Kölner Stadtschreiber

Streifzüge im Schatten des Doms

Leichtigkeit ist schwer zu bewirken

PORTRÄT. Er gilt als Erfinder der Operette und war schon zu Lebzeiten ein Weltstar: Jacques Offenbach, der „Mozart der Champs-Élysées”, wurde vor 200 Jahren in Köln geboren. Was erinnert im heutigen Stadtbild noch an den Komponisten? Ich habe mich einmal auf Spurensuche begeben.

Der Rundgang beginnt am Großen Griechenmarkt. An der Fassade des Hauses mit der Nummer 1 finde ich eine Gedenktafel mit der Aufschrift „In diesem Hause wurde der Komponist Jacques Offenbach am 20. Juni 1819 geboren“.

Nun ja, das stimmt nicht ganz. Das Haus, in dem Jakob als zweiter Sohn von Isaac Eberst und Marianne Rindskopf seinerzeit das Licht der Welt erblickte, wurde bereits 1870 abgerissen. Und wer Bilder vom zerstörten Nachkriegsköln gesehen hat, weiß, dass auch der Nachfolgebau die größte Katastrophe des 20. Jahrhunderts nicht überlebt hat.

Eines der damaligen Gesetze besagte, dass alle Juden sich nach der Stadt benennen mussten, aus der sie stammten. So kam es, dass aus der Familie Eberst die Familie Offenbach wurde.

Die Tafel – die so unauffällig ist, dass man leicht achtlos an ihr vorübergeht ‑ hängt an einem charakterlosen Haus der Neuzeit, gleich gegenüber gibt es einen Spielplatz, ein paar Meter weiter befindet sich eine Feuerwehrstation. Ein langweiliges Veedel inmitten des großstädtischen Brausens drum herum.

Das dürfte in den 20er-Jahren des 19. Jahrhunderts anders gewesen sein. Köln war damals kleiner als heute. Die Kinder spielten noch in den Straßen, Pferdefuhrwerke und Fußgänger beherrschten das Bild innerhalb der Stadtmauern. Der nahe Hafen, die leichten Damen, Spelunken und Marktschreier – das alles gehörte zum bunten Alltag.

Dies ist die Zeit, in der der „Köbes“ der Familie Offenbach die Anfänge des kölschen Karnevals miterlebt: 1823 findet der erste Straßenumzug statt. Satire, Spott und Häme, die immer unter dem Radar der preußischen Zensur flogen, sowie ein großzügiger Schuss rheinischen Frohsinns, den Jakob als Komponist später in die ganze Welt hinaustragen wird.

Sein vielfach talentierter Vater ist nicht nur Dichter, Komponist und freiberuflicher Gitarre-, Flauto-, Violin- und Singlehrer. Er ist auch ein Caféhausgeiger, der zur Unterhaltung der Gäste aufspielt. Und weil Jakob ihn oft begleitet, erlangt der Junge in den Kölner Gaststätten seine musikalische Färbung. Er nimmt Cello-Unterricht und entwickelt sich recht bald zu einem Virtuosen.

Schon mit elf Jahren gibt er, gemeinsam mit  seinem Bruder Julius und der Schwester Isabella, im Gymnicher Hof am nahen Neumarkt regelmäßig Konzerte. Da diese Gaststätte längst nicht mehr existiert, können wir uns den Abstecher dorthin sparen.

Beitrag Offenbach Synagoge Glockengasse

Die Kölner Synagoge in der Glockengasse

Weil Isaac Offenbach bald nach Jakobs Geburt eine Festanstellung als Kantor (Chasan) der sich gründenden jüdischen Gemeinde erhält, kann die Familie 1831 in die mit dieser Stellung verbundene Dienstwohnung in der Glockengasse 7 einziehen. Das soll die nächste Station unseres Ausflugs sein.

Kölsche Opéra bouffe

Die sich im Aufbau befindliche jüdische Gemeinde zu Köln nutzt in jenen Jahren ein Bethaus auf dem Grundstück des säkularisierten Klosters Maria im Tempel. Heute, im Jahr 2019, stehen wir in der Glockengasse vor einem Ungetüm aus gestapelten Bürocontainern, in denen die seit 2012 vor sich hin dümpelnde Sanierung der Kölner Oper verwaltet wird. Welche Noten wären Jacques wohl angesichts dieser Groteske aus der Feder geflossen?

Der Offenbachplatz, an dem die Oper steht, wurde übrigens zwar nach dem Jubilar benannt, um den es hier geht. Aber ausdrücklich auch nach seinem Vater, um der nationalsozialistischen Gräuel zu gedenken, die in der Pogromnacht von 1938 hier an den Kölner Juden begangen wurden.

