Kölner Stadtschreiber

Streifzüge im Schatten des Doms

Also, ich sag immer: Leben und leben lassen!

Es gibt nur eins, das ich mehr liebe, als recht zu haben: nämlich wenn mich einer mit wirklich guten Argumenten davon überzeugt, dass er noch ein klein wenig mehr recht hat als ich. Zum Beispiel heute Morgen der Büdchenchef im Veedel, wo mein Waschsalon ist.

Bei dem schaue ich gerne mal vorbei, wenn ich darauf warte, dass meine Plünnen durchgelaufen sind. Nachdem er die Ware abgerechnet hat, schwaden wir noch eine Runde – wie man das halt so macht, wenn weit und breit keine andere Seele zu sehen ist und man es nicht eilig hat.

„Heute soll’s ja schön werden“, sage ich.

Sagt er: „Jaha, nicht nur heute, morgen auch!“

Sag ich: „Gott sei Dank, es hat genug geregnet die letzten Wochen. Na ja, das war aber schon guter Regen.“

Sagt er: „Gut für die Bauern“, und winkt unwirsch ab.

Sag ich: „Aber was gut ist für die Bauern, ist doch auch gut für uns!“

Sagt er: „Ich kauf mein Brot bei Aldi. Da gibt’s immer welches, auch wenn’s bei uns nicht geregnet hat.“

Sag ich: „Aber das ist kein gutes Brot. Das ist aus Industriemehl, in dem keine Nährstoffe mehr sind und das mit riesigen, dieselbetriebenen Container-Schiffen von China oder wasweißichwoher rangeschippert wird.“

Sagt er: „Mir doch egal. Mich macht das satt.“

Sag ich: „Ja, für kurze Zeit. Aber auf lange Sicht betrachtet ist Bio und aus der Region doch viel besser. Nahrhafter und so.“

Sagt er: „Viel zu teuer.“

Sag ich: „Nicht, wenn man alle künftigen Folgekosten der Umweltverschmutzung rausrechnet. Langfristig betrachtet ist Bio eigentlich billiger.“

Sagt er: „Sie sind wohl einer von diesen Müsli-Essern.“

Sag ich: „Nun ja, Müsli find ich schon ganz okay. Aber hin und wieder ein Schnitzel, da hab‘ ich auch Spaß dran.“

Sagt er: „Dann ist ja gut. Ich dachte schon, Sie wären so’n Veggie-Apostel.“

Sag ich: „Aber wenn ich ein Schnitzel esse, dann achte ich schon darauf, dass es von einem Bio-Schwein ist.“

Sagt er: „Hm. Sie meinen eins von diesen glücklichen Schweinen.“

Sag ich: „Genau, das freien Auslauf auf dem Hof hatte, artgerecht gehalten wurde, nicht mit Hormonen und Medikamenten gespritzt wurde, nur astreines Fressen gekriegt hat, keinen Stress mit anderen Schweinen, alles schön sauber und so ‑ ein ganz normales, glückliches Schwein.“

Sagt er: „Und mit nur zwölf Rippen.“

Sag ich: „Ja, genau! Sie kennen sich aus!“, und strahle über beide Backen.

Sagt er: „Also so ein glückliches Schwein zu ermorden, finde ich eine Sünde. Da erlöse ich doch lieber eins von diesen normalen, geschundenen Viechern aus seinem Elend, damit es nicht mehr leiden muss. Na ja, und wenn es dann schon mal hinüber ist, wäre es doch schade, das Fleisch einfach wegzuschmeißen. Dann kann man doch auch ohne schlechtes Gewissen die Schnitzel davon essen. Also, ich sag ja immer: Leben und leben lassen!“

Da hatten wir also folgende Situation: Ich hatte zwar recht, aber er hatte quasiermaßen noch rechter, auch wenn er unrecht hatte. Verstehst du? Um ehrlich zu sein, verstehe ich es selbst nicht. 

Text: -bevi, Foto: Wikimedia Commons

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2 Kommentare

  1. Er hatte definitiv nicht Recht. Er redet sich das nur schön damit er weiter sein Billigfleisch von geschundenen Tieren essen kann.

  2. Peter Beringhoff

    31. Januar 2019 at 0:57

    Sehr schöne Anekdote Bernd.
    Gisela. Das Billigfleisch essen kann er ja sowieso. Dafür sucht er keine Rechtfertigungen. Er sagt, daß es moralisch richtiger sei eins von den geschundenen Viechern aus seinem Elend zu befreien, damit es nicht mehr leiden muss. Also so ein glückliches Schwein zu ermorden, finder er, sei eine Sünde. Da hat er doch recht. Die Konsequenz daraus wäre doch, daß du kein Fleisch mehr ißt. LG P

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