hier“, schlägt sie mit klimpernden Lidern vor. „Ich lasse die Tür auf, und dann fahren wir mal los. An der nächsten Haltestelle können Sie Ihren Wonneproppen dann zurückhaben.“

Der Vater nickt.

„Aber du darfst jetzt nichts mehr anfassen!“ schärft sie dem Jungen mit drohendem Zeigefinger und gerunzelter Stirn ein. Dem wird ganz feierlich zumute, die Fahrt geht los – jaanz höösch – und seine Augen werden immer größer.

Wenn ich eben in den zweiten Waggon eingestiegen wäre, fällt mir plötzlich ein, und das alles nicht mitbekommen hätte, wäre ich garantiert total angepisst. Und tatsächlich: Als ich mich umdrehe und nach hinten spinxe, sehe ich nur grundgenervte Gesichter, Fleisch gewordenen Hass auf die Inkompetenz der Kölner Verkehrsbetriebe, schüttelnde Köpfe, trommelnde Finger.

Offenbar kommt es im Leben doch sehr darauf an, welchen Platz ein Mensch einnimmt.

 

Text: -bevi

 

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3 Kommentare

  1. Wohl wahr! Sehr schön geschrieben! Danke.

  2. Michael Waßerfuhr

    21. Januar 2019 at 18:13

    Super.

  3. Ein sehr schöner Beitrag. Mit viel Herz.

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