Kölner Stadtschreiber Glockengasse 7 2019Dies ist die Startrampe, von der aus das Leben des Jakob Offenbach richtig Fahrt aufnimmt. Der Vater hat Großes mit seinen hochtalentierten Söhnen Julius und Jakob im Sinn, und das geht nicht in dem Köln, in dem sie leben. Paris ist zu jener Zeit die Hauptstadt der Musik.

Also reist er mit ihnen an die Seine, wo es ihm gelingt, dass der 14-jährige Jakob als Schüler am Conservatoire aufgenommen wird. Der nicht minder talentierte Julius wird zwar nicht aufgenommen, aber in der Folgezeit durch die Erteilung von Musikunterricht die Finanzierung des Lebens der Brüder übernehmen.

Der Vater reist nach Köln zurück und überlässt seine Söhne ihrem Schicksal. Das muss man sich im Zeitalter der Helikopter-Eltern einmal vorstellen!

Beide, Jakob wie auch Julius, ändern ihre Vornamen in Jacques und Jules und werden Teile der Pariser Luft. 1835 erhält Jacques eine Stelle als Cellist im Orchester der Opéra-Comique. 1839 findet die Aufführung seines ersten musiktheatralischen Werkes, „Pascal et Chambord“, statt. Da ist er gerade einmal 20 Jahre alt.

Er etabliert sich als einer der besten Cellisten Europas, erhält eine Stellung an der Opera comique, konzertiert am englischen Hof vor Königin Victoria und Prinz Albert und konvertiert schließlich zum Katholizismus, um seine große Liebe heiraten zu können: Hermine d’Alcain (1826–1887), die Tochter eines spanischen Konzertagenten, mit der er fünf Kinder haben wird: Berthe (* 1845), Minna (* 1850), Pépita (* 1855), Jacqueline (* 1858) und Auguste (* 1862).

Der Prophet gilt nichts im eigenen Land

Noch zwei Mal wird Offenbach nach Köln zurückkehren. 1843 gibt er hier gemeinsam mit Franz Liszt ein Konzert. Und während der Pariser Februarrevolution 1848, in deren Verlauf sich der Neffe von Napoleon Bonaparte an die Macht putscht, bringt er seine Frau und das gemeinsame Kind Berthe an der Breite Straße in Sicherheit. Leider wissen wir nicht, wo er vom März 1848 bis zum Juli 1849 dort unterkam. Die Zeugnisse seines Lebens in Köln wurden beim Einsturz des Historischen Archivs so sehr in Mitleidenschaft gezogen, dass es wohl noch Jahrzehnte brauchen wird, sie zu restaurieren.

Zwar ist er auch in dieser Zeit sehr produktiv, komponiert und konzertiert. Am 14. August 1848 gibt er anlässlich der 600-Jahr-Feier der Dombau-Grundsteinlegung ein Solo-Konzert auf dem Cello. Eine Anekdote berichtet, er habe am selben Tag im Gelben Salon an der Schildergasse eine seiner Tarantellas zum Besten gegeben, was dem Männer-Gesangverein Köln so gut gefiel, dass er sich am nächsten Morgen mit einem persönlichen Ständchen vor Offenbachs Haustür bedankte. 

Immerhin kann er seinen Aufenthalt nutzen, um sich mit dem Vater zu versöhnen, dem es gar nicht geschmeckt hat, dass ein Sohn des Kölner Chasans zu den Papisten übergelaufen ist.

Jacques‘ Versuch, in der Heimat wieder Fuß zu fassen, scheitert jedoch nicht zuletzt mit der erfolglosen Aufführung des Opus „Marielle“. Von der Kölner Presse wird Offenbach hartnäckig ignoriert.

Diese Zeit in Köln, die nicht mehr als eine Episode war, hat ihm nicht gefallen. Und so wird er bei der zweiten großen Zäsur in seinem Leben – dem deutsch-französischen Krieg 1870/71, der den ehemaligen deutschen Juden Offenbach zwischen alle Stühle bringt – lieber Spanien, die Heimat seiner Frau,  als Exil wählen.

Der Durchbruch

Schon bald nach seiner Rückkehr in die französische Hauptstadt wird er Kapellmeister an der Comédie-Française. Anlässlich der Weltausstellung in Paris eröffnet er 1855 seine eigene Spielstätte: das „Bouffes Parisiens“, das heute noch existiert. Dort ist er Theaterdirektor, Autor, Impresario und Dirigent in Personalunion. Eine Fülle von Aufgaben, die ihn zweimal finanziell in den Konkurs treibt ‑ was ihn allerdings nicht daran hindern wird, seinen Lebensabend als wohlhabender Mann zu verbringen.

