Schon seit Stunden sitze ich auf der Kante meines Bettes und starre auf die Wand direkt vor mir, nur eine Armlänge entfernt. Zwar ist es Nacht, aber hier ist es nie wirklich dunkel und auch nie wirklich still. Die beiden Kollegen, die sich mit mir das Drei-Betten-Zimmer teilen, schnarchen um die Wette, doch es gelingt ihnen nicht, damit das Surren und leise Fiepen der medizinischen Geräte, an die sie angeschlossen sind, zu überstimmen.

Die Wand ist weiß, glatt und sie glänzt durch die aufgetragene Lackschicht, die eine leichte Reinigung ermöglicht, falls einmal Blut, Erbrochenes oder was du dir sonst noch vorstellen kannst, darauf gerät.

Am Anfang sah ich nur die weiße Fläche, die Leere, das Gefängnishafte dieser Mauer. Je länger ich darauf starrte, umso deutlicher bildeten sich Strukturen heraus, dann Formen, Farben, eine große Weite sogar. Mein Geist erwachte langsam, wie aus einer Betäubung. Er weckte Gefühle in mir, und die Gefühle begannen zu sprechen.

Da bin ich dem Tod mal wieder im letzten Moment von der Schippe gesprungen.

Es ist ja nicht das erste Mal, dass ich fast verblutet wäre.

Damals war ich noch ein junger Mann, 22 Jahre alt. An einem warmen Sommertag gingen meine damalige Geliebte, eine ihrer Freundinnen und ich zum Schwimmen an den See. Als wir ins Wasser liefen, trat ich auf eine Glasscherbe, den abgebrochenen Boden einer Bierflasche, und trug eine lange und tiefe Schnittwunde an der Sohle davon, aus der ich heftig blutete.

Ich erinnere mich, wie ich am Ufer lag und den dunkelroten Schwall beobachtete, der sich wie eine bedrohliche Gewitterwolke im Wasser ausbreitete. Kleine Fische tummelten sich in der Wolke und fraßen mein Blut, während ich schwächer wurde und immer weniger spürte.

Vielleicht war der Schock die Ursache dafür, dass es überhaupt nicht weh tat. Als ich in die Scherbe getreten war, hatte mich der Schmerz zunächst wie ein Blitz durchfahren, vom Fuß bis in die Haarwurzeln. Mit geschlossenen Augen hatte ich Sterne gesehen und gemeint, das Weltall sei mir ins Gehirn gedrungen.

Dann kam die Stille, der Schmerz verschwand. Das Blut pulste aus mir heraus, und während die beiden Frauen aufgeregt um Hilfe riefen, lag ich ganz ruhig am Ufer und dachte: Das war’s also, es ist okay. Obwohl ich jung war und ein aufregendes Leben führte, war ich bereit zu sterben – denn ich fand es angenehm auf diese Weise. Verbluten ist ein schöner Tod, dachte ich damals, und wer weiß schon, ob ich jemals wieder die Gelegenheit dazu haben werde, auf eine so schöne Art zu sterben?

So war es auch diesmal, das ist erst einige Stunden her. Es hat ganz unvermittelt damit begonnen, dass etwas Blut aus meiner Nase lief. Erst dachte ich, es sei ein Rotzfaden, wie das bei alten Männern schon einmal vorkommt. Herrje, wie peinlich!

Aus dem Faden wurde ein Rinnsal, dann eine Quelle. Als der Rettungswagen, den meine Arbeitskollegen herbeigerufen hatten, mich in der Notaufnahme des Krankenhauses ablieferte, spritzte das Blut aus mir heraus, mit jedem Pulsschlag eine Fontäne. Keiner kannte den Grund dafür.

Und wieder dachte ich: In Ordnung, hier finde ich meinen Frieden. Die Kinder sind groß, verdienen ihren Lebensunterhalt selbst, meine Sorge hat ein Ende.

Ich weiß noch, dass ich in diesem Moment bedauerte, an keinen Gott zu glauben und auch nicht an ein Leben nach dem Tod. Wäre doch nett, dachte ich, wenn ich alles, was ich so erlebt habe, noch einmal jemandem erzählen könnte.

Wieder wurde ich gerettet. Aber auch das ist in Ordnung, wenn es auch keinen Sinn ergibt. Es muss ja auch nicht alles einen Sinn haben.

Vielleicht gibt es die Welt nur aus einem einzigen Grund: weil es möglich ist, dass es sie gibt. Sie existiert, um zu existieren. So wie ich lebe nur aus diesem einen Grund: um zu leben. Wenn mein Leben endet, hat auch das keinen weiteren Grund. Und ebenso gleichgültig wie die Ursache für mein Ableben ist es, wann und wo das geschieht, denn die Zukunft gibt es im Leben nicht.

Die Zukunft ist Hoffen und Bangen, solange du lebst, und die Bilder deines Hoffens und Bangens leben im Jetzt, nicht in der Zukunft. Es gibt kein Leben in der Zukunft, es gibt kein Leben in der Vergangenheit. Das Leben existiert nur im Jetzt, in der Gegenwart.

Der Tod ist ein Arschloch. Er mag kommen, wann immer er will. Er wird nie willkommen sein.

Aber die Gegenwart ist es, ihr werde ich von nun an huldigen. Sie soll mein Gott sein, an den ich glaube, das Idol, zu dem ich bete. Sie ist das Einzige, das wirklich ewig ist. Die Gegenwart ist wie die weiße Wand vor mir. Sie ist das, was ich auf ihr sehe.

Die Gegenwart, das bin ich.

Aber ich kann dieses Schnarchen meiner Zimmergenossen jetzt einfach nicht mehr ertragen. Also stehe ich auf, ziehe meine Straßenkleider an und gehe hinunter in den Krankenhauspark.

Dort, auf der Bank zwischen zwei Birken, werde ich die Sterne im Weltall bewundern ‑ und eine Zigarette rauchen. Vielleicht auch zwei. Und ich werde nicht allein sein, weil du am Aschenbecher eines Krankenhauses zu jeder Tages- und Nachtzeit eine verwandte Seele findest, mit der du dich austauschen kannst.

Da bin ich also.

(Städtisches Krankenhaus Köln-Holweide, Dezember 2014)

Text & Foto: -bevi 

 

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