Mit der Uraufführung von „Orpheus in der Unterwelt“ gelingt ihm 1858 der Durchbruch, der ihn in ganz Europa berühmt macht. Schon bald pfeifen in Paris alle Spatzen seine Melodien von den Dächern. Das Publikum liebt seine Lieder, ihre Rhythmik, die Komik der Bilder und die von Jacques entscheidend mitgeprägten Lyrismen.

Offenbach macht sich auf derartig niveauvolle Weise über das dekadente Zeitalter von Napoleon III. lustig, dass selbst der Kaiser das gut findet. Wegen seiner Erfolge wird ihm 1860 die französische Staatsbürgerschaft verliehen, 1861 wird er gar zum Ritter der Ehrenlegion ernannt.

Als sich die politische Lage zwischen Frankreich und Deutschland zuspitzt und dann in den Krieg von 1870/71 mündet, sitzt Jacques Offenbach plötzlich zwischen allen Stühlen. In den französischen Zeitungen wird er als „Spion Bismarcks“ bezeichnet, die deutsche Presse denunziert ihn als „Vaterlandsverräter“. Und dass er „eigentlich ein Jude ist“, macht die Sache für ihn auch nicht besser, und zwar auf beiden Seiten.

Vielleicht beginnt sein Stern nach dem deutsch-französischen Krieg in den miteinander verfeindeten Ländern zu sinken, aber mit erfolgreichen Auslandstourneen durch Großbritannien, die USA, Italien und Österreich gelingt es Offenbach, den Kopf – zumindest finanziell – über Wasser zu halten.

1877 startet er die Komposition von Hoffmanns Erzählungen, die er aber wegen seines letztendlich tödlichen Gichtleidens nicht beenden kann. Sein Kollege Ernest Guiraud vervollständigt die Orchestration des Werkes, das posthum zu einem der größten Erfolge des Jacques Offenbach werden soll und noch heute – neben der „Carmen“ von Bizet ‑ eine der meistgespielten französischen Opern ist.

Ein sehr bewegtes und bewegendes Leben, in dem es einige Male steil hinauf und dann wieder den Berg hinab ging. Offenbach hinterließ ein umfangreiches Werk. Am bekanntesten sind der „Höllen-Cancan“ aus der Oper „Orpheus in der Unterwelt“ – ein weltbekannter Gassenhauer, der als der Cancan schlechthin gilt – sowie die „Barcarole“ aus „Hoffmanns Erzählungen“ – eines der wunderbarsten Frauen-Duette der Musikgeschichte

Jacques Offenbach stirbt am 5. Oktober 1880 und findet auf dem Pariser Friedhof Cimetière des Montmarte seine letzte Ruhestätte.

Die Statue am Rathausturm

Und da bin ich schon an der letzten Station meines Offenbach-Spaziergangs: am Historischen Rathaus zu Köln, wo sich im zweiten Obergeschoss des Turms eine Figur des Komponisten befinden soll. Außerdem erklingt dort jeden Tag um 18 Uhr eine Melodie des Meisters der Leichtigkeit.

Aber wo ist denn nun diese Figur? Ich laufe hin und her und kann sie einfach nicht finden. Kurz bevor ich glaube, verrückt zu werden, entdecke ich sie dann doch noch im Gegenlicht der untergehenden Sonne. Sie ist nur vom Alter Markt aus zu sehen, und zwar in einer für meine nicht mehr ganz so jungen Augen kaum erkennbaren Entfernung. Da braucht man eigentlich schon ein Teleskop, um zu sehen, dass gleich neben dem Komponisten der Soziologe Karl Marx am Turm verewigt ist.

Kölner Stadtschreiber Figur Jacques Offenbach am Rathausturm in KölnOb sich diese beiden Männer wohl jemals in ihrer gemeinsamen Zeit in Köln begegnet sind? Einige Experten führen an, dass ihre Gedankenwelten in enger Berührung zueinander stehen. Das wäre eine eigene Geschichte wert.

 

 

 

 

 

 

Text: -bevi, Beitragsfoto: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Paris_-_Jacques_Offenbach.JPG, alle anderen Fotos: -bevi

 

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3 Kommentare

  1. Gisela Siebert

    6. Februar 2019 at 12:06

    Das hast Du wunderbar geschrieben. Wenn man einmal anfängt zu lesen will man mehr erfahren. Informativ und spannend zugleich. Danke!

    • Das geht mir runter wie gute Butter. Die Recherche zu diesem Porträt war extrem anstrengend, hat aber auch viel Spaß gemacht. Vorher wusste ich gar nichts über Jacques Offenbach, jetzt bin ich ein Fan. Danke, Gisela.

  2. Sehr interessant, das Meiste davon wusste ich noch gar nicht. Danke!

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